Der Volkswagen-Konzern hat seinen Anteil am Lastwagenhersteller MAN SE nach Informationen dieser Zeitung über die Börse deutlich aufgestockt. Am Freitagnachmittag informierte MAN – offenbar als Reaktion auf die Recherchen dieser Zeitung – in einer Pflichtmitteilung über die Aufstockung der Beteiligung durch die Wolfsburger: Demnach hält VW nun 73 Prozent der Stammaktien und 26,46 Prozent der Vorzugsaktien; der Gesamtanteil am Grundkapital beträgt 71,08 Prozent.
Der größte europäische Autohersteller hat damit auf den Erwerb der stimmberechtigten MAN-Stammaktien abgezielt, um so seinen Einfluss zu erhöhen. Unauffällig hat er in den vergangenen Monaten weiter über die Börse zugekauft. Noch im September vergangenen Jahres hatte der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, dass Volkswagen mit den 56 Prozent der Stimmrechte an MAN „gut aufgestellt“ sei. „Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht alle Optionen für die weitere Gestaltung eines integrierten Nutzfahrzeugkonzerns offen halten“, hatte Winterkorn nachgeschoben.
Diese Äußerung ist nach Aussage einer VW-Sprecherin nach wie vor gültig. Darüber hinaus wollte sie sich am Freitag nicht äußern. Auf die Fragen, ob VW den Anteil an MAN inzwischen weiter erhöht habe und ob eine qualifizierte Mehrheitsbeteiligung von 75 Prozent angestrebt werde, sagte sie nur: „Kein Kommentar.“ Im Aufsichtsrat von MAN ist dem Vernehmen nach noch nicht über die Aufstockung und die damit einhergehenden Pläne von Volkswagen gesprochen worden. Aber der MAN-Chefkontrolleur Ferdinand Piëch ist bekannt dafür, Entscheidungen mehr oder weniger im Alleingang durchzusetzen.
Im vergangenen Jahr erhöhte VW im Zuge eines Übernahme-Pflichtangebotes für rund 3,4 Milliarden Euro seinen Anteil von knapp 30 Prozent auf 55,9 Prozent der Aktien und auf 53,71 Prozent der Stimmrechte. Unmittelbar nach den kartellrechtlichen Genehmigungen und dem Vollzug des Erwerbs der Aktien am 9. November kauften die Wolfsburger über den Aktienmarkt weiter zu. Bis zum Ende des Jahres erhöhte VW durch Kauf von Stammaktien seinen Anteil auf 59,58 Prozent. Der Stimmrechtsanteil stieg auf 57,33 Prozent. Das kostete 300 Millionen Euro, war aber noch vergleichsweise günstig. Bot VW im Zuge der Pflichtofferte 95 Euro, kostete die Aktie im November um die 60 Euro und erreichte am Ende jenen Monats nur 55 Euro. Das Unternehmen hat dabei versucht, auch öffentlich nicht aufzufallen, in dem es nicht aktiv über den Zukauf berichtet hat, sondern ganz beiläufig anlässlich der Jahrespressekonferenz einfach nur den höheren Anteilserwerb im Pressetext erwähnt und pflichtgemäß im Geschäftsbericht unterrichtet hat.
Dass VW weiter zugekauft hat, lässt sich auch an der Kursentwicklung der MAN-Aktie in den zurückliegenden Monaten erkennen. Die Titel entwickelten sich seit Jahresanfang mit einem Kursplus von fast 40 Prozent auf zuletzt mehr als 100 Euro deutlich besser als der Dax mit rund 8 Prozent. Über die Beweggründe kann nur gerätselt werden, zumal der Konzern bislang eher den Eindruck vermittelt hatte, sich mit den erhaltenen 55,9 Prozent zufrieden zu geben. Das reiche aus, um eine Nutzfahrzeuggruppe von MAN und der schwedischen Scania, an der VW 72 Prozent der Stimmrechte hält, zu schmieden.
Aufgrund der jüngsten kräftigen Aufstockung rechnen Beobachter damit, dass der Wolfsburger Konzern nun bestrebt sein wird, alle Anteile von MAN einzusammeln. Das allerdings könnte noch länger dauern. Ein Überschreiten der Schwelle von 75 Prozent als nächster wahrscheinlicher Schritt würde zwar den Abschluss eines Beherrschungs- und Ergebnisabführungsvertrages (Unternehmensvertrag) ermöglichen. Doch müsste der verbleibende Streubesitz eine Garantiedividende erhalten, die unabhängig von der Ertragsentwicklung von MAN gezahlt würde.
Von nicht unerheblichem Vorteil könnte für den Hauptaktionär sein, dass MAN schon in absehbarer Zeit um die Zukunft im Dax fürchten muss. Zwar hat sich mit Blick auf den Kurssprung der Börsenwert deutlich erhöht und erreicht derzeit 14,2 Milliarden Euro. Für den Verbleib im Börsenoberhaus spielt aber der Börsenwert des Streubesitzes die entscheidende Rolle. Und da könnte ein Festbesitz von zwei Drittel zur kritischen Grenze werden; dann erreicht der gestreuten Aktien noch einen Wert von 4,1 Milliarden Euro, Damit liegt MAN auf dem letzten Platz der 30 Dax-Titel. Der M-Dax-Konzern Lanxess ist derzeit wie MAN bewertet.
Im Herbst folgt die nächste turnusgemäße Entscheidung über die Zusammensetzung des Dax. Doch könnte eine Entscheidung der Deutschen Börse auch schon früher erfolgen. Sollte MAN herausfallen, würde es – abgesehen von spekulativen Käufen wegen eines erhofften neuen Übernahmeangebotes – zu Kursverlusten kommen. Viele Fonds würden die Aktien aus dem Depot nehmen. VW könnte weitere Aktien günstiger zukaufen.