24.02.2012 · Erst im Juli ist Chefwechsel bei RWE. Aber der Niederländer Peter Terium verliert schon jetzt keine Zeit. Ein Effizienzprogramm soll den Energieversorger fit machen.
Herr Terium, wie haben Sie die erste Februarhälfte mit dem hartnäckigen Frost erlebt?
Diese Tage waren gut für das Geschäft. Und vor allem waren sie spannend, was die Systemsicherheit angeht. Ganz ohne Probleme ging das nicht. Aber am Ende hat das Netz gehalten.
Wie knapp war es eigentlich? Es ist nach der Abschaltung von Kernkraftwerken befürchtet worden, dass dieser Winter zur Nagelprobe für die Stromversorgung wird. Nun konnte Deutschland in klirrender Kälte zeitweise sogar noch Strom nach Frankreich exportieren.
Phasenweise. Das ist ja der Punkt. Die Schwierigkeit ist nicht, dass es gutgeht, sondern dass es immer gutgehen muss, auch ohne Sonne in der zweiten Verbrauchsspitze am späten Nachmittag. Alle Kraftwerke in Deutschland liefen. In Frankreich gab es die höchste Verfügbarkeit von Kernkraftwerken seit langem. Wollen wir der Volkswirtschaft solche Gratwanderungen dauerhaft zumuten?
Was konnte man in den kalten Tagen lernen, wo sehen Sie dringenden Handlungsbedarf?
Es gibt einige Dinge, die unbedingt erledigt werden müssen, und ein oder zwei Sachen, die man tunlichst sein lassen sollte. So muss sich die Bundesregierung Gedanken über das Erneuerbare-Energien-Gesetz machen. Dieses EEG war bisher gut, hat bis zu 25 Prozent Erneuerbare in das System gebracht. Ich bezweifle allerdings, dass es in der heutigen Form das richtige Element ist, um den Marktumbau auf bis zu 80 Prozent Regenerative zu begleiten. Auch hier brauchen wir mehr Effizienz.
Wo drückt es noch?
Mit dem Einzug von Mikrokraftwerken im Keller und noch mehr Solarpaneelen auf den Dächern wird es immer mehr Produzenten geben, weit verteilt in der Fläche. Das deutsche Stromnetz ist dafür noch nicht ausreichend ausgelegt. Investitionen in ein intelligentes Stromnetz haben für mich deshalb höchste Priorität.
Was sollte dagegen unterbleiben? Was war das Ziel der Energiewende?
Nur vordergründig ging es im vergangenen Frühsommer um die Verringerung von CO2-Emissionen. Der Kernenergieausstieg war der Antreiber für die Energiewende. Und als Ersatz für die Kernenergie sollen die Erneuerbaren gestärkt werden. Wenn die Bevölkerung keinen Kernenergiestrom mehr will, ist das eine gefühlte Wahrheit, der Politiker in einer Demokratie folgen.
Was folgt daraus?
Im Zuge der Energiewende soll der Stromverbrauch bis zum Jahr 2050 durch Energieeffizienz um 25 Prozent gesenkt werden. Außerdem soll dann mehr als ein Fünftel des Stroms importiert werden. Die restlichen rund 50 Prozent des heutigen Stromverbrauchs sollen 2050 zu 80 Prozent aus regenerativen Quellen gedeckt werden. Alle drei Ziele sind sehr ambitioniert, an der einfachen Umsetzbarkeit bestehen Zweifel. Nur habe ich nichts davon, wenn ich der Politik hier immer widerspreche.
Im Gegenteil. RWE leidet doch unter dieser Energiewende.
Man muss alles in der richtigen Perspektive sehen. RWE ist kein notleidendes, sondern immer noch ein sehr starkes Unternehmen. Das sehen auch unsere Aktionäre. Die aktuelle Dividendenrendite schlägt jede gute Staatsanleihe.
Aber der Konzern hat im Augenblick gewaltige Ertragsprobleme mit Atomstrom und Erdgas.
Natürlich, wir müssen den Gürtel enger schnallen. Allein der Kernenergieausstieg hat uns im vergangenen Jahr 1,3 Milliarden Euro gekostet. Dazu kommt der für Produzenten niedrigere Strompreis, weil subventionierter Wind- und Sonnenstrom die Durchschnittspreise drücken. Selbstverständlich belastet das die Ertragskraft unserer Kernkraftwerke. Aber der Konzern wird auch in Zukunft einen ansehnlichen Beitrag zur Energieversorgung leisten.
Was heißt sehr ansehnlich in Zahlen?
Mittelfristig werden wir mehr als 4 Milliarden Euro investieren. Jedes Jahr. Davon geht der größte Teil in Dinge, die direkt und indirekt die Energiewende unterstützen. Dazu gehören Milliardenbeträge für Wind- und Wasserkraft, aber auch für Gaskraftwerke, ohne die die Wende nicht funktionieren wird. Und wir investieren bis zu 1 Milliarde Euro in das Netz. Das ist kein Kleinkram.
RWE setzt auf Gaskraftwerke? Das rechnet sich im Augenblick doch überhaupt nicht.
Wir brauchen Gaskraftwerke jetzt unmittelbar und dann wieder in acht Jahren, wenn die letzten Kernkraftwerke abgestellt werden. Dazwischen wird eine Reihe derzeit im Bau befindlicher Kohlekraftwerke ans Netz kommen. Deshalb sagte ich: Es gibt auch Dinge, die wir tunlichst lassen sollten. Man sollte nichts übers Knie brechen. Wir müssen nun ein Energiekonzept entwickeln, das zukunftsfähig ist, das in eine Landschaft mit einem hohen Anteil von regenerativer Energie passt, aber mit dem man den Markt nicht komplett aushebelt.
Wer soll das Konzept entwickeln? Die Energiewirtschaft muss das wohl gemeinsam mit der Politik machen.
Ja, aber in Zusammenarbeit auch mit den energieintensiven Verbrauchern. Die Energieerzeuger können nur ausrechnen, was es kostet. Aber ob es dann noch bezahlbar ist, oder was es für den Industriestandort Deutschland bedeutet, kann nur die Industrie beurteilen. Dazu braucht man etwas Zeit. Denn nach dem Blitzstart der Energiewende muss jetzt gründlicher nachgedacht und etwas Belastbares aufgebaut werden, was dann auch in einen europäischen Rahmen eingebettet sein muss.
Mittelfristig sehen Sie spätestens von 2013 an eine fühlbare Verbesserung, getragen von fossilen Kraftwerken. Aber bedroht nicht die voranschreitende Verschiebung zu regenerativer Energie das Geschäftsmodell?
Das Modell wird sich sicherlich ändern. In welche Richtung genau, wird sich zeigen. Wir stehen vor einem Umbruch, vergleichbar mit IBM in den siebziger Jahren, als es hieß, die Großcomputer werden irgendwann weitgehend von Personalcomputern verdrängt. Heute sagen Leute, es wird in Zukunft nur noch eine dezentrale Energieversorgung geben. Ich erwarte dagegen eine intelligente Mischform zwischen dezentraler und zentraler Versorgung.
Ist der Markt nicht längst aufgebrochen zu einem gewaltigen Änderungsprozess hin zu wesentlich kleinteiligeren Geschäftsmodellen?
Deswegen ist für mich wichtig, dass RWE noch dynamischer und flexibler wird, um mit diesem Veränderungsprozess fertig zu werden. Wir haben hier in den letzten Jahren viel erreicht, können aber noch besser werden.
Wie soll das neue Effizienzprogramm RWE 2015 mit dem Abbau von Arbeitsplätzen Dynamik entfalten?
Moment. Die Mittelfristplanung ist zunächst nur auf dem Papier gesichert. Damit sie Wirklichkeit wird, müssen wir unser Effizienzprogramm durchziehen. Wir werden einige Unternehmensteile verkaufen müssen, und wir werden prüfen, ob wir das Geld in den nächsten Jahren tatsächlich an den richtigen Stellen ausgeben.
... und Arbeitsplätze streichen. Haben Sie wie Eon auch durch einen Vergleich mit internationalen Energieunternehmen die erforderliche Stellenstreichung quantifizieren lassen?
Benchmarks machen wir schon länger. Wir brauchen keine Energiewende, um unseren Betrieb vernünftig zu führen. So haben wir schon 2005, als ich den Handel leitete, die ganze Erdgasbeschaffung in den Handel integriert. Wir werden weitere Schritte machen, aber im Sinne von Evolution, nicht Revolution. Auch in der Evolution kann es mit großen Schritten vorangehen, nur eben reibungslos miteinander, nicht gegeneinander. Letztendlich sind die Mitarbeiter das größte Asset von RWE. Wir wollen deren Ideen mobilisieren und umsetzen.
Es wird über zusätzlich bedrohte 3500 Arbeitsplätze spekuliert. Ist es damit getan?
Es gibt noch keine solchen Zahlen. Aber auch wir werden deutliche Maßnahmen ergreifen müssen. Wir müssen die richtigen Dinge tun und dabei den Menschen klarmachen, warum bestimmte Schritte erforderlich sind. Es geht nicht um eine Einmalmaßnahme. Ein großes Unternehmen wie RWE muss kontinuierliche Verbesserungen zum Teil seiner DNA machen. Nach jeder Optimierung muss es das Bestreben zu einer noch weitergehenden Verbesserung geben.
Aber es ist schwer erkennbar, wie eine permanente Bestandsoptimierung in der Energiewende das Geschäftsmodell retten kann.
Mit Fortschreiten des Effizienzprogramms werden wir noch wettbewerbsfähiger. Und wir müssen realisieren, dass RWE nicht mehr alles für jeden sein kann. Wir werden uns auf das spezialisieren, was wir können. Es wird auch in Zukunft kapitalintensive, komplexe Infrastrukturprojekte geben. Wenn man für 1 Milliarde Euro einen Windpark in die Nordsee baut, ist das eine riesige Herausforderung. Dazu gehört Größe, Professionalität, Finanzkraft, Logistik - Dinge, die nur große Unternehmen bieten können. Nicht umsonst sind es nicht Finanzinvestoren, sondern vor allem Unternehmen wie RWE, ENBW, Eon, Vattenfall oder Dong, die die großen Offshore-Parks realisieren.
Mit Konsortien?
Auch wir werden das mit Partnern angehen. Gern nehmen wir Stadtwerke mit. Aber man braucht immer jemand auf dem Fahrersitz, dann können andere mitfahren. Auch in Zukunft bleiben große Konzerne wie RWE gefordert, solche Großprojekte voranzutreiben.
Der RWE-Konzern als Technologietreiber der Energiewende?
Ich sprach von Großprojekten. Innovationen kommen in der Regel nicht nur von Großunternehmen, das muss man mit aller Ehrlichkeit sagen. Wirklich neue Schübe kommen oft von kleineren Start-ups. Nur wenn etwas Gutes erfunden wird, braucht man für die Verbreitung im Markt die Muskeln eines Großunternehmens. Denken Sie an die Glasfasertechnologie, die von den Telefonkonzernen als Bedrohung der bestehenden Geschäfte abgelehnt wurde. Als andere diese Technologie zur Marktreife gebracht hatten, übernahmen die Telefonkonzerne das Roll-out.
Aber wie kann man Innovationskultur wecken in einem Konzern, der per se nicht der Ort dafür ist?
Es ist nicht einfach. Aber ich finde nicht, dass wir gar keine Innovationskultur haben. RWE wurde gerade zum innovativsten Energieunternehmen Europas gewählt. Bei Elektromobilität sind wir führend und treiben in Brüssel die europäische Normierung voran. Wir haben mit Smart City in der Eifel oder den niederländischen Biomasseanlagen von Essent wegweisende Projekte.
Aber das Image von RWE ist: ein Energieriese mit Braunkohledreckschleudern und Atomkraftwerken.
Aber wir stehen bei der geplanten Veränderung nicht bei null. Der Prozess ist schon unter Jürgen Großmann in Gang gesetzt worden. So ist die für regenerative Energie zuständige Innogy längst kein Nischengeschäft mehr. Es gibt andere Ansätze, die nun im Unternehmen in der Breite ausgerollt werden müssen, um den innovativen Drang auch in andere Bereiche des Konzerns hineinzuziehen. Im Moment haben wir damit zu kämpfen, dass große Institutionen unter einem gewissen Generalverdacht stehen, nicht nur große Energieunternehmen, sondern auch Banken und letztlich auch große Behörden bis hin zur Regierung. Um dem Trend entgegenzuwirken, muss man liefern. Wir arbeiten an einer Erfolgsgeschichte, in der die Taten für sich sprechen.
Wie stark wird RWE im In- und Ausland investieren?
Unsere Strategie beinhaltet Investitionen innner- und außerhalb Deutschlands. Dort sehen wir Möglichkeiten, aus eigener Kraft zu wachsen. Aber nicht außerhalb der Region, in der wir jetzt tätig sind. In Länder wie Brasilien, Indien oder China werden wir nicht gehen. Die dort bestehenden Ausführungsrisiken mögen wir nicht. Wir glauben nicht, dass man sich so seine Zukunft kaufen kann.
Aber die Vergangenheit lehrt doch, dass große Investitionen auch in Mittel- oder Südeuropa mit erheblichen Risiken verbunden sein können.
In den Ländern, in denen wir tätig sind, haben wir einen energiepolitischen Raum mit nach wie vor zur Liberalisierung strebenden Energiemärkten, auch wenn das manchmal anders aussieht. Dort wollen wir bleiben, dort fühlen wir uns wohl. In einem solchen Länderverbund glauben wir, die Wertschöpfung in unserem Strom- und Gasgeschäft optimieren zu können.
Ein Beispiel bitte.
In Zeiten, da die Gasprom mehr Gas für den Heimatmarkt braucht, können wir solche Ausfälle mit Lieferungen von anderen Vertragspartnern kompensieren. Die grenzüberschreitende Optimierung ist das Unternehmensmodell, das wir weiter vorantreiben wollen. Deshalb werden wir in all diesen Ländern weiter investieren, allerdings nur dort, wo auch die Rendite stimmt.
Wird dieses Geschäftsmodell sie nach und nach vom Energiewende-Deutschland wegführen?
Wir wollen ein international erfolgreiches Unternehmen bleiben, und es gibt kein erfolgreiches Unternehmen ohne einen starken Heimatmarkt. Deutschland hat im Portfolio einen Anteil von rund 50 Prozent. Da wollen und werden wir vor der Energiewende nicht weglaufen. Wir wollen Teil der Lösung sein und nicht Teil des Problems.
Wo kann ich zu 100 % Strom aus (Braun)kohle+Uran anstatt sonstigem
Unsinn kaufen?
klaus keller (klkeller)
- 24.02.2012, 15:13 Uhr
Ach je die hellgruenen Pseudotechniker
Hans-Joachim Mueller (hansprag)
- 24.02.2012, 14:41 Uhr
Neusprech zur Versch
Herbert Sax (H.Sax)
- 24.02.2012, 12:12 Uhr
Das Stromnetz ist nicht das Problem.
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 24.02.2012, 10:30 Uhr
Marktkräfte nicht aushebeln
Horst Ziegler (pacificatore)
- 24.02.2012, 09:17 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.380,29 | −0,99% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2439 | −0,39% |
| Rohöl Brent Crude | 105,55 $ | −1,22% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?