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Klauen uns Computer die Jobs? : Die Verlierer der Digitalisierung

Noch läuft sie nicht ohne Menschen: Zwei Mitarbeiter von BMW programmieren eine Maschine in München. Bild: Getty

Unternehmer und Politiker werfen auf dem Weltwirtschaftsforum die soziale Frage neu auf. Die Antworten sind bisher erschreckend dünn.

          Nicht wenige Besucher mit langjähriger Davos-Erfahrung meinen, das Weltwirtschaftsforum werde in diesem Jahr von politischen und sozialen Themen dominiert wie selten zuvor. Eigentlich könne man 2018 eher vom Weltgesellschaftsforum sprechen. Ein Indiz dafür ist die Dichte ranghoher Politiker. Blendet man die spezifische Agenda einmal aus, die sich aus dem Besuch des amerikanischen Präsidenten ergibt, zieht sich ein Thema durch viele Veranstaltungen und Debatten: das riesige Potential von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz – und die möglichen Konsequenzen für die Gesellschaft.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Vor allem Politiker aus wohlhabenden Industrieländern treibt dabei die Sorge um, dass die in Aussicht stehende gewaltige Fortschrittsdividende zu wenigen Menschen zugutekommen wird. Der italienische Premierminister Paolo Gentiloni skizzierte das Szenario einer technisch-globalen Elite auf der einen und der lokalen Frustrierten auf der anderen Seite. „Eine solche Spaltung ist unsere größte Sorge.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nutzte ihren Auftritt auf der Davoser Bühne für einen ungewöhnlichen Appell an die Pflichten der Wirtschaft. Es sei nicht genug, wenn sich nur 20 oder 30 Prozent der Bevölkerung für die Segnungen der Technik begeistern. „Ich fühle, dass wir Druck haben“, gewährte Merkel einen ungewohnt offenen Einblick in ihre Gefühlslage.

          Der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki forderte sogar einen „New Social Deal“ in dieser Frage. Weniger dramatisch, aber ebenso eindringlich formuliert es der britische Schatzkanzler Phil Hammond. Früher seien Computer dumm und schnell gewesen, durch Künstliche Intelligenz würden sie nun schlau und schnell. „Für die Gesellschaft macht das einen großen Unterschied.“

          Viele Selbständige ohne soziale Absicherung

          Die Wirtschaft hat die Bedeutung dieser Debatte längst erkannt, in der es bislang mehr Fragen als Antworten gibt. Gerade die amerikanischen Technologiekonzerne setzen das Thema offensiv auf die Agenda. Mit Tesla-Chef Elon Musk oder Apple-Mitgründer Steve Wozniak kommen schließlich einige der heftigsten Warner aus der eigenen Branche. „Wir können mit Künstlicher Intelligenz einige der größten Bedrohungen wie den Klimawandel angehen“, sagte Brad Smith, Präsident von Microsoft, in Davos. Gleichzeitig berge die Entwicklung aber auch große Bedrohungen. Vor zwanzig Jahren habe es noch keine Smartphones und Tabletcomputer gegeben. Heute seien sie nicht mehr wegzudenken. Niemand könne sagen, wie die Welt in weiteren zwanzig Jahren aussieht, sagte Smith. Wahrscheinlich werden digitale Assistenten dann den Menschen viele Dinge abnehmen, die sie heute noch selbst tun. „Wir müssen agil bleiben“, lautete sein Ratschlag. Aber wie?

          Mit der Flexibilität in der Arbeitswelt gibt es heute schon einige Probleme. Nahezu jeder vierte Selbständige in Großbritannien habe keine soziale Absicherung, sagt Alain Dehaze, der Vorstandschef von Adecco, dem größten Personaldienstleister der Welt. Diese Zahl könne sich in der digitalen Plattformökonomie schnell erhöhen. „Das ist eine soziale Zeitbombe“, sagte Dehaze.

          Wer trägt die Kosten?

          Besonders in Amerika ist die Angst vor technikgetriebener Arbeitslosigkeit ausgeprägt. Obwohl die Quote derzeit gerade einmal 4 Prozent beträgt. James Manyika von der Beratungsgesellschaft McKinsey geht sogar davon aus, „dass wir in den nächsten zehn Jahren mit einem Plus an Beschäftigung rechnen können“. Allerdings seien für diese größtenteils anspruchsvolleren Tätigkeiten andere Qualifikationen gefordert. Und der Anteil Geringqualifizierter ist in Amerika besonders hoch. Ein deutscher Konzernchef erzählt, dass er für sein Amerika-Geschäft derzeit nicht genug qualifiziertes Personal findet. Manyika fordert deshalb Politik und Wirtschaft auf, ihre Ausgaben für Weiterbildung deutlich zu erhöhen.

          Derzeit sei in vielen Staaten jedoch ein Rückgang der staatlichen Investitionen in die Fähigkeiten der Menschen zu beobachten. Auch Adecco-Chef Dehaze stellt die Frage, wer die Kosten tragen soll – Staat oder privat? Von in Deutschland diskutierten Ansätzen wie Maschinensteuer oder bedingungsloses Grundeinkommen ist auf dem Weltwirtschaftsforum erstaunlich wenig zu hören. Eine Antwort findet sich dennoch – ausgerechnet in Europa, sonst eher selten ein Vorbild für Digitalisierung. Der amerikanische Handelsminister Wilbur Ross berichtete von einem Treffen mit Vertretern der Schweizer Konzerne ABB und Nestlé. Er sei überrascht, wie weit man dort mit der Ausbildung sei. Und schloss mit dem Satz: „Da können wir von Europa lernen.“ Schon während Merkels Besuch im Weißen Haus 2017 warben Siemens und BMW für ihre Ausbildungssysteme.

          Deutsches Ausbildungssystem als Vorbild

          Ben Pring, Wissenschaftler und Co-Autor des Buches „Was zu tun ist, wenn Maschinen alles können“, hebt den dualen deutschen Weg ebenfalls hervor. Diese Qualifizierung gebe den jungen Menschen Fähigkeiten mit, um sich einer verändernden Arbeitswelt anzupassen. Schon nach Finanz- und Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren stieg das Interesse an deutscher Ausbildung, galt sie doch als wesentlicher Grund dafür, dass Deutschland die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa aufweist. Allerdings zeigte sich oft, dass diese Konstellation aus Berufsschulen und Ausbildungssystemen im deutschsprachigen Raum nur schwer zu kopieren ist.

          Letztlich erschöpft sich die Davoser Debatte größtenteils in der Beschreibung eines (angenommenen) Problems in der Zukunft. Ihn erinnere das an die Anfangstage des Internets in den neunziger Jahren. „Jeder wusste, dass da etwas kommt, aber keiner wusste so recht, was zu tun ist.“ Eines habe die Geschichte jedoch gezeigt: Das Thema zu ignorieren sei nicht die richtige Lösung. Und das nächste Weltwirtschaftsforum kommt bestimmt.

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