13.03.2007 · Dänemark und Schweden gelten als Vorzeigeländer in Sachen Familienfreundlichkeit: Elternversicherung, Kindergeld, Baby-Urlaub - Kinderkriegen wird umfassend gefördert. Prompt ist die Geburtenrate höher als hierzulande. Noch streiten die Forscher darüber, woran das liegt.
Von Siegfried Thielbeer„Mor“ (gesprochen: Muuaah) scheint das am häufigsten benutzte dänische Wort zu sein. Die Kleinen orientieren sich an ihren Müttern, die sie betreuen. Vor Kindern scheint Dänemark nur so zu wuseln. Auf jedem Meter dänischem Bürgersteig begegnet man ihnen, auf dem Arm, im Kinderwagen oder an der Hand der Mütter, die oft genug schon wieder schwanger zu sein scheinen. An jeder Straßenecke hört man das typische Grundgeräusch, das von Kindergärten oder Krippen ausgeht, eine Mischung aus Geschrei und Lachen. Niemand nimmt daran Anstoß.
Kinder zu haben gilt in Dänemark und den anderen nordischen Ländern Schweden, Norwegen und Finnland als selbstverständlich. Kinder werden als Gewinn und Teil der Lebensfreude empfunden. In jedem Restaurant und Hotel ist es selbstverständlich, dass sofort Babysitze und Kinderstühle bereitgestellt werden. Niemand beschwert sich über ein Quengeln. Auf Mütter mit Kindern wird in der Arbeitswelt Rücksicht genommen. Ist das Kind krank, tolerieren die Arbeitgeber das Fehlen der Eltern am Arbeitsplatz in den meisten Fällen wie selbstverständlich - weit über die gesetzlichen Vorschriften hinaus.
Entlastung durch Krippen und Kindergärten
Die Statistik bestätigt das täglich Erlebte: Während in Polen oder Tschechien die durchschnittliche Geburtenrate je Frau gerade noch 1,2 und in Deutschland 1,4 beträgt, liegt sie in Dänemark bei 1,8, ebenso in Finnland und Norwegen. In Schweden liegt sie mit 1,7 nur wenig zurück. In den sechziger Jahren haben auch die nordischen Länder den Pillenknick erlebt. In Dänemark war in jenen Jahren die Geburtenrate auf 1,4 gefallen. Seit Mitte der achtziger Jahre aber steigt sie wieder.
Warum das so ist, darüber streiten die Bevölkerungswissenschaftler. Übereinstimmung herrscht aber darin, dass die bewusste Entscheidung für ein Kind vor allem von den Frauen getroffen wird. Geprägt ist diese Entscheidung auch von deren wirtschaftlichen Zukunftserwartungen und den finanziellen Zuschüssen des Staates, die Einkommensverluste zum Teil ausgleichen. Und dank einer umfassenden Entlastung durch Krippen und Kindergärten können Mütter ihre Berufstätigkeit fortsetzen. In Dänemark sind fast 80 Prozent der arbeitsfähigen Frauen berufstätig. Es gilt als Faustregel der Familienfinanzen, dass man zwei Einkommen braucht - eines allein zum Bezahlen des Hauses. Reine Hausfrauen sind äußerst ungewöhnlich.
Auf vier Kinder ein Pädagoge
Das Betreuungsangebot, das die Eltern entlastet, ist umfassend. 560.000 Kinder werden in 6900 Kindergärten und Tagesbetreuungszentren für ältere Kinder versorgt. Hinzu kommen 65.000 Familienbetreuungsstätten, vor allem Kinderkrippen für die Kleinsten. Praktisch alle Kinder können betreut werden. Etwa 60 Prozent der Kleinkinder im Alter von bis zu zwei Jahren sind in Krippen. Dies spiegelt die Entscheidung vieler Mütter wider, sich im ersten Jahr nach der Geburt selbst um das Baby zu kümmern. Im Alter von drei bis fünf Jahren gehen mehr als 90 Prozent der Kinder in eine Betreuungsstätte.
In der Altersgruppe von sechs Jahren an, wenn die Vorschule beginnt, bis zum Alter von neun Jahren werden 80 Prozent der Kinder betreut, in der Altersgruppe von zehn bis 13 Jahren besuchen noch mehr als 30 Prozent eine Tagesstätte. In den Krippen für Kleinkinder kommt auf vier Kinder ein Pädagoge. Im Kindergarten liegt das Verhältnis bei eins zu sieben, in der Nachschulbetreuung bei eins zu neun. Die kommunalen Behörden gaben im Jahr 2005 rund 26,5 Milliarden dänische Kronen (3,6 Milliarden Euro) für dieses System der Kinderbetreuung aus. Die finanzielle Beteiligung der Eltern an den Krippen- und Kindergartenkosten ist seit 2006 auf höchstens 25 Prozent beschränkt. Dennoch sind diese Ausgaben vor allem für Niedrigverdiener und alleinstehende Mütter eine Belastung. Die Kindergartenkosten in Dänemark sind erheblich höher als in Schweden. Deshalb und wegen der niedrigeren Mieten in Schweden verlegen viele Kopenhagener ihren Wohnsitz ins schwedische Malmö.
Elternversicherung, Kindergeld und vieles mehr
In Schweden gibt es wie in Dänemark eine umfassende finanzielle Unterstützung für Eltern: eine Elternversicherung, Kindergeld und vieles mehr für Familien mit Kindern. Die Elternversicherung macht einen „Baby-Urlaub“ von bis zu 480 Tagen möglich. Jeweils 60 Tage sind für den Vater und die Mutter reserviert, die restlichen Tage können die Eltern frei zwischen sich aufteilen. 390 Tage lang bekommen sie 80 Prozent ihres früheren Familieneinkommens. Eltern mit niedrigem oder gar keinem Einkommen können auf 180 Kronen je Tag zählen. Für weitere 90 Tage können Eltern zu einem Hilfsbeitrag von 60 Kronen am Tag zu Hause bleiben. Bei der Geburt haben auch die Väter ein Recht auf zehn bezahlte Urlaubstage, eine Regelung, die etwa 80 Prozent der Väter nutzen. Für alle Kinder wird in Schweden ein Kindergeld von monatlich 1050 Kronen (rund 113 Euro) gezahlt. Familien mit zwei oder mehr Kindern bekommen zusätzliche Zuschüsse. Haushalte mit Kindern können Wohngeld beantragen. Für kranke oder behinderte Kinder gibt es besondere Pflegezuschüsse.
Das Betreungsangebot ist in Schweden ähnlich umfassend wie in Dänemark. 83 Prozent der Kinder von ein bis fünf Jahren werden in der Vorschule oder im „familjedaghem“ betreut; das sind 403.000 Kinder, für die 87.000 Pädagogen und Betreuer beschäftigt werden. Die gute Betreuungssituation wirkt sich auf die Erwerbsbeteiligung aus. Nach Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat waren 2005 mehr als 70 Prozent der Schwedinnen im Alter von 15 bis 64 Jahren erwerbstätig. In Deutschland waren es weniger als 60 Prozent. Wenn Kinder kommen, reduzieren aber auch in Schweden meist die Frauen ihre Arbeitszeit. Erst später, wenn die Kinder größer sind, steigen sie wieder voll in den Beruf ein. Hausmänner gelten auch im familienfreundlichen Schweden als eine leicht skurrile Ausnahme.
rein deskriptiv
Ernst Neid (Iden0815)
- 13.03.2007, 21:43 Uhr
Kleine Ergänzung des Zahlenwerks...
Susanne von Puttkamer (linevp)
- 14.03.2007, 11:50 Uhr
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