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Max Tegmark im Interview : „Die Menschheit kann erblühen wie nie zuvor“

Ganz klassisch mit Kreide und Tafel: Max Tegmark ist Physikprofessor am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Bild: dpa

Der renommierte Physiker Max Tegmark denkt schon lange darüber nach, wie Technologie uns verändert. Im Gespräch mit FAZ.NET spricht er über Intelligenz, die Angst vor schlauen Computern – und erklärt, was „Leben 3.0“ ist: Es geht um unglaublich viel.

          Herr Professor Tegmark, ist Künstliche Intelligenz gefährlich?

          Alexander Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sogar Feuer ist gefährlich, aber das bedeutet nicht, dass wir es nicht verwenden sollten, um unsere Häuser zu wärmen. Ich bin optimistisch, dass wir eine inspirierende Zukunft kreieren können mittels Künstlicher Intelligenz, wenn wir den Wettlauf gewinnen zwischen der wachsenden Macht der KI und der wachsenden Weisheit, mit der wir sie managen.

          Der britische Physiker Stephen Hawking bekräftigte gerade seine große Warnung. „Ich fürchte, dass KI die Menschen insgesamt ersetzen kann“, sagte er. Ist das nicht eine gigantische Übertreibung angesichts dessen, dass ja nicht einmal Experten einen klaren Weg kennen zu so etwas wie einer Allgemeinen Künstlichen Intelligenz?

          Wir haben keine Allgemeine Künstliche Intelligenz im Moment und wissen nicht, wie wir sie konstruieren können. Aber Umfragen zeigen, dass die meisten KI-Forscher die Ansicht vertreten, dass wir in einigen Jahrzehnten so weit sind. Deswegen ist es absolut vernünftig, über das Risiko dessen zu sprechen. Zum Beispiel erwähnen die Asilomar-KI-Grundsätze ...

          ... hinter Asilomar verbirgt sich eine wichtige Technologie-Konferenz ...

          ... Superintelligenz und ein existentielles Risiko und sind unterschrieben von mehr als 1000 KI-Forschern inklusive führender Leute aus der Industrie wie etwa von Google oder Apple.

          Hinter gerade angesagten Begriffen wie Maschinellem Lernen, Deep Learning oder künstlichen neuronalen Netzen stecken wesentlich Klassifizierungsprobleme und sehr ausgeklügelte Statistik – nichts, worüber man sich zu sorgen braucht.

          Sogar die heute existierende sogenannte schwache KI bedeutet interessante Herausforderungen wie Arbeitsplatz-Automatisierung, Internetsicherheit, Wählermanipulation, tödliche autonome Waffen und mehr. Aber die größten Herausforderungen – und Chancen – entstehen tatsächlich, wenn der Bereich der Künstlichen Intelligenz erfolgreich ist in seinem ursprünglichen Ziel, alle Aspekte menschlicher Intelligenz zu übertreffen.

          Ein Problem in der Diskussion über Künstliche Intelligenz besteht darin, dass es verschiedene Ansichten darüber gibt, was Intelligenz wirklich ist. Der KI-Vordenker Marvin Minsky nannte das einmal ein Kofferwort – jeder packt hinein, was er gerne möchte. Haben Sie eine gute Definition?

          Ich definiere Intelligenz einfach als Fähigkeit, komplexe Ziele zu erreichen. Ich verwende diese breite Definition, weil ich „Kohlenstoff-Chauvinismus“ verachte, jene arrogante Haltung, nach der Dinge nicht intelligent sein können, wenn sie nicht irgendwie auf Kohlenstoff basieren.

          Ist aber Intelligenz nicht ein Konzept, das nach unserem gewöhnlichen Verständnis stark verknüpft ist mit einem biologischen Organismus?

          Wir haben uns Intelligenz traditionell als etwas Mysteriöses vorgestellt, das nur in biologischen Organismen existiert, besonders in Menschen. Aus meiner Perspektive als Physiker ist Intelligenz jedoch einfach eine bestimmte Art der Informationsverarbeitung, die bewerkstelligt wird von sich bewegenden Elementarteilchen. Es gibt kein Gesetz der Physik, das besagt, dass man nicht auch Maschinen konstruieren kann, die in jeder Hinsicht intelligenter sind als wir. Das deutet darauf hin, dass wir bislang erst die Spitze des Intelligenz-Eisbergs gesehen haben und dass es ein verblüffendes Potential gibt, die volle Intelligenz zu erschließen, die in der Natur verborgen ist.

          Nehmen wir einmal an, dass es eines Tages so etwas wie eine Superintelligenz gibt. Wieso sollte das eigentlich ein essentielles Problem für uns sein? Zum Vergleich: Die industrielle Revolution neutralisierte Körperkraft, aber heute stört sich niemand daran, dass Autos schneller fahren können, als der schnellste Mensch rennen kann.

          Was uns Menschen zu den dominanten Einheiten auf diesem Planeten macht, das ist nicht unsere Kraft, sondern unsere Intelligenz. Wenn wir Maschinen konstruieren, die schlauer sind als wir, dann gibt es deswegen keine Garantie dafür, dass wir die Kontrolle behalten werden. Überdies könnten böswillige Menschen Künstliche Intelligenz nutzen, um andere Menschen zu dominieren. Und dann gibt es noch das eher kurzfristige Problem mit den Arbeitsplätzen: Als die Maschinen der industriellen Revolution unsere Muskeln ausstachen, bildeten wir uns aus und weiter, um bessere Arbeitsplätze zu bekommen, in denen wir vor allem unsere Gehirne nutzen. Wenn die Maschinen der KI-Revolution unsere Gehirne ausstechen, dann gibt es keine Arbeit mehr, die wir günstiger erledigen können als Maschinen.

          In Ihrem neuen Buch führen Sie den Begriff „Leben 3.0“ ein. Was meinen Sie damit, und was sind im Unterschied dazu „Leben 2.0“ und „Leben 1.0“?

          Ich bezeichne Bakterien als „Leben 1.0“, weil sie wirklich dumm sind; unfähig, irgendetwas während ihres Lebens zu lernen. Ich bezeichne uns Menschen als „Leben 2.0“, weil wir lernen können, was wir im Computerfreak-Jargon betrachten als das Installieren neuer Software in unsere Gehirne – zum Beispiel, als ich entschied, Deutsch zu lernen während meiner Schulzeit in Schweden. „Leben 3.0“, was nicht nur seine Software sondern auch seine Hardware konzipieren kann, existiert noch nicht – aber wir scheinen uns in diese Richtung zu bewegen. Vielleicht sollten wir uns genaugenommen selbst als „Leben 2.1“ bezeichnen, seitdem wir künstliche Knie, Herzschrittmacher und Hörhilfen implantieren können.

          Was sollten wir als Gesellschaft denn tun, um uns auf immer schlauere Computer einzustellen?

          Erstens einen Rüstungswettlauf verhindern im Bereich tödlicher autonomer Waffen, worüber übrigens die Vereinten Nationen gerade diskutieren. Zweitens sicherstellen, dass der riesige Wohlstand, den Künstliche Intelligenz hervorbringen wird, geteilt wird, um jeden besserzustellen, anstatt große Teile der Bevölkerung ärmer zu machen und zu befremden. Drittens viel investieren in die Erforschung von Sicherheit im Zusammenhang mit KI. Wie transformieren wir die heutigen anfälligen und angreifbaren Computer in verlässliche KI-Systeme, denen wir wirklich vertrauen können? Und wie können wir garantieren, dass Maschinen unsere Ziele verstehen, adaptieren und daran festhalten?

          Und was kann jeder Einzelne tun? Selbst programmieren lernen oder wenigstens unsere Kinder in die Lage versetzen, das schon sehr früh zu können?

          Wählt Professionen, in denen Maschinen gegenwärtig schlecht sind, und in denen die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie in naher Zukunft automatisiert werden. Zum Beispiel in Jobs, die Unvorhersehbarkeit enthalten, Kreativität und soziale Intelligenz. Software-Entwicklung steht derzeit nur für 1 Prozent des Arbeitsmarktes, deshalb kann das nicht die Lösung für die meisten Menschen sein.

          Sind Sie eigentlich ein Optimist?

          Ich bin optimistisch, dass wir der Menschheit helfen können zu florieren wie niemals zuvor durch fortschrittliche Künstliche Intelligenz. Aber das wird nicht automatisch passieren, wie etwa die Sonne morgen über Deutschland aufgehen wird – wir werden hart planen und arbeiten müssen, um sicherzustellen, dass wir diese mächtige Technologie weise verwenden. Aber lassen Sie mich zum Schluss noch sagen: Es ist wichtig, dass wir uns trotz der Risiken vor Augen halten, was für große Chancen es gibt. Alles, was ich an Zivilisation liebe, ist das Ergebnis von Intelligenz. Wenn wir unsere menschliche Intelligenz verstärken können mittels Künstlicher Intelligenz und die größten Probleme von heute und morgen lösen, könnte die Menschheit deshalb erblühen wie noch nie.

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