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Landwirtschaft Eine Aktie namens Zenzi

05.10.2009 ·  Wer als Bauer auf Milchgipfel setzt, ist selbst schuld: Findige Landwirte haben neue Wege aus der Krise gesucht und finanzieren nun ihre Höfe mit Kuh-Aktien. Oder sie verkaufen ihre Tiere, um sie dann zurückzumieten.

Von Harald Czycholl
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Wieder ein „Milchgipfel“ ohne Ergebnis: Gleich nach der Wahl hatte Kanzlerin Angela Merkel die Bauern-Lobby ins Kanzleramt eingeladen, um über Milchquoten und Mindestpreise zu diskutieren. Auf dem Gipfel wollten sich Bundesregierung und Bauernverbände auf eine gemeinsame Position festlegen, wie die Not der unter den niedrigen Milchpreisen leidenden Bauern gelindert werden kann.

Den erhofften Durchbruch gab es nicht - und das war auch nicht zu erwarten, denn weder die Kanzlerin noch die Bauern-Lobbyisten haben einen wirklichen Einfluss auf den Milchpreis. Schlaue Bauern vertrauen deshalb nicht auf Politiker oder Verbandsfunktionäre, sondern suchen eigene, kreative Wege aus der persönlichen Finanzkrise.

„Kuh-Aktie“ statt Proteste

Statt zu demonstrieren oder aus Protest Milch zu verschütten, wie an diesem Montag wieder rund 1000 Milchbauern am Rande des Sondertreffens der europäischen Agrarminister in Brüssel, haben Mathias von Mirbach und Klaus Tenthoff vorgemacht, wie es gehen kann. Die beiden Bio-Bauern aus Schleswig-Holstein haben die „Kuh-Aktie“ erfunden. Sie verkaufen einfach Anteile an der eigenen Kuhherde und sichern sich damit frisches Kapital für den Erhalt ihres Hofes. Die Idee der Landwirte war aus der Not geboren: Sie wollten eine neue Herde kaufen, bekamen aber aufgrund fehlender Sicherheiten keinen Kredit von der Bank - schließlich entschlossen sie sich, das nötige Geld durch den Anteilsverkauf zu beschaffen.

Eigentlich ist das Kuh-Papier gar keine Aktie, sondern ein Genussschein. Das ist eine Mischform zwischen Unternehmensbeteiligung und festverzinslichem Wertpapier. Die Anleger können die „Kuh-Aktie“ für 500 Euro kaufen. Wer weniger Geld ausgeben will, kann alternativ auch 100 Euro in eine „Kalb-Aktie“ investieren. Die Anteile können weiterverkauft, vererbt oder - nach einer dreijährigen Mindestlaufzeit - zurückgegeben werden und behalten ihren Nennwert.

Dividende in bar oder in Naturalien

Und der Kapitaleinsatz wird belohnt: Neben der sozialen Rendite, nämlich dem guten Gewissen, werden jährlich 2,5 Prozent Dividende ausgezahlt. Wer sich nicht in bar, sondern in Naturalien aus dem Hofladen auszahlen lässt, bekommt sogar fünf Prozent Dividende. Das entspricht dort etwa einem Kilo Käse oder 20 Litern Milch, denn Discounterpreise gibt es in dem Hofladen nicht. Der Liter Milch kostet dort 1,25 Euro.

Die Anteilseigner seien keine Spekulanten, sagt Landwirt von Mirbach. „Es sind Kunden, die am langfristigen Erfolg des Hofes interessiert sind.“ Mit dem Geld wird die Rinderhaltung langfristig finanziert. Auf Nutzung und Nachzucht des vorhandenen Viehs haben die Anteilseigner keinen Einfluss. Dafür wird ihnen aber jedes Jahr ein Entwicklungsbericht über die Kuhherde vorgelegt. Auch Investitionen wie zum Beispiel der Bau eines neuen Kuhstalls werden mit den Anteilseignern abgestimmt.

Eine eigene Kuh erwerben die Investoren jedoch nicht, und das ist auch so beabsichtigt: „Wenn Nicht-Landwirte eine Bindung mit Tieren eingehen, wird das schnell sentimental“, weiß von Mirbach. Deshalb ist sein Konzept von vornherein darauf ausgerichtet, dass den Anlegern keine konkrete Resi oder Zenzi verkauft wird, sondern nur Anteile an der gesamten Kuhherde ausgegeben werden.

Kühe im „Sale and lease back“-Verfahren

Eine ähnliche Idee in größerem Stil verfolgt die französische Firma Gestel. Sie kauft Bauern im Namen von Kleinanlegern ihre Kühe ab - und vermietet sie ihnen postwendend zurück. Rund 1200 Euro kostet eine Kuh. Mit den Einnahmen kann der Landwirt nötige Investitionen vornehmen und etwa seinen Stall sanieren oder eine neue Melkmaschine kaufen. Dadurch wird der Hof fit gemacht für die Zukunft.

Die Anleger, die nun Kuhbesitzer sind, kassieren die Mietzahlungen. Das Geschäft lohnt sich - die Kühe werden zu wahren „Cash Cows“. Denn sie bringen einen besonderen Zins: Kälbchen. Nach Angaben von Gestel-Chef Pierre Marguerit wächst eine Herde von 20 Kühen im Schnitt um eine Kuh pro Jahr. Das bedeutet eine Rendite von fünf Prozent. Die tatsächliche Geburtenrate liegt zwar höher, aber es sterben ja auch immer wieder Tiere. Und auch ihre Pflege will bezahlt sein.

Läuft es richtig gut im Stall, sind auch mehr Zinsen drin. In besonders fruchtbaren Jahren seien schon mal sieben Prozent Zinsen möglich, behauptet Marguerit. Die Investoren haben die Wahl, ob sie sich ihre Rendite jährlich per Scheck auszahlen lassen oder neue Kühe für ihre dann wachsende Herde bekommen wollen. Das ist meist eine gute Wahl: Denn während bei Banken üblicherweise die Zinsen mit der Höhe des Guthabens sinken, ist das also beim Kuh-Investment genau umgekehrt. Je mehr Kühe, desto höher die Wahrscheinlichkeit auf Nachwuchs, desto mehr Rendite.

Marktnische ohne sentimentale Bindung

Noch ist diese Idee eine Marktnische. Rund 1000 Anleger haben insgesamt 30 000 Kühe von Marguerit gekauft. Aber es werden immer mehr.

Wie auch bei der schleswig-holsteinischen Kuh-Aktie hat das französische Tier-Investment für sentimentale Kunden einen Nachteil. Denn die Investoren besitzen nicht konkret einzelne Tiere, die sie dann bei ihrem Bauern besuchen können. Stattdessen erwerben sie einen kleinen Anteil an allen Kühen, die die Firma Gestel besitzt. Die Investoren sind zwar so etwas wie Gutsherren - ihre Tiere kennen sie aber nicht persönlich.

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