28.08.2005 · Wie alt ist der Besteller? Wohnt er in einer guten Gegend? Will er etwa auf Raten zahlen? Wie Händler und Telefonanbieter recherchieren, ob ein Kunde tatsächlich bezahlen kann.
Von Patrick BernauSo was kann fast jedem passieren: Er bestellt im Internet einen DVD-Player, will ihn nach der Lieferung bezahlen - und erhält statt eines Pakets nur einen Brief. Der Händler befürchtet, daß der Kunde die Rechnung nicht bezahlt, und besteht auf Vorkasse. Wer so einen Brief erhält, wohnt vielleicht in der falschen Gegend oder ist zu jung.
Viele Händler und Telefonanbieter versuchen nämlich inzwischen, die Kaufkraft ihrer Kunden zu schätzen. „Scoring“ heißt dieses Verfahren. Es bewertet Menschen so wie die ADAC-Pannenstatistik Autos: Wenn Kunden eines Typs eine schlechte Zahlungsmoral haben, schließt der Händler darauf, daß andere dieses Typs auch säumig bleiben. Wenn also 18jährige aus Köln-Chorweiler im Durchschnitt viele Mahnungen erhalten, wird das bei einem neuen 18jährigen Kunden aus Köln-Chorweiler wahrscheinlich ebenso sein.
Ein Risiko für die Händler
Die Händler halten das System für erfolgreich. Der Verband verweist darauf, daß die Firmen nur bei zwei von tausend Bestellungen auf ihr Geld verzichten müssen. Ganz sicher könnten die Online-Händler gehen, wenn sie ihre Pakete nur gegen Vorkasse oder Nachnahme verschickten. Doch die Kunden bezahlen lieber auf Rechnung. Für den Händler ist das ein Risiko - um so mehr, wenn er den Kunden noch nicht kennt.
Will er dieses Risiko einschätzen, kann er mit der traditionellen Schufa-Auskunft wenig anfangen: Nur sieben Prozent der Menschen in der Schufa-Kartei haben einen Negativeintrag, die anderen 93 Prozent lassen sich so nicht in gute oder schlechte Zahler trennen. Das reicht den Händlern nicht - und deshalb fangen sie an zu raten.
Wie alt ist der Besteller? Wohnt er in einer guten Gegend? Will er etwa auf Raten zahlen? Der Computer berechnet daraus eine Punktzahl. Wenn die zu niedrig ist oder die Bestellung zu teuer, muß der Kunde Vorkasse leisten. Zwar ist es verboten, das allein vom Computer entscheiden zu lassen - aber es reicht, wenn sich ein Mensch die Bestellung ansieht und den Computer-Vorschlag abnickt.
Nur per Nachnahme
Der Versandhändler Neckermann zum Beispiel bewertet Bestellungen mit vier bis sechs verschiedenen Scoring-Systemen. Hat der Besteller zu schlechte Merkmale für seine Rechnungssumme, darf er nur per Vorauskasse, per Nachnahme oder Kreditkarte zahlen.
Daß die Karstadt-Quelle-Tochter damit auch manchen guten Kunden vergrault, nimmt das Unternehmen in Kauf. „Das ist eine Gratwanderung“, sagt ein Karstadt-Quelle-Sprecher. „Wir sind dem Unternehmen verantwortlich und müssen auch Kunden vor sich selbst schützen. Dabei müssen wir einen Mittelweg finden.“
Große Online-Händler analysieren meist ihre eigenen Kundendaten, um die richtige Scoring-Formel zu ermitteln. Wer weniger Kunden hat, kann sich Scores kaufen, zum Beispiel von der Unternehmensberatung Informa.
Drei Konten und zwei Handys
Auch die Schufa bietet Scores an, aber berechnet sie mit anderen Daten: Aus den Anfragen von Banken, Telefongesellschaften und Versandhändlern erfährt sie, wie viele Handy-Verträge oder Girokonten ein Mensch hat und bei welchen Händlern er Kunde ist. Damit stellt sie vielleicht fest: Wer zwei Konten und ein Handy hat, zahlt eher als jemand mit drei Konten und zwei Handys.
Betroffene können sich kaum wehren. Zwar schickt die Schufa Verbrauchern gegen Bezahlung ihren Score zu - aber weshalb der so ist, bleibt im dunkeln. Ihre Rechenmethode hält die Schufa geheim. Ein Schufa-Sprecher sagt, die Konkurrenz könne das System sonst nachbauen. Statistiker von der Maximilians-Universität München haben das Verfahren geprüft und bescheinigen: „Es entspricht wissenschaftlichen Standards.“
Datenschützer sind trotzdem skeptisch. Das Regierungspräsidium Darmstadt, das die Schufa überwacht, hält einige Punkte für diskussionswürdig. Und der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, kritisiert, daß Scoring aus dem Verhalten anderer auf einen einzelnen schließe, ohne seine Eigenheiten zu betrachten: „Der individuelle Mensch wird über einen Gruppenleisten geschlagen.“ Das macht der Schufa kein schlechtes Gewissen: Sie hält ihr Verfahren für legitim.
Viele Versandhändler sehen das genauso. Sie setzten trotz der Kritik Scoring-Systeme ein. Doch die lassen sich manchmal austricksen. Darum kann es sich lohnen, größere Bestellungen von einem Familienmitglied oder einem Freund abwickeln zu lassen, der in der Logik der Scoring-Systeme ein besserer Kunde ist - das heißt eine bessere Kundin. Denn Frauen zahlen ihre Rechnungen öfter als Männer. Wenn die Freundin rund 50 Jahre oder älter ist, in einer Einfamilienhaussiedlung mit reichen Nachbarn wohnt und bei der Bestellung eine Festnetztelefonnummer angibt, darf sie auf einen guten Score hoffen.
Wer dagegen einen schlechten Score hat, dem bleibt wenigstens etwas Werbung erspart. Denn einige Unternehmen berechnen Bonitäts-Scores schon, bevor sie ihre Briefe verschicken - und sortieren unattraktive Kunden gleich aus.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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