http://www.faz.net/-gqe-9bbp5

Legal Tech : Lego für Juristen

Legal-Tech-Gründer: Micha-Manuel Bues (links) und Michael Grupp Bild: Claus Setzer

Für viele Juristen stellt es ein Problem dar, wenn Rechtsfragen vom üblichen Schema abweichen. Regelbasierte Abfragen und Entscheidungshilfen, teils mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz, sind die jüngste Entwicklung.

          Die Digitalisierung wirkt sich auf die Arbeitsprozesse in den Branchen höchst unterschiedlich aus. In der produzierenden Industrie, wo viele Abläufe schon längst automatisiert sind, fällt es Mitarbeitern leichter, den Herausforderungen zu begegnen. Für Freiberufler wie Rechtsanwälte gibt es dagegen eine Schwelle, die sie überschreiten müssen. Sie hängen noch sehr an ihren Gedanken, an Papier und Stift. Viele Vorgänge, Lösungsskizzen und Vertragsentwürfe werden erst einmal notiert, bevor sie in einen Computer eingegeben werden.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dabei bietet der hohe Grad an Standardisierung im deutschen Recht ein Einfallstor für die Digitalisierung und den Einsatz von Technik: Viele Rechtsfragen lassen sich schematisch darstellen und folgen einem Aufbau. Häufig ziehen Anwälte daher Formularhandbücher zu Rate, und schon während des Jura-Studiums bilden Prüfungsschemata eine wichtige Grundlage für den späteren Beruf. Sobald jedoch ein Fall oder eine Mandantenfrage vom bekannten Muster abweicht, ist Transferwissen und Intuition gefragt – Juristen müssen dann nach kreativen Lösungen suchen, wie etwa Steuerberater oder Architekten auch. Was aber hat das alles mit „Legal Tech“, also dem Einsatz von Software zur Unterstützung juristischer Dienstleistungen und cloudbasierten Plattformen zu tun?

          Bausteine neu zusammensetzen

          Heute kommt kaum ein Anwalt ohne Urteilsdatenbanken und digitale Vertragsmodule aus. Angloamerikanische Anwälte und Softwarehäuser haben die Notwendigkeit viel früher erkannt. Global agierende Kanzleien wie jüngst Hogan Lovells kündigen an, für juristische Fragen vermehrt auf Chatbots zu setzen, also kleine textbasierte Dialogsysteme – hinter denen teils schon heute selbstlernende Algorithmen stehen. In Deutschland war die Entwicklung zögerlicher, mittlerweile ist der Markt deutlich ausdifferenzierter, auch was Angebote für Verbraucher und Unternehmen angeht: Zunächst konzentrierten sich Softwareanbieter darauf, die Arbeitsabläufe von Kanzleien zu optimieren. Dann wendeten sich Anbieter wie Leverton vermehrt dem Thema Automatisierung zu, indem sie etwa Software zur Auswertung großer Datensätze einsetzten, die Anwälte prüfen müssen („Legal Due Diligence“).

          Die jüngste Entwicklung ist es, Lösungen für regelbasierte Abfragen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz anzubieten. „Lego für Juristen“ nennt das Michael Grupp, einer der Gründer von Ryter, einem vor wenigen Tagen an den Start gegangenen Legal Tech. Der Vergleich zwischen dem weltbekannten Plastikspielzeug aus Dänemark und dem Konzept, mit dem Grupp und sein Ko-Gründer Micha Manuel Bues an den Markt gehen, erschließt sich schnell: Legobausteine lassen sich immer wieder neu zusammensetzen – und auch Ryter will bestehende juristische Denkmuster immer wieder zu neuen Lösungen zusammenfügen.

          Aufklärung zu Honorarvereinbarungen

          Zu oft würden Juristen, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in „Es kommt darauf an“-Ansätzen denken, meinen die Gründer. Juristen könnten zwar Prüfungsstrukturen eines Anspruchs leicht auf einen konkreten Fall anwenden, ihnen fehle es aber an den richtigen digitalen Werkzeugen: „Starke regel- und szenariolastige Überlegungen lassen sich nicht mit Word, Excel oder Power Point digitalisieren und automatisieren“, erklärt Grupp. Mit der Ryter-Plattform können Rechtsabteilungen Richtlinien und interne Regelungen in leicht bedienbare Abfragen umsetzen. Wie Anwälte und Unternehmensjuristen arbeiten, wissen Grupp und Bues genau. Beide waren Associates in Großkanzleien, bevor sie anerkannte Größen der Legal-Tech-Szene wurden: Bues als Geschäftsführer von Leverton und Blog-Initiator, Grupp als Gründer von Lexalgo und Thesisus.

          Schon kurz nach dem Start kann Ryter erste namhafte Projekte vorweisen: Für den Deutschen Anwaltverein entwickelte man ein Tool, das Anwälten innerhalb weniger Minuten zu klären hilft, ob eine Honorarvereinbarung möglich ist. Fachleute vom Anwaltverein lieferten die Inhalte im Gebührenrecht zu, Ryter musste nur die Software anpassen. Aus Sicht von Grupp ein „schöner Testballon“, der Anwälten das Leben erleichtern soll – gerade weil Unternehmen und Berater häufig über zu hohe Anwaltshonorare streiten.

          Risiken mathematisch berechnen

          Eine andere maßgeschneiderte Lösung forderte Jörg Risse, Wirtschaftsanwalt und Partner von Baker & McKenzie. Schon mehr als zehn Jahre beschäftigt sich Risse mit dem Thema Prozessrisikoanalyse, im vergangenen Jahr veröffentliche er ein auch in der Legal-Tech-Szene beachtetes Buch darüber, wie sich Risiken anhand mathematischer Formeln in Entscheidungsbäumen darstellen lassen. „Menschen fehlt die Fähigkeit, Chancen und Risiken mathematisch einschätzen zu können“, erklärt Risse. Nach Ansicht von Forschern liegt das daran, weil Menschen überhaupt erst seit 5000 Jahren rechnen. Diese Zeitspanne reichte nicht aus, dass sich im Gehirn eine Intuition verdrahtet hat, um mathematische Fragen richtig abschätzen zu können meint der Anwalt und folgert: „Ein Computer rechnet Chancen und Risiken indes schnell und richtig aus.“

          Mit der Software von Ryter hat Risse seine Risikoanalyse weg von Papierform und Excel-Tabellen hin zu einem interaktives Instrument weiterentwickelt. Es lässt sich direkter mit seinen Mandanten kommunizieren und soll Unternehmensjuristen helfen, einen komplexen Fall systematisch zu analysieren und konkret zu bewerten.

          Weitere Themen

          Ein Roboter mit viel Gefühl Video-Seite öffnen

          Spüren statt sehen : Ein Roboter mit viel Gefühl

          Das MIT hat einen Roboter mit speziellem Orientierungssinn vorgestellt. Das Besondere ist, dass er keine künstlichen Augen hat, also zum Beispiel Kameras, die sehen, wohin sich das Objekt bewegt.

          Topmeldungen

          Trump und Putin : Zwei gegen den Rest der Welt

          Trump und Putin geben sich freundschaftlich – die Schuld für die angespannten Beziehungen beider Länder liege bei anderen. Eine russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf streiten beide ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.