18.06.2008 · Die schlechten Nachrichten aus Spanien häufen sich. Dass das Land unter einer Krise am Bau- und Immobilienmarkt leidet, lässt sich schon seit längerem nicht mehr übersehen. Die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass es keine sanfte Landung geben wird.
Von Michael PsottaDie schlechten Nachrichten aus Spanien häufen sich. Dass das Land unter einer Krise am Bau- und Immobilienmarkt leidet, lässt sich schon seit längerem nicht mehr übersehen. Die große Frage blieb, ob Spanien auf diesem Markt eine weiche Landung oder einen harten Aufschwung erlebt.
Die jüngsten Zahlen sprechen gegen die hoffnungsvolle Version: Im ersten Quartal 2008 nahm der Baubeginn von Wohnungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 60 Prozent ab, das Volumen der neu ausgereichten Immobilienkredite sank um 40 Prozent. Nach sanfter Landung klingt dies nicht wirklich.
Spanier beginnen am Konsum zu sparen
Gleichzeitig schränken die Spanier auch ihren privaten Konsum immer mehr ein. Damit wird es allmählich eng für die gesamte Wirtschaft. Im ersten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal nur um 0,3 Prozent. Die Pariser Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) erwartet inzwischen, dass die spanische Wirtschaft 2008 um 1,6 Prozent und im kommenden Jahr sogar nur noch um 1,1 Prozent wächst.
Das klingt aus deutscher Sicht womöglich noch nicht dramatisch. Doch für Spanien könnte dies eine Zeitenwende bedeuten: Immerhin lag das Wirtschaftswachstum in den vergangenen zwölf Jahren durchschnittlich bei 3,8 Prozent, während die EU im Durchschnitt auf 2,2 Prozent kam. Verschärft werden die spanischen Schwierigkeiten durch die Inflation. Sie liegt seit jeher um etwa 1 Prozentpunkt höher als der EU-Durchschnitt.
Zapatero auf Konfrontationskurs mit Trichet
Somit müsste Spanien eigentlich begrüßen, dass die Europäische Zentralbank jetzt die Preissteigerungen entschlossener bekämpfen will. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der sozialistische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero kritisierte kürzlich die Absicht der Zentralbank, den Euro-Leitzins am 3. Juli von 4 auf 4,25 Prozent anzuheben, ungewöhnlich deutlich und mahnte den Präsidenten der Zentralbank, Jean-Claude Trichet, er solle mit seinen Kommentaren vorsichtiger sein.
Zapateros Nervosität hat durchaus Gründe. Die spanischen Haushalte sind durch Kredite für Immobilien und den Konsum äußerst stark verschuldet, und Zinserhöhungen spüren sie meist unmittelbar, weil sie – etwa im Gegensatz zu deutschen Usancen – ganz überwiegend flexible Zinsen vereinbaren. Mitten im Abschwung erhält der spanische Konsum damit einen zusätzlichen Dämpfer.
Hoffen auf den Aufschwung 2009
Dass sich die Lage verschärft, zeigen auch die zunehmenden Verteilungskämpfe wie zuletzt der Streik der Transporteure, deren Straßensperren nicht nur das öffentliche Leben beeinträchtigten, sondern auch zahlreiche Fabriken wegen des Mangels an Güternachschub vorübergehend stilllegten. Die entscheidende Frage für Zapatero, Spanien und die gesamte EU bleibt jetzt, ob es sich nur um eine vorübergehende Schwäche handelt.
Die spanische Regierung wiederholt gebetsmühlenartig, dass der nächste Aufschwung spätestens 2009 komme. Der Minister für Industrie, Tourismus und Handel, Miguel Sebastián, äußerte gar das seltsame Argument, dass es gut für Spanien sei, wenn die Wirtschaft jetzt stark falle, weil dann der Wiederaufstieg um so schneller beginnen könne.
Spanien ist Portugal davongezogen
Der Blick auf Portugal könnte da etwas mehr Zurückhaltung nahelegen. Das Nachbarland hatte seit den achtziger Jahren im Gleichschritt mit Spanien dynamisch auf der Überholspur der europäischen Wirtschaft gelegen. 2002 kam dann ein unerwarteter Einbruch – von dem sich Portugal bis heute nicht erholt hat.
Gegenüber Portugal weist Spanien indes drei Vorteile auf, die dem Land ein ähnliches Schicksal ersparen sollten. Zum einen ist der Tourismus in Spanien sozusagen naturgegeben eine Macht, die Schwächen anderer Sektoren zu dämpfen vermag. Zum zweiten haben die spanischen Regierungen beider Lager eine überaus kluge Finanzpolitik betrieben. Mit jährlichen Haushaltsüberschüssen von zuletzt 25 Milliarden Euro verfügt Spanien über Reserven, mit denen sich eine Krise mit den zu erwartenden Steuerausfällen gelassener angehen lässt, als wenn Staatsfinanzen schon zerrüttet wären.
Zara & Co. behaupten sich international
Das größte Pfund aber, mit dem Spanien heute wuchern kann, sind seine Unternehmen. Anders als noch vor zehn Jahren gibt es eine Reihe von Konzernen mit internationaler Bedeutung, seien es die Großbanken Santander und BBVA, der Stromversorger Iberdrola, der Modekonzern Inditex mit der Marke Zara, die Telefongesellschaft Telefónica oder gleich eine ganze Armada von Baugesellschaften. Sie haben den langjährigen Aufschwung in ihrem Heimatmarkt nicht nur passiv genutzt, sondern zunächst in Lateinamerika stark investiert und zuletzt auch im europäischen Ausland, in den Vereinigten Staaten und in China teils starke Positionen erklommen.
Zudem waren die großen Baukonzerne auf die Immobilienkrise gut vorbereitet: Sie haben rechtzeitig neue Geschäftszweige wie den Betrieb von Flughäfen und Straßen eröffnet oder stark in die Energiewirtschaft investiert, so dass sie die aktuelle Krise überstehen dürften. Mag sein, dass Spanien vor magereren Jahren steht. Doch ein Abstieg wie der Portugals steht nicht zu erwarten.
Michael Psotta Jahrgang 1957, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung.
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