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KI-Fachmann Jürgen Schmidhuber : „Kein Ort ist besser aufgestellt als wir“

Jürgen Schmidhuber auf der Internetkonferenz DLD in München. Bild: Alexander Armbruster

Schlaue Computerprogramme dringen in alle Wirtschaftsbereiche vor. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber erklärt im FAZ.NET-Gespräch den Vorteil Deutschlands, Chinas Pläne und welche Kinderarbeit wegfallen wird.

          Deutschland kann enorm von den Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz profitieren, wenn es jetzt einige richtige Entscheidungen trifft. Der Maschinenbau und die Industrie sind international Spitzenklasse. Außerdem kommen wichtige Grundlagen in der Informatik ebenfalls aus der Bundesrepublik, an die nun angeknüpft werden könne. Das sagte Jürgen Schmidhuber im Gespräch mit FAZ.NET während der Internetkonferenz DLD in München. Schmidbhuber ist Informatiker und einer der führenden Fachleute für Künstliche Intelligenz auf der Welt: „Kein Ort ist besser aufgestellt als wir.“

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seine optimistische Einschätzung begründet er so: Die größten Gewinne mit Hilfe schlauer Computerprogramme erzielen derzeit Konzerne im Bereich Marketing und Werbung - Internetunternehmen wie Goolge, Facebook und Amazon in den Vereinigten Staaten oder die korrespondierenden Tech-Firmen Alibaba, Tencent und Baidu in China. „Marketing und Werbung steht aber nur für einen wirklich kleinen Teil der Weltwirtschaft“, sagt Schmidhuber, „der größere Teil wird nun betroffen“. Damit meint er vor allem den Maschinenbau und nennt als Beispiel Roboter, die einfache Tätigkeiten wie etwas das Zusammenbauen eines Handys durch bloßes Abschauen erlernen können. „Heute gibt es die noch nicht, aber das ist eine Frage von Jahren“, sagt Schmidhuber voraus. Auf jeden Fall in der Zeit vor dem Jahr 2030 werde es soweit sein.

          „China betreibt klassische Industriepolitik“

          Eine Folge formuliert Schmidhuber verbunden mit harscher Kritik: „Dann werden zum Beispiel keine armen Kinder mehr unter sklavenähnlichen Bedingungen T-Shirts nähen oder Cobalt schürfen und durch ihre kurzen Leben unsere Zivilisation unterstützen.“ Das werden dann Roboter erledigen.

          Wenn es um Künstliche Intelligenz geht, gehört Schmidhuber zu den renommiertesten Forschern des Planeten, er gehört zur ersten Reihe und ist seit Jahrzehnten engagiert. In den neunziger Jahren kreierte er gemeinsam mit dem ebenfalls deutschen Forscher Sepp Hochreiter einen grundlegenden Lernalgorithmus, der sich hinter dem Kürzel LSTM verbirgt und quasi eine Art künstliches Langzeitgedächtnis ist. „Hochreiter war mein erster Student“, erinnert er sich — dessen Diplomarbeit aus dem Jahr 1991 ist die ursprüngliche Arbeit dazu. Heutzutage steckt dieser Ansatz in Milliarden Smartphones; der Suchmaschinenbetreiber Google verwendet ihn beispielsweise in seinem Übersetzungsdienst, seit dem vergangenen Jahr auch Facebook.

          Damit Deutschland die aus seiner Sicht gewaltige Chance nutzen kann, die sich aus intelligenterer Software ergibt, brauche es gleichwohl noch einiger Veränderungen. An erster Stelle nennt er die Bildung, mehr Lehrstühle für Künstliche Intelligenz, aber auch mehr digitale Bildung in der Schule. Und zwar so früh wie möglich: „Am wichtigsten sind im Grunde mehr Ausgaben für die Kleinsten, die am wichtigsten Punkt in ihrem Leben vielleicht niemanden haben, der ihnen hilft, klug zu werden.“ Digitale Bildung, etwa Grundkenntnisse des Programmierens, nannte unlängst auch der Google-Vorstandsvorsitzende Sundar Pichai im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung essentiell im Hinblick auf den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.

          Daneben fordert Schmidhuber aber auch größere betriebswirtschaftliche Fähigkeiten oder andere Strukturen in diesem Bereich:. „In Deutschland ist es leicht, eine Firma zu gründen, aber schwer, sie zu skalieren“, findet er und fügt hinzu: „Die Vereinigten Staate und China sind da besser.“ Der Regierung in Berlin empfiehlt er, dem Thema Künstliche Intelligenz eine Priorität zu geben, die sich durchaus an China orientieren könne - die Führung in Peking brachte im vergangenen Sommer einen nationalen KI-Plan auf den Weg und kündigte kürzlich außerdem konkret einen großen KI-Technologiepark in der chinesischen Hauptstadt an.

          In diesem Zusammenhang hat er Verständnis dafür, dass China ausländische Angebote wie Googles Suchmaschine oder das soziale Netzwerk Facebook innerhalb des Landes blockiert. „Das ist klassische Industriepolitik.“ Er verweist auf die ungefähr 1,3 Milliarden Menschen in der Volksrepublik, von denen 750 Millionen regelmäßig das Internet nutzen und so ein sehr großer Markt sind, gerade wenn es um Geschäftsmodelle gehört, die auch stark vom verfügbaren Datenvolumen abhängen.

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