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Kreative Erfindung Mit der Sonne im Kochtopf

Zehntausende Nomaden in China sterben jedes Jahr an Rauchvergiftungen. Nun hat ein MIT-Absolvent einen Solarkocher erfunden, der Strom erzeugt und Wärme speichert - und ganz nebenbei auch noch die Erstickungstode verhindert.

© Privat Vergrößern Scot Frank

Manchmal reicht eine Fliege aus, damit ein Gründer eine zündende Produktidee entwickelt. In einem Dorf in der chinesischen Westprovinz Qinghai schaute Scot Frank vor einigen Jahren den Frauen beim Kochen zu. Die gläubigen Buddhistinnen beklagten sich darüber, dass in ihren herkömmlichen Solarkochern so viele Insekten verendeten. „Der Brennpunkt war zu eng“, erinnert sich Frank. „Jede Fliege, die ihm zu nahe kam, verbrannte.“ Da der tibetischen Bevölkerung im Hochland jeder unnötige Tod zuwider ist, dachte der junge Ingenieur über eine Alternative zu den Sonnenherden nach.

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Die traditionellen Geräte, die er ersetzen wollte, haben viele Nachteile: Das Essen in den Töpfen brennt an, die Öfen selbst zerbrechen schnell. Auch sind die Betonschalen der Parabolspiegel viel zu schwer für die Nomaden, die ihren Yakherden folgen müssen. 90 Kilogramm wiegt die monströse Konstruktion. Also entwickelte Frank eine leichtere, stabilere Version. Sein Modell „Solsource“ bringt gerade einmal 20 Kilogramm auf die Waage, lässt sich zusammenfalten wie ein Regenschirm und leicht schultern. Der Prototyp war sogar nur halb so schwer, doch das lehnten die Testbenutzer ab. „Sie sagten uns: Was nichts wiegt, taugt auch nichts“, erinnert sich der Amerikaner.

Jährlich sterben rund 500.000 Chinesen an Rauchvergiftungen

In dem engen Bezug zur Zielgruppe sieht Frank den Hauptgrund für den Erfolg seines Unternehmens One Earth Designs (OED). Die kleine Gesellschaft mit Sitz in Hongkong will 2013 oder 2014 die Gewinnschwelle erreichen, nach fünf bis sechs Jahren im Markt. Im laufenden Jahr dürfte der Umsatz rund 2,5 Millionen Yuan (400.000 Euro) betragen. Die meisten Innovationen des 12-Mann-Betriebs, der Produkte für die chinesische Landbevölkerung entwickelt, sind aus Gesprächen und Beobachtungen entstanden. Als die Schüler eines Dorfes erkrankten, die alle aus demselben Brunnen getrunken hatten, wusste man sich zunächst keinen Rat. Schließlich hatten sie das Wasser abgekocht. Doch durch die Höhe von 4000 Metern lag der Siedepunkt bei weniger als 100 Grad, wodurch nicht alle Erreger abgetötet wurden. OED brachte deshalb einen Schnelltest heraus, der die Verseuchung von Wasser mit Bakterien oder Giftstoffen anzeigt.

Die wichtigste Entwicklung des Unternehmens aber ist der Solarherd Solsource. Ähnliche Hohlspiegel, die das Sonnenlicht zum Erhitzen eines Topfes oder einer Pfanne bündeln, gibt es in China schon seit längerem. Die Regierung unterstützt die Verbreitung aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen: Angeblich sterben jedes Jahr 500.000 Chinesen an Vergiftungen, weil sie in ihren Hütten oder Zelten organisches Material verbrennen, Dung oder Feuerholz. In Qinghai, wo auf der doppelten Fläche Deutschlands nur 5,6 Millionen Einwohner leben, sollen bis 2015 rund 300.000 Sonnenkocher zum Einsatz kommen; bisher sind es halb so viele.

Internationale Preise für die Entwickler

Im laufenden Jahr will OED 1500 davon liefern, „2013 dann schon Zehntausende“, wie Frank sagt. Der Solsource kostet je nach Ausführung 800 bis 1000 Yuan (126 bis 158 Euro) und damit ein Vielfaches der Konkurrenzangebote. Doch gut die Hälfte des Preises stelle die Provinzregierung als Kaufbeihilfen zur Verfügung, versichert der Jungunternehmer. Wenn es gut läuft, will er von Qinghai aus in den Rest Chinas expandieren und dann auch ins Ausland, etwa nach Afrika, Indien und Lateinamerika.

Die funkelnde Schale gilt als so raffiniert, dass die amerikanischen und chinesischen Entwickler dafür schon internationale Preise gewonnen haben, darunter den mit 500.000 Euro dotierten Green Challenge Award einer holländischen Lotterie. Das Besondere liegt in der Vielseitigkeit des Modells. Durch das Abklappen einzelner Module des Hohlspiegels lässt sich die Temperatur regulieren, wobei der Topfboden großflächig und gleichmäßig erhitzt wird. Als einmalig preist Frank an, dass das Gerät sogar Strom und Wärme erzeugt. Ein Latentwärmespeicher aus sogenannten Phasenwechselmaterialen - eine Art Wachskissen wie bei Taschenwärmern - heizt sich so stark auf, dass er anschließend über Stunden Hitze abgibt, in der Kleidung etwa oder unter Betten.

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Die Elektrizität wird nicht über die Photovoltaik gewonnen, sondern - gemäß dem Seebeck- oder Peltier-Effekt - über die Temperaturdifferenz. „Wenn die Landleute unser Gerät nutzen, frieren sie weniger, sie können in der Steppe Radio hören, Licht anschalten oder ihr Mobiltelefon aufladen“, sagt Frank. „Das erhöht die Lebensqualität mehr als bei anderen Solaröfen“. Zehn Fabriken in Südchina, die sonst Töpfe oder Plastikschläuche produzieren, stellen die Teile für den Solsource her. Zusammengesetzt wird er in Guangzhou (Kanton).

Der 27 Jahre alte Frank stammt aus Salt Lake City in Utah, ist aber, wie er lachend versichert, kein Mormone. Schon früh fiel er durch Talent und Leistung auf, was ihm ein Studium am Massachusetts Institute of Technology ermöglichte, einer der führenden technischen Universitäten in der Welt. Er studierte Elektrotechnik, Internationale Studien und Chinesisch, eine Zeitlang auch in Harvard, also an einer weiteren Elitehochschule. Noch während der Ausbildung gründete er zwei Unternehmen für Informationstechnik, was ihn aber schnell langweilte. Nach Qinghai kam er als Austauschstudent und Lehrkraft an der Universität der Provinzhauptstadt Xining. Von hieraus erkundete er das tibetische Hochland, wo ihn Landschaft und Leute so fesselten, dass er seitdem mit und für sie arbeiten will.

Quelle: F.A.Z.

 
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