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Veröffentlicht: 18.01.2017, 21:42 Uhr

Zukunft der Landwirtschaft Große Sorge ums Essen

Erstmals ruft die Landwirtschaft nach einem Systemwechsel. Bei einigen Pflanzen gehen sogar schon die Ernten zurück. Neue Hiobsbotschaften gibt es auch über die Tierhaltung.

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© dpa Trügerische Idylle? Die Landwirtschaft schlägt Alarm.

Die Versorgung mit Lebensmitteln steht auf dünnen Säulen. Die Abhängigkeit der immer großflächigeren Landwirtschaft von immer weniger Pestiziden gibt Anlass zur Sorge. Erstmals sagte das vor Beginn der „Grünen Woche“ in Berlin nun öffentlich der Kreis der unternehmerischen und weltmarktaffinen Landwirte – die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG).

Jan Grossarth Folgen:

Zu enge Fruchtfolgen und zu hoher Chemikalieneinsatz brächten immer mehr Resistenzen von Pflanzen, sagte der Präsident der DLG, Carl-Albrecht Bartmer, der F.A.Z. Bei Pflanzen wie Raps sinken deshalb schon die Ernten. Landwirte betrieben einen „gigantischen Chemieaufwand“, so Bartmer . Deshalb gebe es immer mehr Resistenzen, die „nicht mehr so wie in dem früheren Maß durch Pflanzenschutzmittel ersetzt werden können“.

Ein solcher Warnruf aus dem Kreis der Großagrarier ist alles andere als gewöhnlich. Der Lobbyverband Industrieverband Agrar (IVA) stellt die Problematik öffentlich in der Regel so dar, dass die sinkende Zahl an wirksamen Mitteln eine Folge der restriktiven Zulassungspraxis von EU und Bund sei. Er vertritt Konzerne wie Bayer, BASF oder Syngenta. Seit vielen Jahren steigt der Pestizidabsatz und -umsatz in Deutschland und auf der Welt, 2015 gingen sie minimal zurück.

System von Saat und Ernte könnte kippen

Für DLG-Präsident Bartmer ist es zu kurz gedacht, die Ursache in Brüssel zu suchen. Der immer spezialisiertere Ackerbau ist für ihn der Kern des Problems. Das System der Lebensmittelerzeugung sei deshalb nicht mehr „resilient“, sagt Bartmer – also nicht widerstandsfähig im Fall von Krisen. „Wir hängen immer mehr an wenigen Insektiziden“, sagte er der F.A.Z., „mit der Spezialisierung haben wir es übertrieben.“

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So könnte das System von Saat und Ernte kippen. Bartmer verlangt daher von der Landwirtschaft ein Umdenken – aber keine radikale Wende: „Dieses Höher, Weiter, Besser, was uns immer getragen hat, wird erweitert um Aspekte wie Gleichgewicht.“ Seine Vorschläge: Alle Tierhalter bräuchten Aus- und Fortbildungen. Alte Tierställe in Intensivmast-Regionen wie Vechta sollten geschlossen werden. Ackerbauern müssten mehr unterschiedliche Früchte nebeneinander anbauen, um Artenvielfalt zuzulassen.

Der Staat müsste dafür strengere Regeln setzen: „Der Markt honoriert diese Leitungen nicht.“ Bartmer fordert aber nicht Subventionen, sondern Spielregeln, die mehr Ziele berücksichtigen als die bloße Ernte. Eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung solle Pflicht werden.

„Operation am offenen Herzen“

Seine Worte erinnern – was die Diagnose anbetrifft – an die von Naturschutz- und Umweltverbänden wie BUND oder Nabu. Der Deutsche Bauernverband hingegen wehrt sich gegen „Systemdebatten“. Es werde keine Agrarwende geben, sagt Bauernpräsident Joachim Rukwied immer wieder. Doch von den Landesverbänden gibt es Gegenwind. Der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband hatte neulich – nach langen internen Diskussionen – verkündet, die Bauern seien „Teil des Problems“. Das sorgte intern für Entrüstung. Die DLG rät nun zur „Operation am offenen Herzen“, so Bartmer.

Derweil gibt es neue Hiobsbotschaften über die Tierhaltung. Jede zweite Legehenne erleidet in ihrem kurzen Leben Knochenbrüche. Die Tiere sind so gezüchtet, dass die Knochen zu dünn wachsen. Darauf weist der Bozener Professor Matthias Gauly in einem unveröffentlichten Aufsatz hin. DLG-Chef Bartmer sagte: „Das System ist jetzt an eine Stelle gekommen, wo es sich nicht weiter selbst korrigieren kann.“ Die Geschichte von unternehmerischer Wirtschaft bestehe aus Irrtum, Korrektur und neuem Pfad.

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