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Kreditklemme Wenn Firmen sich von Banken erpresst fühlen

14.07.2009 ·  Peer Steinbrück droht den Banken, sie sollten endlich wieder Kredite vergeben. Doch gibt es die Kreditklemme wirklich? Die Antwort der Unternehmen ist einfach. Sie behaupten: Wir werden von den Banken erpresst.

Von Carsten Knop
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Der Vorstandsvorsitzende eines großen Unternehmens ist außer sich, als er gefragt wird, ob er sie schon einmal gespürt habe, die sogenannte Kreditklemme. Das sei gar nicht mehr die Frage, antwortet er. Es gehe doch einzig und allein darum, wie man aus dieser Klemme wieder herauskomme. Da sei er sich mit vielen seiner Kollegen völlig einig. Das Leben machten ihm vor allem die sogenannten „Credit Default Swaps“ (CDS) schwer.

Credit Default Swaps sind eine Art Versicherung, die Gläubiger gegen einen Kreditausfall abschließen können. Dabei verpflichtet sich zum Beispiel eine Bank oder ein Hedge-Fonds, bei einem Kreditausfall die Summe zu ersetzen, und erhält im Gegenzug eine Gebühr. Die Swaps können zum Beispiel für Anleihen, Bankkredite oder Hypotheken abgeschlossen werden. Damit verteilen Gläubiger ihr Risiko.

Die Banken können die Unternehmen betteln lassen

Warum die CDS für den Vorstandschef Grund zur Aufregung sind? Hat eine Bank für einen Kredit an sein Unternehmen ein CDS gekauft, kann es für das Institut günstiger sein, den Ausfall des Kredits, gegen den sich die Bank ja versichert hat, in Kauf zu nehmen, als das Engagement zu verlängern. In jedem Fall kommt die Bank gegenüber einem Unternehmen, das den Kredit, beziehungsweise dessen Verlängerung, unbedingt braucht, in die für sie bestmögliche Verhandlungsposition - und kann das um Kredit ersuchende Unternehmen bis zur letzten Sekunde betteln lassen.

Der Vorstandsvorsitzende steht mit seiner Kritik nicht allein; er hat prominente Mitstreiter im Kampf gegen die CDS: Der amerikanische Investor George Soros hat längst ein Verbot der Kreditderivate gefordert. Auch Investorenlegende Warren Buffett hat die Credit Default Swaps im jährlichen Bericht an die Aktionäre seines Beteiligungsunternehmens Berkshire Hathaway als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet. Und auch die deutsche Politik spart nicht mit harten Worten (siehe dazu auch: Steinbrück macht weiter Druck auf Banken).

Das Risiko minimieren

Wenige Tage nach dem Treffen mit dem erregten Vorstandschef sagt ein sehr viel gelassenerer Banker, der für ein großes deutsches Kreditinstitut arbeitet, er könne sich überhaupt nicht vorstellen, dass es solche Erpressungen in Kreditverhandlungen tatsächlich gebe. Und wenn doch, dann sei es sehr dumm für die Bank, sich gegenüber großen Kunden, die schließlich meist auch ein großes Netzwerk in die Finanzbranche hinein hätten, auf diese Weise zu verhalten. Man müsse als Bankier doch auch an die Beziehungen zu dem betreffenden Kunden nach der Zeit der Finanzkrise denken.

Andererseits, das räumt er dann doch ein, treffe es durchaus zu, dass viele Banken derzeit darum bemüht seien, ihre Kreditengagements zurückzufahren, das Risiko zu minimieren - und für die Zeit vorzusorgen, in der es gelten wird, die noch ausstehenden Kredite wegen einer höheren Ausfallwahrscheinlichkeit zum Beispiel durch Insolvenzen mit mehr Eigenkapital zu unterlegen. Das sei nach allgemeiner Erwartung spätestens ab Herbst der Fall.

Die Preise für die Versicherungen steigen mit den Ausfallraten

Die CDS könnten deshalb sehr wohl für einige Unternehmen zu Schwierigkeiten führen. Doch, so die Argumentation des Bankers, werde der Markt das Problem lösen: Schließlich stiegen auch die Preise, die für derartige Versicherungen zu zahlen seien, mit höheren Ausfallraten automatisch.

Und die Kreditvergabe sei vor zwei Jahren, also der Zeit, mit der viele Unternehmer ihre heutige Verhandlungssituation verglichen, auch viel zu leichtfertig gewesen. Angebot und Nachfrage pendelten sich derzeit neu ein. Das sei ein gesunder Prozess, der allerdings noch für eine längere Zeit nicht abgeschlossen sei. Verbote, zum Beispiel von CDS, oder andere staatliche Eingriffe seien in dieser Situation aber kontraproduktiv.

Grundregeln sollten eingehalten werden

Der Banker hat recht. Aber wer sich nach allen staatlichen Hilfen für die Finanzwirtschaft derartige Freiheiten erhalten will, muss sich an Grundregeln halten, um die Stimmung nicht zu verderben. In diesem Punkt ist Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zuzustimmen, wenn er den Bankern wieder und wieder den Spiegel vorhält. Im Umgang mit ihren CDS ist für die Banken deshalb besondere Vorsicht geboten. Denn es liegt im Wesen der CDS, dass sie das Risiko, das mit einem Kredit verbunden ist, auf eine dritte Partei verschieben. Sie ermöglichen es der kreditgebenden und CDS-versicherten Bank, ihre Entscheidung über die Zukunft des Kredits vom operativen Geschehen in dem betroffenen Unternehmen zu trennen. Das ist ungesund. Die Tatsache, dass die CDS inmitten der Entstehung der Finanzkrise nicht zuletzt vom amerikanischen Versicherungskonzern AIG sogar für gezielte Spekulationen verwendet worden sind, sei hier nur am Rande erwähnt. Dort, aber nicht nur dort, wurde aus der Absicherung eine - verhängnisvolle - Wette.

Ob es angesichts solcher Erkenntnisse reicht, den CDS-Handel zur Stabilisierung des Finanzsystems und zur besseren Transparenz künftig über sogenannte zentrale Clearingstellen abzuwickeln, wie von der Europäischen Kommission vorgeschlagen, müssen die Banker erst noch beweisen. Tiefergehende Eingriffe vermeiden sie nur, wenn sich die Kunden von ihnen mit der Hilfe von CDS nicht allzu billig erpresst fühlen, erst recht, wenn es sich dabei möglicherweise gar um ganze Staaten handelt.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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