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Geldpolitik der Zukunft : Wenn der Notenbankchef nur noch den Computer poliert

IWF-Chefin Christine Lagarde während der Feierstunden in der Bank of England neben dem britischen Notenbankchef Mark Carney. Bild: dpa

Schlaue Computerprogramme wälzen ganze Industrien um. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, hat sich Gedanken gemacht, wie Geldpolitik in der Zukunft aussehen könnte. Mit einer dramatischen Spekulation.

          Andrew Ng vergleicht das Voranschreiten Künstlicher Intelligenz gerne mit der Elektrizität. So wie elektrischer Strom vor hundert Jahren Wirtschaft und Gesellschaft grundlegend verändert habe, werde das die Künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren und Jahrzehnten tun. Ng weiß, wovon er spricht. Er gehört zu den angesehensten KI-Fachleuten der Welt und hat wesentlich zu jenem Durchbruch vor fünf Jahren beigetragen, der neue Hoffnung in diese Technik kreierte und unzählige Investitionen in diesem Bereich angestoßen hat. Ähnlich äußerte sich unlängst der Amazon-Gründer Jeff Bezos, der postulierte, dass es „keine Institution auf der Welt“ – keine staatliche und private – gebe, die nicht durch KI verbessert werden könne.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dazu zählen nicht nur Industriebetriebe und die sogenannte Sachbearbeitung. Sondern mutmaßlich auch Einrichtungen wie beispielsweise eine Notenbank. Natürlich stehen in den Zentralbanken heute mehr Computer als vor fünfzig Jahren, spielen große Datenmengen, Statistik, Mathematik und fortschrittliche ökonomische Modelle naturgemäß eine wichtigere Rolle – wie sollte es auch anders sein?

          „Klar ist: Wir haben immer mehr Daten“

          Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, der gerade nicht für abstruses Herumspekulieren bekannt ist, hat am Freitag über eine – verglichen damit – viel gravierendere Folge der Künstlichen Intelligenz nachgedacht. „Wird unser Gouverneur im Jahr 2040 (nur) in die Bank gehen, um eine Geldpolitik-Maschine zu polieren?“, fragte sie während einer Feierstunde der Bank of England in London. „Und wird deine Vorhersage, Andy, dass 15 Millionen Arbeitsplätze im Vereinigten Königreich automatisiert werden, auch die Notenbank und ihre Weltklasse-Mitarbeiterschaft betreffen?“ Andy Haldane ist derzeit Chefvolkswirt der Bank of England und hörte die Rede der IWF-Chefin mit an.

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          „Eine Sache ist klar“, sagte Lagarde weiter: „Wie haben immer mehr Daten. Einigen Schätzungen zufolge sind 90 Prozent der derzeit verfügbaren Daten alleine in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Und das sind nicht einfach Informationen über Wirtschaftskraft, Arbeitslosigkeit und Preise, sondern ebenso Verhaltens-Daten über die Eigenheiten und Irrationalitäten des Homo Economicus.“ Durch Smartphones und Internet seien diese Daten nun „reichlich vorhanden, allgegenwärtig und zunehmend wertvoll, wenn wir sie mit Künstlicher Intelligenz verbinden“. Die Währungsfonds-Chefin nannte dann als Beispiel die Siege, die selbstlernende Computerprogramme mittlerweile in Strategiespielen wie Go über die besten menschlichen Wettstreiter erringen.

          „Können Computer verantwortlich gemacht werden“

          „Natürlich“, fügte sie hinzu, „ist die Volkswirtschaft weitaus komplexer als ein Go-Spiel. Aber innerhalb der nächsten Generation werden Maschinen nahezu sicher eine größere Rolle spielen – darin, politischen Entscheidern zu assistieren, Vorhersagen in Echtzeit anzubieten, Blasen zu erkennen und komplexe makro-finanzielle Verbindungen aufzudecken.“

          Dass Lagarde den möglichen Einfluss Künstlicher Intelligenz auf die Geldpolitik besonders herausstellte, dürfte indes nicht nur an der Feierstunde in der Bank of England gelegen haben. Die Geldpolitik (der westlichen Länder) läuft in der Praxis seit Jahrzehnten und durch mehrere kleinere und größere Finanzkrisen hindurch sehr viel mechanischer ab und regelorientierter als viele andere Politikbereiche. Das zeigen übrigens auch die infolge der jüngsten Finanzkrise angewendeten „unkonventionellen“ Maßnahmen wie umfangreiche Wertpapierkäufe oder Zinsen sogar im negativen Bereich – sie stehen für eine Lockerung der Geldpolitik, die eine Notenbank stets dann einleitet, wenn die Wirtschaftsentwicklung sich verlangsamt oder einbricht und je nach Schwere durchführt.

          Eine Notenbank ganz ohne Menschen, das kann sich wiederum auch die IWF-Chefin beim besten Willen nicht vorstellen. „Einerseits gibt es eine große Unsicherheit über die Wirtschaft – Veränderungen grundlegender ökonomischer Beziehungen müssen erkannt und entsprechende Risiken eingeschätzt werden. Beurteilung, kontinuierliches Hinterfragen, Vielfalt der Meinungen und sogar ein paar außergewöhnliche Eigenschaften werden für eine gute Geldpolitik essentiell bleiben“, so Lagarde. Sie fragte aber hinterher: „Aber was, wenn Maschinen auch das tun könnten?“

          Menschen würden außerdem gebraucht für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit, mit den Wirtschaftsakteuren, das sei für eine erfolgreiche Geldpolitik wichtig, um effektiv zu sein. „Politik ist effektiv, wenn sie klar erklärt werden kann, damit sich die Öffentlichkeit Erwartungen über die künftige Politik bilden kann. Können Maschinen ihre Entscheidungen wirklich in klarem Englisch erklären?“

          Und selbst wenn diese Hürde genommen werde, auch mit den elaboriertesten Algorithmen und Computern würden Ziele verfehlt und Krisen passieren. „Aber können Computer wirklich verantwortlich gemacht werden – von einem jungen Paar, das sich kein Haus kaufen kann, gegenüber der arbeitenden Mutter, die plötzlich ihre Stelle verliert?“ Deswegen, so schlussfolgerte die Währungsfonds-Chefin,  „sehe ich nicht, dass Computer die Geldpolitik übernehmen werden“. Im Jahr 2040 werde der Notenbank-Gouverneur immer noch aus „Fleisch und Knochen“ bestehen und hinter der Eingangstür Menschen vorfinden. „Wenigstens ein paar.“

          Quelle: FAZ.NET

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