Im Jahr 1888 gab es eine Debatte unter Ökonomen, was denn wohl die optimale Höhe für Staatsausgaben sei. Der Franzose Paul Leroy-Beaulieu meinte, 5 bis 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dürfe man eine „moderate“ Staatstätigkeit nennen, bei 8 bis 10 Prozent würde er von „normal“ reden, alles über 12 Prozent aber müsse als „exorbitant“ bezeichnet werden. Tatsächlich spiegelt diese Einschätzung die reale Situation der damaligen Zeit: In Frankreich und Italien pendelten die Staatsausgaben um 13 Prozent des BIP, in Amerika lagen sie noch darunter. Der damalige Staat beschränkte sich auf seine zentralen Aufgaben: Verteidigung, Schutz der Bürger und ihres Eigentums, Verwaltung, Justiz.
Heute sind die Budgets aller industrialisierter Staaten, die sich aus Steuern und Schulden speisen, so hoch wie nie zuvor (siehe Grafik). Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren, den „Goldenen Jahren des Wohlfahrtsstaats“, weiteten alle Regierungen die öffentliche Tätigkeit gravierend aus. Bis zu 50 Prozent und mehr des BIP machten in einigen Ländern die Staatsausgaben aus. Umverteilung von oben nach unten, aber mehr noch Umverteilung innerhalb der Mittelschicht (von den etwas Reicheren zu den etwas Ärmeren) haben die Staaten aufgebläht.
Es erfüllte sich jenes nach dem Ökonomen Adolph Wagner (1835 bis 1917) benannte Gesetz, wonach die Ausgaben (und damit der Finanzierungsbedarf) der Staaten immer nur wachsen, aber nie zurückgehen. Anders gesagt: Der Staat erfindet immer neue Aufgaben, die er meint übernehmen zu müssen, sehr selten jedoch trennt er sich von Aufgaben. Der Sozialstaat, einmal eingeführt, hat Ewigkeitsgarantie und, anders als der Markt, nie ein Wachstums-, dafür allerdings offenkundig ein Finanzierungsproblem.
Die großzügige Subventionierung ist ein Selbstläufer
„Kultur“ und ihre staatliche Förderung gilt hierzulande als zwingender Bestandteil eines guten und fortschrittlichen Wohlfahrtsstaates. Auch für Oper, Theater, Ballett, Museum oder Musikschule gilt das Wagnersche Gesetz. Genügten zur ästhetischen Erziehung der Bundesbürger im Jahr 1975 noch 1,8 Milliarden Euro, so gab der Staat 35 Jahre später, im Jahr 2010, gut 9,5 Milliarden aus - eine Steigerung um mehr als das Fünffache. Die Zahl der Musikschulen hat sich seither knapp verdoppelt, die der Museen hat sich seit Anfang der achtziger Jahren verdreifacht. An 84 deutschen Opernhäusern arbeiten 5000 festangestellte Musiker, 3000 Chorsänger und 1300 Solisten.
Zwar klagen die Kulturschaffenden regelmäßig über knappe Kassen und schrumpfende Budgets; allein die Zahlen des Statistischen Bundesamtes geben das nicht her. Seit in den späten siebziger Jahren der legendäre Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann die Devise „Kultur für alle“ (für alle Schichten an allen Orten) zum Programm erhob, ist deren großzügige Subventionierung ein Selbstläufer, dies zu kritisieren dagegen ein Sakrileg.
Das Gerede vom „neoliberalen Kahlschlag“
Das müssen jetzt auch die Verfasser des Buches „Kulturinfarkt“ erfahren, die sich die Freiheit nehmen, den teuren Kulturbetrieb in Frage zu stellen, und dreist behaupten, das Produkt Kultur sei seinen Preis nicht wert. „Völlig überzogen“, ein „neoliberaler Kahlschlag ohne Augenmaß“ schallt es den vier Autoren (allesamt erfahrene Kulturmanager) aus preußischen Stiftungen und vergleichbaren Kulturstaatsbehörden (nebst angeschlossenen Feuilletons) entgegen. Die ökonomischen Argumente werden freilich vom besitzständischen Ressentiment nicht pariert, vielleicht gerade deshalb, weil sie gar nicht einmal schlecht sind: Dass Kunst nämlich, weil ein meritorisches Gut, partout staatlich gefördert werden müsse, bleibt ziemlich unbewiesen (der von potenten Stadtbürgern finanzierte Neubau des Frankfurter Städels beweist das Gegenteil).
Unübersehbar aber sind die negativen Auswirkungen eines Kulturbetriebs, der systematisch von der Nachfrage abgeschirmt wird und der Meinung ist, einzig geförderte Kunst sei freie Kunst: Der Bürger wird kulturell entmündigt, seine Zahlungsbereitschaft verkümmert (er glaubt tatsächlich, er könne sich vier Abende von Wagners Ring für 200 Euro kaufen), mögliches Eigenengagement wird erdrosselt. „Der Staat nimmt den Bürger an der Hand und erklärt ihm, was gute und schlechte Kunst sei“, sagt Pius Knüsel, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia und einer der Autoren der Studie.
Die „Adorno-Falle“
Mehr noch: Im Kartell von Kulturkritik und staatlicher Kulturindustrie ist die Ausrichtung an den Präferenzen der Kunden nicht erwünscht. Die „Adorno-Falle“ nennen die Autoren des „Kulturinfarkts“ diesen Mechanismus, dessen kurz gefasste Formel lautet: „Was gefällt, hat schon verloren.“ Orientierung an den Wünschen des Kunden gilt als geschmacklos und kreativitätstötend.
Auf diese Weise immunisiert sich der Kulturbetrieb und enthebt seine Dienste der Legitimation gegenüber Markt und Wettbewerb - mithin gegenüber dem Geschmack der Menschen. Wenn überhaupt versucht wird, marktwirtschaftlich zu argumentieren, dann mit dem zweifelhaften Schema, staatliche Subventionen als „Investitionen“ semantisch umzupolen und kulturkeynesianisch zu behaupten, diese generierten über einen Hebel Wachstum und Beschäftigung in der Region.
Es ginge auch anders
Ginge es, wie behauptet, der Kulturindustrie um sozialpolitisch motivierte Umverteilung und demokratische Teilhabe („Kultur für alle“), ließe sich der Betrieb ohne Schaden von Objekt- auf Subjektförderung umstellen. Man müsste nur all jene, die man als bedürftig identifiziert, mit zusätzlichem Geld oder Kulturgutscheinen ausstatten, damit sie sich frei für Goethe, Luigi Nono oder Gerhard Richter entscheiden können. Doch das Prekariat lässt sich im Theater selten blicken. In Wirklichkeit geht es um staatlichen Paternalismus für aufgeklärte Mittelschichten, dessen Kulturanteil an der Steuerprogression autoritär von oben verteilt wird.
Die Autoren des „Kulturinfarkts“ fragen, was wäre, gäbe es nur noch die Hälfte der Kultureinrichtungen. Die kulturelle Wüste wäre es jedenfalls nicht. Denn die Bürger erhielten die andere Hälfte ihres Geldes zurück und könnten frei entscheiden, wofür sie es ausgeben: Ein Wettbewerb staatlicher und privater Anbieter würde sie mit E- und U-Kultur aller Art verführen. Und mehr Freiheit gäbe es obendrein. Bis heute ist noch keine Korrelation festgestellt worden zwischen der Höhe der Staatsausgaben und dem Ausmaß der Zufriedenheit der Bürger, der Gleichheit der Lebensverhältnisse oder dem individuellen Wohlstand.
Hurz
Roland Magiera (Roland_M)
- 27.03.2012, 12:19 Uhr
Die willigen Helferlein
Heinz Seim (lochmuehle)
- 27.03.2012, 11:36 Uhr
In der Tat verblüfft es ...
Thorsten Seßler (those1)
- 26.03.2012, 16:41 Uhr
Die Beschreibung der Lage könnte nicht zutreffender sein, aber die
Schlußfolgerungen sind naiv
Thomas Gaugen (tomasalcubo)
- 26.03.2012, 14:28 Uhr
Warum keine Subventionen für die Rolling Stones?
Michael Simm (MSimm)
- 26.03.2012, 10:18 Uhr