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Korea : Eine Wiedervereinigung wäre ein Schock

Bild: Peter von Tresckow

Nordkorea scheint bereit zu Reformen - auch weil das Regime wirtschaftlich in der Sackgasse steckt. Eine Vereinigung mit Südkorea wäre ein ökonomischer Schock, realistischer ist ein langsamer Prozess der Öffnung.

          Der nordkoreanische Baby-Diktator, wie die Boulevardpresse den jungen Machthaber nennt, hat in seiner Neujahrsansprache einige brisante Sätze gesagt. Wie üblich sprach Kim Jong-un davon, das Militär zu stärken. Dann redete er aber überraschend offen über wirtschaftliche Schwierigkeiten. Nordkorea brauche einen „radikalen Anstieg der Produktion“ in Landwirtschaft und Leichtindustrie. Es sollte ein „wirtschaftlicher Riese“ werden. Zudem redet Kim Jong-un, kurz nach dem jüngsten Raketentest, von einer Annäherung an Südkorea und sogar von einer Wiedervereinigung. Beobachter rieben sich ungläubig die Augen. Manche wollten Zeichen für eine Öffnung des Landes und seiner verrotteten Wirtschaft sehen. Andere interpretierten die Rede zurückhaltend. Jong-un plane keine Versöhnung; Militär und KP würden sich gegen Veränderungen stemmen, die unkontrollierbare Dynamiken brächten.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Eine Wiedervereinigung Koreas wäre ökonomisch in jedem Fall ein Schock - für den Norden, den Süden sowie für die ganze Region. Nordkorea ist technologisch - abgesehen von der Militärtechnik - auf dem Stand der sechziger Jahre stehen geblieben. Bei der Teilung des Landes war es stärker industrialisiert und reicher als der Süden. Nach sechzig Jahren Kommunismus beträgt die Produktivität nur etwa 5 Prozent des Niveaus, das Südkorea mit seinen weltweit erfolgreichen Konzernen erreicht hat. Das Pro-Kopf-Einkommen im Norden macht 960 Dollar im Jahr aus, verglichen mit 23.000 Dollar im Süden. Wegen der schlechten Energieversorgung produzieren viele Betriebe nur mit großen Unterbrechungen. Ein Drittel der 24 Millionen Nordkoreaner sind laut UN-Angaben unterernährt.

          Ökonom Blum: „Südkorea wäre mit der Einheit allein überfordert“

          In Südkorea macht man sich seit vielen Jahren intensive Gedanken darüber, wie eine Wiedervereinigung zu bewältigen wäre. Gewaltige Investitionen und Transfers wären nötig. Jüngst präsentierte das Finanzministerium neue Berechnungen, wonach eine Wiedervereinigung den Süden über zehn Jahre bis zu 7 Prozent seiner Wirtschaftsleistung kosten würde, umgerechnet 80 Milliarden Dollar im Jahr. Zieht man aber als Vergleich die Vereinigungskosten Deutschlands heran, so erscheint diese Schätzung vielen Ökonomen zu niedrig. Die DDR lag 1990 bei etwa 25 Prozent des West-Produktivitätsniveaus. Ulrich Blum von der Universität Halle-Wittenberg, der zu Transformationsprozessen geforscht hat, schätzt die notwendigen Transfers nach Nordkorea auf das Drei- bis Vierfache der offiziellen Angaben, etwa 265 Milliarden Dollar im Jahr. „Südkorea wäre mit der Einheit allein überfordert“, sagt Blum.

          Zu erwarten wären auch gewaltige Migrationsströme bei einer Grenzöffnung. Michael Funke, VWL-Professor in Hamburg, und Holger Strulik von der Universität Hannover haben vor Jahren in einer Simulation berechnet, dass Seoul rund die Hälfte seiner jährlichen Steuereinnahmen ausgeben müsste, um den Lebensstandard des Nordens an das Süd-Niveau anzugleichen. Würden man die Transfers auf 30 Prozent des Staatsbudgets reduzieren, seien 8 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Norden zu erwarten. Auch das würde den Süden mit seinen rund 50 Millionen Einwohnern destabilisieren.

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