16.06.2009 · Die aktuellen Daten sprechen gegen eine Kreditklemme - noch. Doch künftig werden die Banken ihre Kreditvergabekapazitäten einschränken müssen. Und das auch langfristig. Denn eine vorsichtigere Risikopolitik zu betreiben ist eine der Lehren aus der Finanzkrise.
Von Markus FrühaufDie aktuellen Daten sprechen gegen eine Kreditklemme – noch. In ihrem jüngsten Monatsbericht weist die Bundesbank für das erste Quartal des Jahres eine rund fünf Prozent höhere Kreditvergabe an Unternehmen und Selbständige aus als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Trotzdem berichtete sie gleichzeitig über deutlich strengere Konditionen für die Kreditvergabe der Banken. Davon können Unternehmen und Verbraucher ein Lied singen. Zum einen kalkulieren die Banken in ihren Kreditzinsen erheblich höhere Risikoaufschläge der Kreditnehmer ein, zum anderen stellen sie an die Sicherheiten wesentlich strengere Anforderungen.
Es spricht alles dafür, dass die Banken ihre Kreditzügel weiter straffen werden. Denn die Rezession schlägt erst jetzt voll auf die Realwirtschaft durch. Ein gutes Beispiel liefern die Auftragseingänge im Maschinenbau. Diese sind im April um fast 60 Prozent gesunken. Die Branche verkörpert wie kaum eine andere den exportorientierten Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft. Nicht viel besser sieht es in der Industrie aus. Die Autohersteller retten sich mit dem staatlichen Subventionsprogramm „Abwrackprämie“ über die Runden, aber die Automobilzulieferer melden schon reihenweise Insolvenz an. Die Kreditwürdigkeit der Unternehmen, die die Banken anhand des Ratings messen, wird sich in den kommenden Monaten stark verschlechtern.
Auch die Ratings der Staaten sind in Gefahr
Dadurch verringern sich die Kreditvergabekapazitäten der Banken. Wenn die externe (von Ratingagenturen vergebene) oder interne (selbstermittelte) Bonitätsnote eines Unternehmens sinkt, muss der betroffene Kredit mit mehr Eigenkapital unterlegt werden. Je schlechter die Kreditwürdigkeit eines Schuldners, desto höher wird der von den Aufsichtsbehörden geforderte Kapitalpuffer für den wahrscheinlicher gewordenen Kreditausfall. Schon allein durch die bestehenden Kreditpositionen erhöht sich der Eigenkapitalbedarf für die Banken in den kommenden Monaten. Zudem sind nicht nur die Ratings der Unternehmen in Gefahr, sondern auch die mancher Staaten, die früher als sicher galten. So musste Irland innerhalb von drei Monaten zwei Kürzungen des Ratings verkraften. Die steigende Arbeitslosigkeit wird auch im Privatkundengeschäft die Risikovorsorge anschwellen lassen.
Wie hoch der Eigenkapitalbedarf der Banken aufgrund der demnächst schlechteren Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen sein wird, darüber gibt es nur Schätzungen. Die Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die in Europa zu erwartenden Kreditausfälle lässt Schlimmes erahnen. Insgesamt rechnet der Währungsfonds in Europa krisenbedingt im Zeitraum 2007 bis 2010 mit einem Wertberichtigungsbedarf von 850 Milliarden Euro. Davon entfallen 75 Prozent auf Kredite. Diese Wertberichtigungen sind zum größten Teil noch gar nicht in den Bankbilanzen aufgetaucht.
Eine vorsichtigere Risikopolitik als Lehre aus der Krise
Die deutschen Banken haben schon jetzt Schwierigkeiten mit dem „Giftmüll“ aus Kreditverbriefungen und anderen toxischen Wertpapieren. Doch die Bad-Bank-Konstruktion der Bundesregierung schreckt die meisten Banken bisher noch ab, ihre kritischen Positionen auf diese Einrichtung zu übertragen. Sie halten die Auflagen für zu hart. Es stellt sich die Frage, ob sich viele Banken die zögerliche Haltung noch leisten können, wenn die Rezession auf ihre Eigenkapitalbasis durchschlägt. Dann muss Spielraum geschaffen werden. Für Entspannung sorgt allein die Tatsache, dass Unternehmen im Abschwung geringeren Investitions- und damit Finanzierungsbedarf haben.
Trotzdem müssen sich Unternehmen und Verbraucher darauf gefasst machen, dass die Banken ihre ohnehin schon strengen Konditionen in den kommenden Monaten noch einmal deutlich verschärfen werden. Dies den Banken vorzuwerfen wäre fahrlässig. Denn eine Lehre der Finanzkrise muss eine wesentlich vorsichtigere Risikopolitik sein. In einem Konjunkturabschwung sind die Risiken für die Gläubiger aber höher als in Aufschwungjahren.
Viele Großunternehmen, die einen Zugang zum Kapitalmarkt haben, beschaffen sich frisches Geld über Anleiheemissionen statt über die Bank. Investmentbanker sehen darin auch eine Möglichkeit für den Mittelstand. Allerdings kommen für diese Unternehmen eher private Plazierungen in einem ausgewählten Investorenkreis in Frage als der große Auftritt am Kapitalmarkt. Doch diese Alternativen ersetzen nicht das Finanzierungspotential der Banken.
Fachleute erwarten, dass die Banken die Bonitätsverschlechterung der Kreditnehmer erst im Herbst in ihren Bilanzen richtig zu spüren bekommen. Dann müssen die Banken ihre Kreditvergabekapazitäten einschränken, nicht nur kurz-, sondern auch langfristig. Künftig werden die Banken also weniger Kredite gewähren als noch vor Ausbruch der Finanzkrise. Schon jetzt fahren sie ihre Bilanzsumme deutlich zurück. Mit diesem „Deleveraging“ versuchen sie ein Ungleichgewicht zu korrigieren, das die Krise verursacht hat: die im Verhältnis zum Kapital der Banken viel zu hohe Kreditsumme.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.379,71 | −1,04% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2442 | −0,37% |
| Rohöl Brent Crude | 105,45 $ | −1,31% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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