http://www.faz.net/-gqe-99h0g

Künstliche Intelligenz : „Viele europäische Ideen haben amerikanische Firmen umgesetzt“

Pakt zwischen Mensch und Roboter: Angela Merkel besucht auf der Hannover Messe den Stand des Unternehmens IBG. Bild: Reuters

Wird Deutschland gerade in der Künstlichen Intelligenz abgehängt? Nein, sagt Wolfgang Wahlster, Chef des größten KI-Forschungszentrums hierzulande, im FAZ.NET-Gespräch – und erklärt, was wir anders machen als Amerika und China.

          Professor Wahlster, sind wir in Deutschland und Europa bereits abgehängt , wenn es um Künstliche Intelligenz geht?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Keineswegs. Wir können uns dem Wettbewerb erhobenen Hauptes stellen. Das DFKI in Deutschland ist mit seinen 900 Mitarbeitern immer noch das weltweit größte Forschungszentrum auf diesem Gebiet als PPP mit über 80 Spin-Off-Firmen. Ich nenne Ihnen zwei einfache Beispiele: Das amerikanische Unternehmen Nvidia baut derzeit die schnellsten GPU-Computer, mit denen sich neuronale Netze für das Deep Learning 100 mal schneller als mit  konventionellen Computern berechnen lassen. Kostenlos zur Verfügung gestellt hat Nvidia  diesen Rechner ausgewählten Institutionen neben amerikanischen Spitzenuniversitäten wie Stanford in Deutschland nur dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz. Der Chef von Nvidia übergab den Rechner samt jährlichen Forschungsmitteln mit der Überzeugung, dass die besten KI-Forschungseinrichtungen der Welt die besten Werkzeuge haben sollten.

          Und das zweite Beispiel?

          Wir haben neben vielen Dax-Unternehmen auch amerikanische Unternehmen wie Intel, Google und Microsoft als Gesellschafter am DFKI und auch eine Zweigstelle in Peking. Wir mussten abermals eine Kapitalerhöhung durchführen, weil sechs große global agierende Unternehmen bei uns noch in diesem Jahr ebenfalls Gesellschafter werden wollen. Das große Interesse, mit deutschen KI-Forschern zusammenzuarbeiten, zeigt deutlich, dass wir auf einigen Gebieten der KI sogar einen Vorsprung haben. Das DFKI ist ein Karrieresprungbrett und mehr als 20 ehemalige Mitarbeiter sind heute beispielsweise bei Google, aber wir konnten umgekehrt auch Mitarbeiter von Google für das DFKI gewinnen.

          Wolfgang Wahlster leitet das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

          Sie können ehrlich mit den Gehältern und Möglichkeiten konkurrieren, die ein Milliardenunternehmen wie Google bietet?

          Ja, es geht ja nicht um die absolute Bezahlung sondern um den Lebensstandard, den man sich mit dem Gehalt in der Umgebung leisten kann. So ist zum Beispiel ein exzellenter Google-Mitarbeiter aus dem Bereich Deep Learning vom Silicon Valley zum DFKI gewechselt, obwohl er der dort mehr als Dreifache dessen verdiente, das er nun von uns bekommt. In den Vereinigten Staaten hätte er aber einen Millionenbetrag für die Ausbildung seiner Kinder investieren müssen, während dies in Deutschland kostenlos ist. Auch Präsident Trump irritiert viele Wissenschaftler, so dass ich jede Woche auch Bewerbungen aus dem Silicon Valley bekomme.

          Wenn es um das auf der Verarbeitung gewaltiger Datenmengen basierende maschinelle Lernen geht, dann können wir aber derzeit doch in Europa und Deutschland nicht mithalten mit Amerika und auch nicht mit China. Wir haben ja auch gar keine Unternehmen in der Art von Google oder Baidu oder Tencent.

          Im Bereich der Auswertung von Konsumentendaten für Werbezwecke trifft das zu. Zu Recht sind wir in Europa ja auf diesem Gebiet eher zurückhaltend. Ich selbst bin auch nicht auf Facebook registriert und bin nicht bereit, meine persönlichen Daten für Werbezwecke bereitzustellen. Wir verfolgen in Deutschland hingegen einen anderen Ansatz.

          Nämlich?

          Wir setzen auf KI-Anwendungen für die Veredelung unserer in Deutschland produzierten Produkte und für disruptive Geschäftsmodelle durch Smart Services auf diesen Produktplattfomen. Wir rüsten die deutschen Exportschlager mittels Künstlicher Intelligenz auf, in unseren Werkzeugmaschinen als Fabrikausstatter der Welt, der Medizintechnik, in unseren Autos, Agrarmaschinen und hochwertigen Haushaltegeräten. Siemens beispielsweise ist Weltmarktführer für Hochleistungsscanner in der Medizin und die Bildinterpretation mittels KI-Systemen ist eine wesentliche Erfolgskomponente in der klinischen Praxis. Bei KI-Verfahren für autonomes Fahren haben deutsche Unternehmen erheblich mehr Patente als die Amerikaner und Chinesen.

          Und wir setzen auf die Industrie 4.0, die Sie als Begriff geprägt haben.

          Weitere Themen

          Wird Guinness teurer? Video-Seite öffnen

          Irische Brauerei in Sorge : Wird Guinness teurer?

          Das Dunkelbier ist nicht nur in seiner Heimat Irland beliebt, sondern auch der Exportschlager der Insel. Abgefüllt wird das das Getränk allerdings in Nordirland, was zu Großbritannien gehört. Das könnte in Zukunft zum Problem werden.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.
          Die operativen Geschäfte werden künftig von Thierry Bolloré gesteuert.

          Renault : Ghnosn darf nach Finanzaffäre bleiben – vorerst

          Die Nummer Zwei rückt auf: Thierry Bolloré soll künftig die operativen Geschäfte von Renault führen. Der im Zuge einer Finanzaffäre verhaftete Carlos Ghosn bleibt aber vorerst ebenfalls Unternehmenschef.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.