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Big Data in Venedig : Mit der Zeitmaschine zurück ins Mittelalter

  • -Aktualisiert am

Die Gassen und Kanäle des mittelalterlichen Venedigs könnten bald mit einem Klick abrufbar sein. Bild: AFP

Wie lebten und arbeiteten die Menschen vor Hunderten von Jahren? Mithilfe alter Dokumente, Karten und Notizen sollen wir bald in eine Zeitmaschine steigen können – die auch für deutsche Städte geplant ist.

          Kilometerlange Archive, vergilbte Dokumente und verblasste Buchstaben: Kaum zu erahnen, dass dies die Bauteile einer Zeitmaschine sind, die das historische Venedig wieder zum Leben erwecken möchte, ohne dabei das Jahr 2018 zu verlassen.

          Das „Time-Machine-Project“ hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte altertümlicher Städte in einem 4D-Modell darzustellen. Pilotprojekt ist dabei das historische Venedig, dessen Bauten und Menschen im „Venice-Time-Machine-Project“ abgebildet werden – in einem Modell, welches es ermöglicht, durch das mittelalterliche Venedig zu surfen. Mit wenigen Klicks ist es möglich, jahrhundertealte Straßen auf einer Art Zeitreise-Google-Earth zu finden, Personen aus der Vergangenheit auf „Facebook“ zu suchen und etwas über ihre Kontakte und Arbeitsplätze zu erfahren. Für diese Rekonstruktion arbeitet die Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne (EPFL) mit der Universität Ca Foscari in Venedig zusammen.

          Das Venice-Time-Machine-Project transportiert ein hunderte Jahre altes Venedig in mehreren Etappen aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Im ersten Schritt geht es um die Digitalisierung der umfangreichen Archive, die im heutigen Venedig zur Verfügung stehen. Es handelt sich dabei um über tausend Jahre altes Material aus den knapp 80 Kilometer langen Archiven der Stadt. Dieses soll in einem zweiten Schritt in einer Suchmaschine abrufbar sein. Der Einsatz spezieller Verfahren, beispielsweise dem Erstellen von Topographien besonders empfindlicher Bücher, um ohne heikles Öffnen deren Seiten samt Schriften scannen zu können, beschleunigt das Sammeln der Daten zunehmend, so das Forscherteam im Gespräch für eine arte-Dokumentation. Entstandene Bilder werden danach ausgelesen und Informationen miteinander in Verbindung gebracht. Die ersten vom Time-Machine-Project geplanten Zeitreisen sollen in wenigen Jahren stattfinden.

          Erst Venedig, danach die ganze Welt

          Im Falle von Venedig haben die Forscher diverse Aufzeichnungen gesammelt: nicht nur zu Geburts-, Sterbe- und Hochzeitsdaten, sondern beispielsweise auch zu Geldgeschäften und ein- wie auslaufenden Schiffen. Aus jenen Daten soll ein „Google und Facebook der Vergangenheit“ entstehen, wird Frédéric Kaplan, Projektleiter und Digital-Humanities-Verantwortlicher der EPFL, in der Zeitung „Le Monde“ zitiert. Letztlich lasse sich so herausfinden, wie Venezianer vor hunderten von Jahren lebten und arbeiteten, sagt Frédéric Kaplan im Interview mit Wired.

          Außer der norditalienischen Zeitmaschine gibt es Bestrebungen zahlreicher anderer Länder, historische Städte wieder lebendig werden zu lassen. In Deutschland koordiniert ein Team der Technischen Universität Dresden ein Time-Machine-Project hierzulande, dem bereits über 20 Institutionen angehören. Für die Dresdner ist die 4D-Simulation der Zeitmaschine von besonderem Interesse, auch an einer Darstellung der eigenen Stadt wird geforscht. Dies geschieht allerdings mit anderen Instrumenten als beim Time-Machine-Project in Venedig.

          Auf der Suche nach finanzieller Unterstützung

          Das Time-Machine-Project hat im Februar dieses Jahres das erste von mehreren notwendigen Bewerbungsschreiben um die Anerkennung als „Future-and-Emerging-Technologies-Flagship“ (FET-Flagship) versendet. FET-Flagships, also besonders relevante wissenschaftliche Projekte, werden von der EU finanziell unterstützt – eine Milliarde Euro wird über zehn Jahre hinweg an die begünstigten Projekte ausgeschüttet. Die Zeitmaschine sei im Rennen um die Förderung das einzige Projekt mit einem Schwerpunkt im Themenfeld europäische Geschichte und Kulturerbe, so Sander Münster von der TU Dresden gegenüber FAZ.NET. Zudem sei Künstliche Intelligenz ein sehr aktuelles Thema, was die Chancen durchaus verbessern könnte. Mit einer Rückmeldung über Erfolg oder Misserfolg ist frühstens 2019 zu rechnen.

          Mit dem Geld der FET-Flagship-Förderung gelinge es den Bauherren der Zeitmaschine, das Time-Machine-Project in andere Länder Europas zu exportieren. Einige Städte haben allerdings bereits jetzt mit dem Bau eigener Zeitmaschinen begonnen, darunter Amsterdam, Paris, Jerusalem, Budapest und Neapel. Auch Nürnberg ist unter den Städten, die mit der Time-Machine ihre historischen Städte davor bewahren wollen, in Vergessenheit zu geraten.

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