05.09.2007 · Viele Bauern können es kaum glauben: Erst sollten sie staatlich subventionierte Landschaftsgärtner werden. Nun treiben die wachsende Weltbevölkerung und der Trend zum Biosprit die Preise hoch. Die Landwirtschaft hat wieder Zukunft.
Von Georg GiersbergPartystimmung im Mannheimer Rosengarten, dem Kongresszentrum der Rheinstadt. Den mehr als 500 Landwirten, die an diesem Mittwoch und Donnerstag zur Unternehmertagung der DLG Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft zusammenkommen, ging es nie so gut. Viele Landwirte können es kaum glauben: Noch vor eineinhalb Jahren sollten sie staatlich subventionierte Landschaftsgärtner werden, heute sind sie Erzeuger immer knapper werdender Nahrungsmittel und Energierohstoffe. Die diesjährige Rapsernte - Raps wird zu Biodiesel weiterverarbeitet - ist bereits zu mehr als 80 Prozent verkauft, wie eine Umfrage der DLG ergeben hat. Das war früher zu diesem Zeitpunkt im Jahr nie der Fall. Auch alle anderen Feldfrüchte sind in weit überdurchschnittlichem Ausmaß bereits abgesetzt. Die Scheunen der Landwirte sind kurz nach der Ernte schon wieder fast leer.
„Die Ernte blieb zum dritten Mal in Folge hinter der Nachfrage zurück“, berichtet DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer seinen Kollegen. Die Lager schrumpfen: Seit zehn Jahren nimmt der Getreidevorrat auf der Welt im Durchschnitt um eine Tonne je Sekunde ab. Entsprechend ziehen die Preise an: Für Weizen bekamen die Landwirte vor gut einem Jahr 150 Euro je Tonne, heute beträgt der Preis 240 Euro je Tonne.
Landwirtschaft ist Wirtschaftszweig mit Zukunft
Landwirtschaft ist plötzlich wieder ein zukunftsträchtiger Wirtschaftszweig und keine aussterbende Branche. Dazu tragen viele Faktoren bei. Zum einen steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln allein aufgrund der Zunahme der Erdbevölkerung. Weil die landwirtschaftliche Nutzfläche begrenzt ist, sinkt die Fläche, die je Einwohner zur Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung steht. Standen im Jahr 1975 noch 3500 Quadratmeter zur Verfügung, um einen Menschen auf der Welt zu ernähren, so werden es schon in wenigen Jahren weniger als 2000 Quadratmeter sein.
Aber die Nachfrage nach Lebensmitteln wird noch forciert durch steigenden Wohlstand in Ländern wie Russland, China, Indien und Brasilien. Gerade erst hat die Unternehmensberatung Boston Consulting Group errechnet, dass sich allein in diesem Jahr in diesen Ländern etwa 1 Milliarde Menschen vom Existenzminimum löst und zusätzlich fast 1 Billion Dollar Kaufkraft entwickelt. Gleichzeitig setzen immer mehr Länder auf nachwachsende Rohstoffe, um von fossilen Energieträgern unabhängiger zu werden. Die Vereinigten Staaten haben ihre Bioethanolproduktion in diesem Jahr um 60 Prozent gesteigert. Sie verbrauchen zur Biodieselherstellung 86 Millionen Tonnen Mais. Das entspricht der doppelten Menge dessen, was in einem Jahr in der ganzen EU an Mais geerntet wird. Mit dieser politischen Entscheidung zugunsten von Biokraftstoff fallen die Vereinigten Staaten künftig als Maisexporteur aus. Daraufhin sind in Mexiko die Preise für Tortillas (Fladenbrot aus Maismehl) innerhalb kurzer Zeit bereits um 30 bis zu mehr als 100 Prozent gestiegen.
Nachfrage steigt sprunghaft
Mit dieser sprunghaft steigenden Nachfrage kann die Produktion derzeit nicht Schritt halten. Ganz im Gegenteil, noch immer gibt es das EU-Flächenstilllegungsprogramm oder die Milchquotenregelung. Beide gehören nach den Worten von DLG-Präsident Bartmer schnellstens ersatzlos gestrichen. Bartmer fragte am Vortag der Unternehmertagung auch, ob es sich ein Standort wie Deutschland leisten könne, immer noch Agrarflächen in Siedlungs- und Gewerbeflächen umzuwidmen, wo andererseits Städte keine Lösung für immer größere Industriebrachen haben und künftig jeder Quadratmeter landwirtschaftlicher Nutzfläche gebraucht werde.
In Deutschland werde noch immer jedes Jahr mehr als 0,2 Prozent landwirtschaftlicher Nutzfläche versiegelt oder dauerhaft der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen - das entspricht relativ der Menge an Urwald, die jährlich in Brasilien gerodet wird (0,28 Prozent). „Landwirtschaftliche Nutzfläche“, so Bartmer, „wird in den kommenden Jahren der größte Engpass sein.“
Neue Maissorten brächten doppelten Ertrag
Da man den Boden nicht vermehren kann, muss man ihn effizienter nutzen. „Das genetische Ertragspotential steigt im Jahr um durchschnittlich 2 Prozent“, deutet Philip von dem Bussche, Vorstandsmitglied des Saatzuchtunternehmens KWS Saat AG, den Beitrag der Saatzuchtbetriebe zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion an.
Wenn es darum gehe, neue Pflanzen mit einseitig hohen Erträgen für die industrielle Verarbeitung zu züchten, könnte man auch Neuentwicklungen auf den Markt bringen, die das Ertragspotential um bis zu 7 Prozent im Jahr erhöhten. So gehe sein Unternehmen davon aus, dass man in zehn Jahren Maissorten gezüchtet habe, deren Erträge doppelt so hoch liegen im Vergleich zu denen heutiger Sorten. Heute ernte ein Landwirt 150 Doppelzentner (1 Doppelzentner = 100 Kilogramm), in zehn Jahren würden es 300 sein.
Noch kassieren Schädlinge 40 Prozent der Ernte
Viel Potential sehen Experten noch darin, Ernteausfälle durch Schädlinge und Krankheiten zu mindern. Heute werden nur 60 Prozent der gewachsenen Früchte geerntet, die restlichen 40 Prozent fallen Unkraut, Schädlingen und Krankheiten zum Opfer. Und ohne Schädlingsbekämpfungsmittel, so die Aussagen des Industrieverbandes Agrar, würden die Bauern gar nur 30 Prozent der angesetzten Früchte in ihre Scheuern fahren können.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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