Home
http://www.faz.net/-gqe-nv2t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Lastwagen-Maut Unternehmen sehen Schuld bei anderen Unternehmen

19.09.2003 ·  Zu wenig Zeit, zu viele Beteiligte, defekte Geräte, fehlerhafte Softwareintegration: Unternehmen geben sich gegenseitig die Schuld am Technik-Chaos der Lastwagen-Maut.

Artikel Lesermeinungen (0)

Genau vor einem Jahr, am 20. September 2002, hat die Bundesregierung dem Konsortium Toll Collect den Auftrag erteilt, das erste elektronische System zur Erfassung von Straßenbenutzungsgebühren in Deutschland aufzubauen. "Toll Collect arbeitet präzise, zuverlässig und wirtschaftlich." So stellte sich das Betreiberkonsortium damals vor. Die Namen Daimler-Chrysler Services und Deutsche Telekom, mit je 45 Prozent Hauptgesellschafter von Toll Collect, ließen kaum Zweifel aufkommen.

Am 31. August 2003 sollte mit der Lastwagenmaut eine neue Zeitrechnung auf Deutschlands Autobahnen beginnen. Doch es ist ganz anders gekommen. Inzwischen ist sogar der 2. November als Einführungstermin mehr als fraglich geworden. Technische Probleme, 163 Millionen Euro eingeplante Einnahmen, die dem Bund aus der Maut fehlen, eine Diskussion über Schadenersatzansprüche - die Negativnachrichten reißen nicht ab.

Telekom: Offiziell will sich niemand äußern

Das sieht man auch in der Konzernzentrale der Deutschen Telekom so. Offiziell will sich niemand äußern. Zuletzt hatte Vorstandsmitglied Josef Brauner Ende August gesagt, eine Garantie, daß der Einführungstermin eingehalten werden könne, könne man nicht geben. Mehrere hundert Telekom-Beschäftigte arbeiten an dem Maut-Projekt. Der Beitrag der Telekom besteht beispielsweise aus der Datenübertragung per Mobilfunk zwischen der sogenannten On-Board-Unit im Fahrzeug und der Zentrale sowie die Anschaltung der Ticketautomaten an den Raststätten, an denen sich Lastwagenfahrer manuell einbuchen können. Die Telekomsparte T-Systems betreibt das Rechenzentrum und soll künftig die Maut mit den Fahrzeughaltern abrechnen.

Bei T-Systems liegt auch die schwierige Aufgabe des Systemintegrators, der alle, auch die von außen eingekauften Komponenten, zum Laufen bringen muß. Wo liegen nun die Probleme? "Zu wenig Zeit", heißt es in Unternehmenskreisen. Man könne das System erst integrieren, wenn alle Geräte und Komponenten, beispielsweise genügend On-Board-Units, verfügbar seien. So konnte die Erprobung der Abrechnung erst vorige Woche beginnen. Durch die Beteiligung des Konkurrenzkonsortiums Ages (Vodafone, BP, Shell) an dem Projekt wurde zwar eine Klage gegen die Auftragsvergabe vermieden. Toll Collect handelte sich aber zusätzlichen Entwicklungsaufwand bei der Software ein, weil die Ticketautomaten auch Tankkarten akzeptieren sollen.

Siemens weist jede Schuld von sich

Der Münchner Elektronikkonzern Siemens weist jegliche Schuld an den Pannen von sich. "Wir müssen uns nicht den geringsten Vorwurf gefallen lassen", sagt ein Sprecher der Konzernzentrale. Siemens habe 130 000 fehlerfrei funktionierende On-Board-Units pünktlich an Toll Collect geliefert. Vom Kunden gebe es keine Klagen, ergänzt eine Sprecherin der Siemens VDO Automotive AG, das Automobiltechnikunternehmen des Konzerns. Dagegen berichten Spediteure, daß der Großteil der On-Board-Units nicht funktioniere. Wegen der häufigen Fahrten in die Werkstätten seien den Speditionen Umsatzverluste in Millionenhöhe entstanden.

Grundig hat die On-Board-Units von der Größe eines Autoradios mit einem Software-Unternehmen entwickelt und produziert sie in seinem portugiesischen Werk für Auto-Audioanlagen in Braga. "Zum 30. August haben wir 100 000 Stück an Toll- Collect geliefert", berichtet ein Sprecher des insolventen Nürnberger Unternehmens. Acht seien an Grundig zurückgeschickt worden: vier seien wegen unsachgemäßer Behandlung beschädigt worden, vier seien defekt gewesen. Bis zum Frühjahr 2005 hat Toll Collect mit Grundig eine Abnahmemenge von insgesamt 400 000 Stück vereinbart.

Zulieferer sehen sich am Pranger

Offiziell äußern sich die Zulieferer nicht zur Frage, welche Ursachen die Pannen des Mautsystems haben könnten. Durch die gegenseitigen Schuldzuweisungen sehen sie sich an den Pranger gestellt. Die einzelnen Produkte seien einwandfrei, heißt es bei einem Zulieferer. Wegen eines schludrigen Managements von könnten die Komponenten aber nicht so aufeinander abgestimmt werden, daß das gesamte System funktioniere: "Der Fehler liegt in der Integration." Diese ist Aufgabe von T-Systems.

Bei Daimler-Chrysler ist man immer noch vom Erfolg des Mautsystems Toll Collect überzeugt. Die Probleme, die nun aufträten, seien allein dem Zeitdruck zuzuschreiben, sagt ein Sprecher von Daimler-Chrysler, der zugleich für das Konsortium Toll Collect spricht: "Unsere Ziele waren sehr ehrgeizig, vielleicht zu ehrgeizig", meint er. In der "aufgeregten Zeit" vor der Bundestagswahl habe der damalige Verkehrsminister aber darauf gedrungen, das Mautsystem noch 2003 einzuführen, möglichst zum 1. September. Statt der geforderten elf Monate habe sich das Konsortium 15 Monate Zeit gewünscht - was nun dazu führe, daß die ersten vier Monate keine Vertragsstrafen fällig würden.

Daimler-Chrysler zeigt auf Grundig

Von den bestellten 450 000 On-Board-Units, die in die Lastwagen eingebaut werden sollen, sind bisher 285 000 Geräte gebaut. 160 000 Geräte wurden ausgeliefert und 145 000 eingebaut. Der Produktionsverzug bereitet aber die geringsten Probleme. Schwerer wiegt, daß es massive Ausfälle gibt. "Bis zu 30 Prozent der von Grundig gelieferten Geräte fallen aus", schätzt der Daimler-Chrysler-Sprecher. Der Grund: Während der Stuttgarter Autokonzern, der 1996 das System entwickelt und zum Patent angemeldet hat, von Anfang an mit Grundig zusammengearbeitet hat, ist nach Auftragserteilung des Bundes im vergangenen Jahr Siemens VDO als weiterer Lieferant für die Fahrzeuggeräte dazu gestoßen. Die Software mußte angepaßt werden, was jetzt bei den Grundig-Geräten zu Ausfällen führt. Auch der Einbau in das Fahrzeug dauert bei Grundig-Geräten erheblich länger, was unter den Spediteuren zu großem Unmut geführt hat. Es können Mängel an dem Gerät, an der Antenne und am Kabelsatz auftreten, räumt der Daimler-Chrysler-Sprecher ein, zudem könne es Probleme mit der Initialisierung geben. Die Siemens-Geräte würden dagegen vor Auslieferung bereits personalisiert und initialisiert.

Das Unternehmen sei bereits an Ausschreibungen in zahlreichen Ländern beteiligt. Man verbuche großes Interesse: "Japan, Taiwan und einige osteuropäische Länder, aber auch Großbritannien und die Niederlange interessieren sich für Toll Collect. Dort werden die augenblicklichen Probleme nicht überbewertet."

Intern ist ist das Konsortium der Probleme aber schon bewußt. Toll Collect sucht mit Stellenausschreibungen im Internet einen "Leiter Produktverbesserung". Er soll sich um die "Koordinierung der laufenden Verbesserungen des Mautsystems in den Bereichen Systemtechnik, Betriebsprozesse und Organisation" kümmern.

Quelle: him./sup./Stü., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2003, Nr. 219 / Seite 16
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 11 15

30.05.2012 11:10 Uhr
  Vortag
Dax 6.335,38 −0,96%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.381,10 −0,94%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2441 −0,38%
Rohöl Brent Crude 105,58 $ −1,19%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.