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Fußball in ARD und ZDF : Öffentlich rechtliche „Geldverschwendung“

Es geht in die Verlängerung: die neue Saison der Fußball-Bundesliga – natürlich nur im „Ersten“ Bild: Picture-Alliance

ARD und ZDF senden so viel Fußball wie nie. Das sei „Geldverschwendung“, sagen Kritiker. Auch ein prominenter Ökonom findet gegenüber der F.A.Z. deutliche Worte.

          Seit zwei Monaten laufen in den Programmen von ARD und ZDF zur besten Sendezeit erst die Fußball-Europameisterschaft, dann die Olympischen Spiele und nun, mit dem Auftakt an diesem Freitag, die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Die Öffentlich-Rechtlichen haben für etliche Millionen die Übertragungsrechte dafür eingekauft. Wer viel Geld für eine Ware ausgibt, der redet sie selten schlecht. Und so verwunderte es in dieser Woche nicht, dass die Intendanten nach der Olympia-Schlussveranstaltung in Rio de Janeiro ein überaus positives Fazit zogen, sich über 2,91 Millionen Zuschauer freuten, die im Durchschnitt die Live-Übertragungen sahen und ARD und ZDF Tag für Tag, Abend für Abend die allerbesten Einschaltquoten lieferten. Für ZDF-Intendant Thomas Bellut steht fest: „Die Übertragungen aus Rio haben erneut eindrucksvoll bewiesen, dass wir es können.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Nicht alle wollen bei dieser Selbstbeweihräucherung mitmachen. Selbst so manchem Sportfan wird es zu viel. Tennislegende Boris Becker, der Anfang der Woche die Auszeichnung zur „Lichtgestalt des Jahres“ erhielt, nutzte die Bühne für eine Frontalkritik: „Olympia hat das gezeigt. Es läuft meines Erachtens zu viel Fußball.“ Verbandsvertreter kleinerer Sportarten sprechen angesichts der Monokultur von einer „Schande“. Tatsächlich sind bei den Öffentlich-Rechtlichen inzwischen sogar Freundschaftsspiele in voller Länge zu sehen. Kaum war die Fußball-EM abgepfiffen, übertrug das ZDF die sportlich bedeutungslose Partie des FC Bayern gegen Manchester City, obwohl auf beiden Seiten vor allem Nachwuchsspieler auf dem Platz standen, weil die meisten Stars im Sommerurlaub weilten.

          Es fehlte natürlich auch Jerome Boateng, für dessen Wechsel von Manchester nach München das Ablösespiel ursprünglich vereinbart worden war – vor fünf Jahren. Nur, warum eigentlich betätigt sich das ZDF als Steigbügelhalter für das Privatgeschäft der Bayern? Der Rekordmeister machte an dem Abend große Kasse, weil sich seine Sponsoren bei der Übertragung in Szene setzen konnten. Wie ist das alles mit dem Programm- und Bildungsauftrag der Staatssender zu vereinbaren?

          „Eine Geldverschwendung“

          „Die Fußball- und Live-Sportübertragungen sind eine Geldverschwendung und gehören nicht zum Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Im Vergleich zu anderen Inhalten geht es hier um die am teuersten produzierten Sendeminuten“, kritisiert Justus Haucap gegenüber der F.A.Z. Der Volkswirt ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heine-Universität in Düsseldorf, war einst Vorsitzender der Monopolkommission und hat im vergangenen Jahr mit zwei Kolleginnen ein Gutachten für eine radikale Reform der Rundfunkordnung verfasst. Haucap bemängelt auch, dass die Staatssender für die teuer gekauften Sportrechte eine Geschäftsbeziehung mit den Sportorganisationen eingingen und damit Verbandssysteme förderten, die Anstand und gute Führung vermissen ließen. „Zugleich besteht die Gefahr, dass durch die Verbindung journalistische Distanz verlorengeht. Wir sehen ja im Sport mit wenigen Ausnahmen eine Hofberichterstattung.“

          Bundesliga : Saisonauftakt für die Bayern

          Die privaten Anbieter gucken derweil in die Röhre. Ob RTL oder Pro Sieben Sat.1, ihre Einschaltquoten sind in den vergangenen Sportmonaten dramatisch gesunken, weil König Fußball spielend leicht das Konkurrenzangebot der Privaten im Vorabend- und Abendprogramm verdrängt. „Der entscheidende Punkt ist doch der: ARD und ZDF erhalten von uns allen 8 Milliarden Euro, um Vielfalt zu gewährleisten, die es allein aus dem kommerziellen Markt heraus nicht gäbe. Wenn die Kollegen nun aber das Geld und die Sendezeit fast ausschließlich für massenattraktive Sportevents wie die Fußball-Champions-League oder die Bundesliga ausgeben, die genauso gut durch die Angebote der privaten Medienunternehmen übertragen werden können, dann schadet das uns, den etwas weniger bekannten Sportarten und der Vielfalt und Alleinstellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, kritisiert Tobias Schmid, der Vorstandsvorsitzende des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT). Er fordert gegenüber dieser Zeitung, „das aktuelle Selbstverständnis der Kollegen in diesem Bereich der Auftragserfüllung zu überprüfen“.

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