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Krankenversicherung Die Erfolgsangst der privaten Kassen

26.08.2008 ·  Der Ball liegt vor dem leeren Tor, und statt ihn ins Netz zu dreschen, philosophieren die Stürmer lieber über die Existenzberechtigung des Angriffsfußballs. So in etwa verhalten sich derzeit die privaten Krankenversicherer. Denn sie stellen lieber ihr Geschäftsmodell in Frage, statt die Vorzüge zu betonen.

Von Stefan Ruhkamp
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Der Ball liegt vor dem leeren Tor, und statt ihn ins Netz zu dreschen, philosophieren die Stürmer lieber über die Existenzberechtigung des Angriffsfußballs. So in etwa kann man sich die seltsame Handlungsschwäche der privaten Krankenversicherer in Deutschland vorstellen.

Dabei waren die Möglichkeiten, neue Kunden anzulocken, selten so gut. Es ist absehbar, dass die Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen demnächst spürbar mehr zahlen müssen. Obendrein schrumpft mit der Einführung des Gesundheitsfonds der Preiswettbewerb im gesetzlichen System. Mehr als die Hälfte der Kassenmitglieder wird mehr bezahlen müssen. Heute reichen bei den günstigsten Kassen knapp 13 Prozent des Einkommens, im Durchschnitt der Krankenkassen knapp 15 Prozent. Künftig wird der Einheitssatz wohl mindestens 15,5 Prozent betragen und spätestens nach dem Wahljahr 2009 weiter steigen.

Schwache Ausrede

Diese Perspektiven müssten doch eigentlich die Werbebemühungen der privaten Versicherer unterstützen. Doch die Zahl ihrer Kunden mit vollständiger privater Absicherung steigt nur mäßig. Der Zuwachs hat sich im vergangenen Jahr auf rund 60.000 halbiert, in diesem Jahr läuft es nicht viel besser. Manche Versicherungsmanager machen dafür SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt verantwortlich, weil sie höhere Pflichtgrenzen und eine Wartezeit für Wechsler eingeführt hat. Angestellte müssen nun drei Jahre mit ihrem Verdienst oberhalb der Pflichtgrenze von rund 4000 Euro im Monat liegen. Erst dann dürfen sie zu einem privaten Versicherer wechseln. Doch dies ist eine schwache Ausrede. Durch die Wartezeit sind weniger als eine Million Kassenmitglieder in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Mehr als 7,5 Millionen andere Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen verdienen seit Jahren so viel, dass sie jederzeit zu einem privaten Versicherer wechseln dürften.

Sie tun es aber nicht, und das hat auch mit dem Auftreten der privaten Krankenversicherer zu tun. Ihre Kunden - zumindest die jüngeren - locken sie gern mit Beiträgen, die anfangs unter denen der Krankenkassen liegen. Zugleich treten die Versicherer aber in der öffentlichen Diskussion als Wohltäter des Gesundheitssystems auf. Nur mit den überproportionalen Zahlungen der acht Millionen privat Versicherten könnten viele Ärzte und Krankenhäuser über die Runden kommen, lautet ein zentrales Argument der Assekuranz im politischen Streit.

Die Privaten sollten auf ihren eigentlichen Vorzug hinweisen

Was denn nun? Soll man Kunde werden, weil es günstiger ist oder weil man als Altruist die weniger Wohlhabenden unterstützen darf? Statt sich in dem Widerspruch zwischen Billigheimer und Wohltäter zu verfangen, sollten die Privaten auf ihren eigentlichen Vorzug hinweisen: Sie bieten ein höheres Leistungsniveau an.

Das beschränkt sich nicht auf die Petitesse kürzerer Wartezeit beim Arzt. In wichtigen Feldern wird sich die Qualität der versicherten Behandlungsmethoden weiter auseinanderentwickeln. Die Kostensteigerungen sind im gesamten Gesundheitssystem absehbar. Das gesetzliche System wird mit Leistungseinschränkungen reagieren, die Privaten können das nur bedingt. Das mag zu Preissteigerungen führen, die möglicherweise noch größer sind als im gesetzlichen System. Es bedeutet aber auch höhere Qualität. Viele Menschen wären bereit, dafür mehr Geld zu zahlen, zumal ihnen bei privaten Versicherern ein kapitalgedecktes System offensteht, das mit Rücklagen von rund 120 Milliarden Euro besser auf die Alterung der Gesellschaft vorbereitet ist.

Wankelmütigkeit schafft Misstrauen

Doch statt diese Chancen zu betonen, stellen einige private Krankenversicherer ihr eigenes Geschäftsmodell in Frage. Es gehe notfalls auch ohne private Vollversicherung, lautet die Quintessenz der an die Öffentlichkeit gelangten Strategiedebatten. Diese Wankelmütigkeit schafft Misstrauen. Nun stammen die Gedankenspiele für eine Zusammenführung des privaten mit dem gesetzlichen System nur von einem Teil der Branche, vor allem von Unternehmen wie Allianz und Axa, die ihr Heil im international wiederholbaren Massengeschäft suchen. Dafür ist das deutsche Modell der privaten Vollversicherung mit lebenslanger Bindung ungeeignet. Es ist politisch anfällig und für Rückversicherungen schwierig zu verarbeiten.

Aber auch der Rest der Branche steht sich selbst im Wege. Noch vor wenigen Monaten stellten die Lobbyisten den Basistarif und die neue Regel, nach der die Kunden Rückstellungen für das Alter beim Anbieterwechsel mitnehmen dürfen, als ernste Bedrohung dar. In Wahrheit dürften die für die Neuerungen erforderlichen durchschnittlichen Beitragssatzerhöhungen unterhalb von zehn Prozent liegen. Übertreibungen mögen vielleicht in der Politik hilfreich sein, sie verunsichern aber die Kundschaft.

Vielleicht ist zu viel Erfolg im Wettstreit mit den Kassen auch gar nicht erwünscht. "Unsere besten Jahre hatten wir immer, wenn es der gesetzlichen Krankenversicherung gutging", sagt ein Spitzenmanager der Branche. Zu auffällig will man die Konkurrenz also nicht attackieren, sonst droht politische Unruhe. Es scheint, als würden die Stürmer den Torschuss vermeiden - aus Angst vor dem Gegentreffer.

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Jahrgang 1968, Redakteur in der Wirtschaft.

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