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Kosmetik Das Schachspiel um Beiersdorf hat erst begonnen

16.10.2003 ·  Beobachter rechnen nicht mehr für diese Woche mit einem Angebot. Allerdings schließen sie auch ein "feindliches Übernahmeangebot" aus Cincinnati nicht aus.

Von Axel Schnorbus
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Die Initiative des "Hamburger Konsortiums", für die Tchibo Holding AG die Mehrheit an der Beiersdorf AG zu erwerben und damit den Konzernsitz des Konsumgüterherstellers in Hamburg zu erhalten, zeigt erste Erfolge. Die Allianz, die sich bisher immer darüber bedeckt hielt, was sie mit ihrer Beiersdorf-Beteiligung (rund 44 Prozent) vorhabe, führt nun, nach fast zweijährigem Zögern, erstmals konkrete Gespräche. Gleichzeitig hofft man offenbar in der Münchener Konzernzentrale noch immer auf ein preissteigerndes Angebot von Procter & Gamble (P&G). Die Chancen dieses Konsumgüterherstellers (Umsatz 43 Milliarden Euro) aus Cincinnati, nach dem Haarpflegemittelhersteller Wella auch Beiersdorf zu erwerben, sind allerdings gesunken, nachdem sich die Familie Claussen dazu entschlossen hat, ihre Beiersdorf-Anteile (rund 10 Prozent) mit denen der Tchibo-Holding AG (mehr als 30 Prozent) zu bündeln.

Beobachter rechnen - wenn überhaupt - nicht mehr für diese Woche mit einem Angebot. Allerdings schließen sie auch ein "feindliches Übernahmeangebot" nicht aus. Zwar hatte P&G-Chef Allen G. Lafley vor kurzem betont, kein solches Angebot zu planen. Sollte es aber doch kommen, muß der Beiersdorf-Vorstand, der von der Deutschen Bank beraten wird, die rechtlichen Grundlagen prüfen, und das Konsortium muß ein freiwilliges Gegenangebot unterbreiten. Denn im Gegensatz zu P&G, die nach dem Wertpapier-Erwerbs- und Übernahmegesetz ein Pflichtangebot zu unterbreiten hat, wenn sie mehr als 30 Prozent erwerben will, besitzt Tchibo bereits 30 Prozent. Dem Konsortium gehört auch Joachim Herz an, der an der Auszahlung seiner Geschwister aus der Tchibo Holding nicht teilgenommen hat und daher eine satte Dividende von 600 Millionen Euro einstreichen konnte.

110 ist realistischer Kaufpreis

Auch die Beiersdorf AG zählt dazu, obwohl sie sich bedeckt hält. Denn wenn ein Übernahmeangebot kommt, muß sie dieses neutral prüfen. Immerhin haben die Aktionäre den Vorstand auf der Hauptversammlung im Juni ermächtigt, eigene Aktien in Höhe von bis zu 10 Prozent des Grundkapitals zu erwerben. Diesen Beschluß hat die Allianz als Großaktionär mitgetragen, und im Aufsichtsrat sitzt mit Diethart Breipohl der Vorgänger des jetzigen Allianz-Finanzchefs Paul Achleitner, der heute die Verhandlungen führt. Auf der Hauptversammlung hatte der von der Allianz entsandte Aufsichtsratsvorsitzende Hans Meinhardt (ehemals Chef und dann Aufsichtsratsvorsitzender der Linde AG) die aufgebrachten Kleinaktionäre beschwichtigt und betont, man werde einen Weg finden, um dem Unternehmen die Unabhängigkeit zu bewahren. Schon vor einiger Zeit hatte ein Sprecher der Allianz gegenüber dieser Zeitung versichert, es sei nicht Stil der Allianz, Kasse zu machen nach dem Prinzip "nach uns die Sintflut". Man sei mehr als 60 Jahre Aktionär und habe jede Entscheidung mitgetragen.

Den Grundstock für das jetzige Paket hatte die Allianz bereits im Jahre 1937 gelegt. Damals hatte man von Valerie Alport, der Schwägerin des 1918 verstorbenen Firmengründers Oskar Troplowitz, Anteile äußerst günstig erwerben können. Die Schwägerin war 1936 nach Großbritannien ausgewandert, um den Rassengesetzen des Dritten Reiches zu entgehen. In der Folgezeit wurde das Beiersdorf-Paket Zug um Zug weiter arrondiert und verkörpert einen Wert von weitaus mehr als 4 Milliarden Euro. Tchibo hatte offenbar schon vor mehr als einem Jahr - nach dem Verkauf von Reemtsma (Erlös: 5 Milliarden Euro) - bei der Allianz vorgefühlt. Doch die Preisvorstellungen müssen weit auseinandergegangen sein. Die Allianz soll damals 160 bis 180 Euro je Aktie gefordert haben, bei einem Kurs von 130 (am Donnerstag: 108,5) Euro. Derzeit bewertet die Warburg-Bank die Aktie mit 130, die Vereins- und Westbank dagegen nur mit 98 Euro. Ein Kaufpreis von 110 zuzüglich eines Paketzuschlags wird derzeit für realistisch gehalten. Daß sich die Chancen für die "Hamburger Lösung" verbessert haben, liegt auch mit an der Einstellung der Familie Claussen. In früheren Jahren hatte die Familie - der Großneffe des Firmengründers, Georg Wilhelm Claussen (Jahrgang 1912), ist heute Ehrenvorsitzender der Beiersdorf AG - stets mit der Allianz gestimmt. Mit der schwerreichen Familie Herz verbanden dagegen nur wenig Gemeinsamkeiten.

Familie stets dem Gründer und seinem Werk verpflichtet

Die Einstellung zur Allianz hat sich nun grundlegend geändert. Die Familie soll über die jetzige Politik des Versicherungskonzerns tief verstimmt sein, so ist zu hören. Unter Federführung von Karl-Albrecht Claussen, dem Sohn des Ehrenvorsitzenden (von 1954 bis 1979 Vorstandsvorsitzender), wurden die Anteile der verschiedenen Familienzweige (insgesamt 10 Prozent) gebündelt. Auf die Initiative Karl-Albrechts, der als Anwalt in Berlin wirkt und dem Beiersdorf-Aufsichtsrat angehört, sollen auch die Fäden zum Hamburger Senat geknüpft worden sein.

Stets hat sich die Familie dem Gründer und seinem Werk verpflichtet gefühlt. Der gelernte Chemiker Troplowitz, einer assimilierten jüdischen Familie aus Oberschlesien entstammend, hatte 1890 das kleine Laboratorium des Hamburger Apothekers Paul C. Beiersdorf gekauft und mit bahnbrechenden Entwicklungen (Heftpflaster, erste Wasser-in-Öl-Emulsion für Hautcremes) den Grundstein für den Erfolg des heutigen Unternehmens gelegt. 1918 war er im Alter von 55 Jahren kinderlos gestorben. Die Hälfte des Vermögens hatte seine zwei Jahre später verstorbene Frau Gertrud erhalten, deren Erbin Schwester Valerie Alport gewesen war. Die andere Hälfte des Vermögens hatte der Firmengründer seiner Schwester Sophie Pulvermacher vermacht, deren Tochter Martha 1908 Carl Friedrich Claussen, den Vater des jetzigen Ehrenvorsitzenden, geheiratet hatte. Dem Terror des Dritten Reiches sind die Claussens nur knapp entkommen. Man habe immer in der Furcht gelebt, die Mutter könnte eines Tages abgeholt werden, erinnerte sich Georg W. Claussen, der als Halbjude noch zum Kriegsdienst eingezogen, doch bald schon als "wehruntüchtig" entlassen worden war. Im Februar 1945 sei schließlich doch noch der Befehl zum Abtransport ins Konzentrationslager Theresienstadt gekommen. Nur der mutige Einsatz eines Arztes habe dies verhindert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2003, Nr. 241 / Seite 24
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