04.01.2004 · Nachhaltigkeit ist heute ein Allerweltswort. Da wirkt es fast schon abgegriffen, wenn auch ein Landwirt sich dazu bekennt. Philip Freiherr von dem Bussche, selbständiger Landwirt und DLG-Präsident im Interview.
Von Georg GiersbergNachhaltigkeit ist heute ein Allerweltswort. Politiker und Manager führen es gleichermaßen häufig und bei fast jeder Gelegenheit im Mund. Da wirkt es fast schon abgegriffen, wenn auch ein Landwirt sich dazu bekennt. "Die Landwirtschaft war nie so effizient in bezug auf Ökologie und Ökonomie wie heute", ist für Philip Freiherr von dem Bussche aber mehr als eine modische Leerformel.
Er ist erstens als Angehöriger einer Bauern- und Adelsfamilie, deren Tätigkeit auf Gut Ippenburg nordöstlich von Osnabrück bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht, davon zutiefst überzeugt, daß es generationenübergreifende Interessen gibt. Er ist aber vor allem davon überzeugt, daß sein Berufsstand, die Landwirtschaft, mehr für die Nachhaltigkeit ihrer Produktion getan hat und tut, als gemeinhin anerkannt wird. Weil die Landwirtschaft neben ihrer Bedeutung als Nahrungsmittelproduzent zudem großen Einfluß auf unsere Umwelt, auf die Landschaft vor allem, hat, darf sie sich seiner Ansicht nach nicht gesellschaftlich an den Rand drängen lassen, auch wenn ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt ständig schrumpft.
„Wichtige Produktionskette“
"Wir haben eine hohe volkswirtschaftliche Relevanz in einer wichtigen Produktionskette", sagt von dem Bussche selbstbewußt. "Eine Landwirtschaft, die nur noch zwei Prozent der Bevölkerung stellt, die anderen 98 Prozent mit hochqualitativer Nahrung satt macht, und das zu einem historischen Tiefstpreis, bei Erhaltung der Kulturlandschaft, muß ihre Leistung viel aktiver kommunizieren", wird er nicht müde zu betonen. Nicht jeder hat dazu allerdings so viele Gelegenheiten wie er. Der Landwirt von dem Bussche betreibt nämlich nicht nur seinen väterlichen Betrieb Gut Ippenburg (300 Hektar Ackerland, 400 Sauen, 2500 Mastplätze, 330 Hektar Wald). Er ist auch hälftiger Pächter eines mit 2000 Hektar viel größeren Betriebes in Krostiz nordöstlich von Leipzig und zudem einer breiteren Öffentlichkeit bekannt als Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft, Frankfurt.
Auch in dieser Aufgabe geht es von dem Bussche nicht um die übliche Lobbyarbeit. Es ginge völlig gegen seine Auffassung von einer modernen Landwirtschaft, möglichst viele Subventionen für seinen Berufsstand zu erstreiten. "Die DLG will den technischen Fortschritt fördern", umschreibt er ihre Aufgabe. Und dieser dient den landwirtschaftlichen Unternehmen, weil sie effizienter werden, den Verbrauchern, weil die Landwirte die Effizienzsteigerung über niedrigere Preise weitergeben, und der Umwelt, weil die Landwirtschaft gesunde Böden braucht. Wie man die allgemeinen Forderungen mit den täglichen Notwendigkeiten eines landwirtschaftlichen Betriebes vereinbart, zeigt von dem Bussche in seinen Unternehmen.
Alle vierzehn Tage selbst im Stall
Dazu kommt er zwar nicht täglich. Aber alle vierzehn Tage hat auch der Präsident im Stall Wochenenddienst. "In der Tierproduktion hat der Familienbetrieb auch in Zukunft eine Chance", ist von dem Bussche überzeugt. Die Betreuung der Tiere 365 Tage im Jahr sei nur durch den Familienbetrieb zu den niedrigsten Kosten zu leisten. Mit romantischer Verklärung oder Hängen an langer Familientradition habe das nichts zu tun. Es habe etwas mit spezifisch landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen zu tun. "Moderne Agrarunternehmen sind umweltgerecht und effizient", ist er überzeugt. Von Agrarfabriken mag er aber dennoch nicht sprechen. Denn es gebe einen großen Unterschied zwischen einem landwirtschaftlichen und einem industriellen Betrieb. "Die Abläufe sind anders, weil wir von natürlichen Vorgängen wie Wetter und Wachstum abhängen. Die Analyse ist aber gleichwohl mit der in der Industrie zu vergleichen", betont er.
Und die Analyse führt auch zu Prognosen, wie sie jeder Industriebetrieb kennt. Auch Gut Ippenburg muß wachsen, "damit wir mehrere Leute auslasten, die sich mit Wochenenddiensten ablösen können". Das betriebswirtschaftliche Ziel kann nur sein - und das hört sich hier nicht anders an als bei einem vergleichbaren Industriebetrieb -: Kosten reduzieren. Der Schweinemarkt, der nicht subventioniert wird, ist derzeit in einem Preistal. "Wir kämpfen bei Mastschweinen mit hoher Preisvolatilität. Die Preise schwanken zwischen 110 und 180 Euro, zur Zeit liegen sie bei 110 Euro je Schwein mit 120 Kilogramm Lebendgewicht." Dafür gibt es drei Gründe: Hauptgrund ist der starke Euro. Er verstärkt die Konkurrenz aus währungsschwachen Ländern wie den Vereinigten Staaten und Brasilien. Dieser zunehmende Wettbewerb trifft in Europa auf eine Überproduktion vor allem in Dänemark und auf einen starken Preisdruck seitens der Verbraucher.
Gesinnungsethiker und Geizkäufer
"Der Verbraucher ist heute Gesinnungsethiker und Geizkäufer in einer Person", beklagt von dem Bussche. Einerseits wolle er alles billig haben, anderseits stelle er immer höhere Ansprüche an die Produktion mit kostentreibender Wirkung. Nirgendwo in Europa seien die Bauauflagen so streng wie in Deutschland. "Die Baukosten für einen Stall liegen in Deutschland um 100 Prozent über denen in Spanien", sagt von dem Bussche. "Die Bedingungen für die Tiermast sind in Deutschland heute viel besser und tiergerechter als jemals zuvor."
Ähnliches gelte für den Ackerbau. "Die Technik verbessert die Nachhaltigkeit der Bodenbearbeitung erheblich." Allein die Produktionszahlen sprächen gegen eine Verschlechterung der Böden: Heute ernte man auf einem Hektar Boden 10 Tonnen Weizen. Vor zwanzig Jahren habe man dafür die doppelte Fläche benötigt.
Teure Technik
Die Technik bringt viel, aber sie kostet auch viel. Als ausgebildeter Betriebswirt hat von dem Bussche neben den Erträgen immer die Kosten fest im Blick. Große und teure Geräte können selbst bei 300 Hektar Fläche wie auf Gut Ippenburg nicht voll ausgelastet werden. Von dem Bussche arbeitet daher mit einem Lohnunternehmer zusammen, der den gesamten Maschineneinsatz auf seinem Acker verantwortet. Er selbst ist allerdings weiter für den Anbau und den Einkauf zuständig. Den kosteneffizienten Einsatz eigener Maschinen über Zupachten weiterer Flächen ermöglichen zu wollen scheitere an den hohen Pachten. Also sei nur der Weg geblieben, den Maschineneinsatz auszulagern.
Anders geht es in Krostiz. "Hier wird der Schlepper 1.300 Stunden im Jahr eingesetzt. Damit liegen wir um ein Vielfaches über dem durchschnittlichen Einsatz eines Schleppers in Westdeutschland von nur 400 Stunden", versichert von dem Bussche. Der sächsische Betrieb erzeugt vor allem Brotgetreide, für das es wegen der geringen Ernte (Folge der Dürre) in ganz Europa derzeit auch gute Preise gibt. Außerdem wird durch eine hohe Getreidequalität die vor allem durch Trockenheit leidende Bodenqualität ausgeglichen. Für Krostiz sieht von dem Bussche gute Zukunftschancen, "weil weltweit die Getreidevorräte sinken". Diese Chance kann aber auch der sächsische Betrieb nur wahrnehmen, wenn er kostengünstig produziert.
Rasenmarkt mit amerikanischen Verhältnissen
Daß er einmal seinen Sitz nach Sachsen verlege, sei ausgeschlossen, obwohl er heute die Hälfte seines Gesamtumsatzes von etwa 5 Millionen Euro in Sachsen erzielt. Für beide Betriebe gelte es in Zukunft, die Kostenführerschaft zu verteidigen und auszubauen sowie neben den Hauptprodukten ein Diversifikationsprodukt am Markt zu etablieren. Auf Gut Ippenburg ist es die Nutzung des Schloßparks für Gartenausstellungen, in Sachsen ist es die Herstellung von Rollrasen (Marke Rasenland). Wie bei der Pacht des sächsischen Betriebes hat sich von dem Bussche auch hier einen Partner gesucht.
Und wie bei den anderen Produkten ist er überzeugt, hohe Qualität liefern zu können. Es gebe in Sachsen nur zwei große Anbieter von Rollrasen, "und wir setzen dabei auf Qualität", beansprucht er für sich. Zur Zeit nimmt die Rasenproduktion 20 Hektar an Fläche ein, "aber mit Wachstumspotential", ist sich von dem Bussche sicher. Seine Hoffnung beruht darauf, daß in Deutschland zumindest auf dem Rasenmarkt einmal amerikanische Verhältnisse einziehen. Jenseits des Atlantiks seien schon 50 Prozent aller Rasenflächen Rollrasen.
"Der Verbraucher ist heute Gesinnungsethiker und Geizkäufer in einer Person."
Zur Person
Ein sturer Bauer ist Philip Freiherr von dem Bussche ganz und gar nicht. Der Führungsstil des 1950 auf Gut Ippenburg geborenen Adligen ist kooperativ, sein Umgang weltmännisch. Der Vater von vier Kindern unterhält sich über Goethe, Thomas Mann, Dostojewski, Musik oder Malerei genauso kompetent wie über die Agrarpolitik der Europäischen Union oder über die Preise für Schweinefleisch. Seit 1976 leitet er den väterlichen Hof, seit 1991 dazu einen Agrarbetrieb in Sachsen, und seit 1997 ist er Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft. Die DLG sei neben Lesen und Reisen sein Hobby, sagt er.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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