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Krise der Hypo Real Estate „Es sind längst keine normalen Zeiten mehr“

29.09.2008 ·  Ein Zusammenbruch des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate hätte unkalkulierbare Folgen für das deutsche Finanzsystem gehabt. Deshalb wird die Rettung mit Staatshilfe von allen Seiten gutgeheißen.

Von Holger Paul
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Die nächtliche Rettung des Immobilienfinanzieres Hypo Real Estate mit Hilfe des Staates hat die gesamte deutsche Bankenbranche nach Ansicht von Fachleuten vor einer unkalkulierbaren Zuspitzung der Finanzmarktkrise bewahrt.

„Der Finanzminister hatte keinen Handlungsspielraum mehr, die Staatshilfe war definitiv richtig“, sagte der Darmstädter Finanzprofessor Dirk Schiereck. In einer solchen Situation komme es entscheidend darauf an, eine schnelle Lösung zu finden, erklärte er.

Die gewährte Bürgschaft bedeute nicht, dass der Staat auch tatsächlich zur Kasse gebeten werde, stelle aber sicher, dass die Hypo Real Estate weiterarbeiten könne. In der Finanzwelt hieß es am Montag einhellig, die milliardenschwere Staatsbürgschaft für die Münchener Großbank sei auch gerechtfertigt gewesen, um einen weiteren Vertrauensverlust der Banken untereinander sowie der Sparer in das gesamte Finanzsystem zu verhindern.

Maßnahme für den Notfall

Bisher habe noch das Gefühl vorgeherrscht, dass es in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, nicht zu einer Welle von Bankenzusammenbrüchen kommen werde. „Dieses Vertrauen wäre durch einen Zusammenbruch der Hypo Real Estate vermutlich zerstört worden, und das konnte niemand riskieren“, sagte ein Beobachter der nächtlichen Rettungsaktion. „Von der Hypo Real Estate ging eine größere Gefahr aus als im Vorjahr von der Schieflage der IKB-Bank“, fügte er hinzu.

Wie dramatisch die Lage bei den nächtlichen Verhandlungen eingestuft wurde, zeige sich auch am Verhalten der Deutschen Bundesbank. Diese habe ihre Bereitschaft signalisiert, kurzfristig ebenfalls einen staatlichen garantierten Milliardenkredit für die Rettung der Hypo Real Estate zur Verfügung zu stellen, solange die Banken noch um die Details des Pakets verhandeln. Eine solche Maßnahme ist der Bundesbank nur in Notfällen erlaubt und wurde von den Währungshütern bisher noch nie ergriffen.

Zwei Hauptfolgen einer Insolvenz

Am Montag verhandelte die Aufsichtsbehörde Bafin noch mit allen Beteiligten über die Details des Rettungsplans. Dabei ging es auch um die Frage, welche Institute außerhalb des privaten Bankensektors sich an der Hypo Real Estate beteiligen werden. Diese Gespräche könnten sich noch einige Tage hinziehen, hieß es in der Finanzwelt.

Die Bankenaufsicht und die anderen Kreditinstitute fürchteten vor allem zwei Folgen einer Insolvenz des Münchner Immobilienfinanzierers. Zum einen deckt die Hypo Real Estate laut Aussage von Marktanalysten mit ihren ausstehenden Emissionen rund 100 Milliarden des insgesamt 889 Milliarden Euro großen deutschen Pfandbriefmarktes ab. Pfandbriefe werden wiederum in großer Zahl als Sicherheiten für andere Geldmarktgeschäfte verwendet.

Hypo Real Estate zu groß

Ein Zusammenbruch der Hypo Real Estate hätte über den Pfandbriefmarkt für weitere erhebliche Verwerfungen auf dem Markt sorgen können, auf dem die Banken sich untereinander Geld leihen. Gerade dieser Markt steht aber schon seit Monaten im Zentrum der Krise, weil viele Kreditinstitute sich gegenseitig nicht mehr trauen und keine Gelder mehr leihen. Eine weitere Austrockung des Geldmarkts wäre bei einer Insolvenz der Hypo Real Estate wohl die Folge gewesen, und das habe man unbedingt verhindern wollen, hieß es.

Zum anderen sei die Hypo Real Estate mit ihrer Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro schlicht zu groß, als dass man die Folgen einer Insolvenz hätte richtig abschätzen können. Niemand wisse, wie viele größere und kleinere Banken derzeit in welchem Ausmaß direkte Geschäftsbeziehungen zur Hypo Real Estate haben. Ein Kollaps hätte vermutlich eine neue Welle hoher Abschreibungen bei vielen Instituten zur Folge gehabt.

Dominoeffekt wäre möglich gewesen

Marktgerüchten zufolge wären einige Landesbanken, aber auch die großen Privatbanken stark betroffen gewesen. „In der Finanzwelt haben alle aufgeatmet, dass das Rettungskonsortium mit Hilfe des Staates gebildet wurde“, sagte ein Bankenfachmann, der wie viele in seiner Zunft nicht genannt werden wollte.

„In normalen Zeiten hätte man eine Bank wie die Hypo Real Estate auch untergehen lassen können, aber es sind längst keine normalen Zeiten mehr“, sagte der Hohenheimer Bankenprofessor Hans-Peter Burghof. Das Vertrauen der Sparer in die Sicherungssysteme der deutschen Bankenbranche sei ohnehin schon spürbar erschüttert, und die Refinanzierungsschwierigkeiten der Hypo-Real-Estate-Tochtergesellschaft Depfa stellten sich im Grundsatz ja auch anderen Banken, erläuterte er.

Deshalb wäre ein Dominoeffekt beim Einsturz des Münchener Immobilienfinanzierers durchaus möglich gewesen. Die Politik müsse sich nun allerdings fragen, ob sie auf dem richtigen Weg ist, wenn sie bei jeder einzelnen Bank, die in Schwierigkeiten gerät, die Vergabe von Staatshilfen prüft. Burghof plädierte vielmehr dafür, dass die Bundesrepublik sich am amerikanischen Rettungspaket beteiligen und dafür im Gegenzug „deutsche Kontingente“ der 700 Milliarden Dollar umfassenden Finanzhilfe aushandeln sollte.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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