09.02.2012 · Nokia Siemens Networks (NSN) gerät zunehmend unter die Regie des Siemens-Konzerns. Beobachter sprechen davon, dass der Münchner Elektrokonzern de facto die Führung übernommen hat.
Von Rüdiger KöhnDie in der Sanierung befindliche Nokia Siemens Networks (NSN) gerät zunehmend unter die Obhut des Siemens-Konzerns. Unternehmensbeobachter sprechen sogar davon, dass der Münchner Elektrokonzern de facto die Kontrolle übernommen hat. Dabei hat im Gemeinschaftsunternehmen eigentlich der finnische Konzern Nokia operativ das Sagen. Allerdings spitzen sich die Probleme bei dem Netzwerkausrüster zu, der seit seiner Gründung nur Verluste produzierte und bislang rund 6 Milliarden Euro Defizite angehäuft hat.
Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser bestätigte nun in einem Interview bereits zuvor aufgekommene Gerüchte, wonach er auf der Suche nach einem weiteren Vorstandsmitglied zur Verstärkung im angeschlagene Unternehmen ist, das zu jeweils 50 Prozent im Besitz der Deutschen und der Finnen ist. Das Spitzenmanagement besteht bereits aus zwölf Mitgliedern, weshalb sich die Frage nach einer Verstärkung stellt. Tatsächlich scheint es Siemens darum zu gehen, die künftigen Geschicke durch die Entsendung „eigener Manager“ zu bestimmen, nachdem Nokia über Jahre hinweg eine Trendumkehr misslungen ist.
Dem Vernehmen nach hat Rajeev Suri als Vorstandsvorsitzender von NSN nicht mehr das Sagen im Unternehmen. Tatsächlich sollen der Däne Jesper Ovesen als operativer Aufsichtsratsvorsitzender sowie Finanzvorstand Marco Schröter die Geschäfte führen. Sie würden die im vergangenen November verkündete Restrukturierung vorantreiben, die den Abbau von insgesamt 17.000 der rund 71.000 Arbeitsplätze weltweit – davon mindestens 2900 Stellen in Deutschland – sowie Kostensenkungen von 1 Milliarde Euro vorsieht. Ovesen wurde auf Geheiß von Siemens Ende September 2011 als „Executive Chairman“ vom dänischen Telekommunikationskonzern TDC abgeworben und installiert. Schröter, zuvor Finanzvorstand des deutschen Dax-Konzerns Infineon, fing im März 2011 an und gilt als Siemens-Mann. Mit einem weiteren von Kaeser schon seit längerem gesuchten dritten starken Mann entsteht nun eine „Siemens-Troika“.
Der seit langem umstrittene Vorstandschef Suri würde, wie zu hören ist, voraussichtlich erst nach Abschluss der Sanierung Ende 2012 ausscheiden, um so einen unrühmlichen Abgang zu vermeiden. Erst vor einer Woche wurden Gerüchte dementiert, wonach sein Rücktritt unmittelbar bevorstehe.
Die Geduld des Siemens-Konzerns ist im vergangenen Jahr am Ende gewesen, nachdem Partner Nokia als Kommunikations- und Handyunternehmen zunehmend mit seinem eigenen tiefgreifenden Umbau beschäftigt gewesen war, das NSN-Management die eigenen Probleme nicht mehr in den Griff bekam, der Einstieg von Investoren scheiterte und zudem – neben weiteren Wertberichtigungen der Gesellschafter – eine neuerliche Liquiditätsspritze von insgesamt 1 Milliarde Euro im September notwendig wurde, die für die Restrukturierung benötigt wird.
Die weitere Verstärkung des NSN-Vorstands unter Siemens-Regie dürfte am deutschen NSN–Hauptsitz in mit wenig Begeisterung aufgenommen werden. Während das Management ausgeweitet wird, sollen der Verwaltungsstandort geschlossen, voraussichtlich mehr als 2000 Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren, den verbleibenden rund 1600 Beschäftigten ein Umzugsangebot an die verbleibenden fünf NSN-Standorte unterbreitet werden.
Zunehmend wird Verwunderung über die zurückhaltenden Reaktionen aus der Politik auf Stadt- und Landesebene in Anbetracht des Ausmaßes laut. Dabei war sie offenbar früher als die Betroffenen über das Ausmaß unterrichtet. Bereits Ende November, kurz nach Bekanntgabe der damals noch vage gehaltenen Umbaupläne von NSN, gab es im bayerischen Landtag bereits eine Dringlichkeitsdebatte, in der Landtagsabgeordnete von SPD und Grüne von 2000 bedrohten Arbeitsplätzen und einer möglichen Schließung der Zentrale in München sprachen.
Ein schwacher Trost zeichnet sich derweil für NSN-Mitarbeiter in München (Durchschnittsalter 49 Jahre) ab. Denn der Siemens-Konzern, der bundesweit 3000 Ingenieure und hochqualifizierten Mitarbeiter sucht, hat ihnen Zugang zum internen Stellenmarkt ermöglicht. Bewerbern von NSN sollen, so die interne Anweisung des Vorstandes, eine bevorzugte Behandlung zugesichert werden, sollten sich mehrere Interessenten mit gleicher Qualifikation auf eine Stelle bewerben. Da viele NSN-Mitarbeiter früher bei Siemens beschäftigt waren, werden die Dienstzeiten aufgrund des bestehenden Gegenseitigkeitsabkommens zwischen Siemens und NSN laut Gesamtbetriebsrat angerechnet, wobei es in erster Linie um Pensionsansprüche geht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.380,29 | −0,99% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2439 | −0,39% |
| Rohöl Brent Crude | 105,55 $ | −1,22% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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