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Kopierschutz Ausgebrannt: Die CD-Industrie macht ernst

28.06.2002 ·  Der Kopierschutz, der immer öfter auf Musik-CDs eingesetzt wird, macht nicht nur Schwarzbrennern das Leben schwer.

Von Michael Schuh
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Die Plattenfirmen klagen über Umsatzeinbrüche, aber auch als Musikliebhaber hat man es nicht leicht in diesen durchdigitalisierten Zeiten. Man legt ein kleines Euro-Vermögen für eine CD auf die Ladentheke und weiß nicht einmal, ob der Silberling auch rechtmäßig seinen Dienst verrichtet.

Lässt sich der Tonträger auch am heimischen PC abspielen, ohne dass gleich das ganze Betriebssystem abstürzt? Danke, Kopierschutz! Die späte Rache der Plattenfirmen an die Adresse all jener digitalen Soundpiraten, die den Warnruf “Copy Kills Music“ einst hämisch grinsend ignorierten und stattdessen emsig weiter schwarz kopierten. Ihnen schreibt die Musikindustrie ihren Umsatzrückgang von 10,2 Prozent an verkauften Tonträgern 2001 gegenüber dem Vorjahr zu. Erstmals sollen mehr mit Musik bespielte CD-Rohlinge, nämlich 182 Millionen, im Umlauf sein als regulär verkaufte Musik-CDs (173 Mio.).

Wehrhafte Schutzmechanismen

Und jetzt kommt's: Die Branche geht von rund 500 Millionen Downloads meist illegaler Musikangebote im Internet aus. Dass der jetzt ausgebrochene Kopierschutz-Boom, etwa 60 Prozent der zur Zeit ausgelieferten CDs sind geschützt, auch friedliebende PC-Hörer ohne finstere Absichten trifft - nun, es müssen wohl alle Revolutionen ihre Opfer bringen.

Selbst schuld, wer heutzutage CDs kauft, mag die nicht aussterbende Spezies der Vinyl-Käufer da denken. Doch die Nostalgiker sind in der Minderheit. Viele Musikfans fühlen sich betrogen. Ob CD-Player, Discman oder CD ROM-Laufwerk, die freie Wahl des Abspielmediums liegt mit dem Kopierschutz nicht mehr beim Konsumenten. Darüber hinaus genehmigt das Urheberrecht dem Verbraucher ausdrücklich das Recht auf private Kopien. Nur gibt es da eben noch dieses andere Urheberrecht, nämlich das der Künstler auf ihr Werk, für das sich die Industrie ritterlich ins Zeug legt. Und so müssen Schutzmechanismen herhalten, die wie gefährliches Kriegsgerät klingen: „Cactus Data Shield". Hilfe!

Kopierschutz im Booklet

Da ist ein Sagen umwobener Musikfan aus Ostwestfalen nur allzu gut zu verstehen, der sich im letzten Jahr als erster ein Herz fasste und im Stile eines Globalisierungsgegners einen Großkonzern verklagte: Er erstattete Strafanzeige, da sein neu erworbener Sampler „Just The Best“ nicht auf dem Rechner lief und sich auch nicht kopieren ließ. Für private Zwecke, versteht sich.

Ohne den entsprechenden, von außen sichtbaren Kopierschutz-Hinweis auf der Hülle fühlte sich der Konsument nicht nur hintergangen, er verdächtigte die Industrie zudem der Bemächtigung eines rechtswidrigen Vermögensvorteils. Wäre die CD gut sichtbar als kopiergeschützt markiert, wer wollte sie dann noch kaufen? Die Klage verlief seinerzeit im Sande. Bis heute gelangen kopiergeschützte CDs in den Handel, die keinen deutlichen Hinweis auf Kopierschutz führen, wie ein Frankfurter Einzelhändler betont: „Ein Hinweis auf dem Cover ist geradezu Luxus.“ Die meisten Firmen umgehen das Problem geschickt, indem sie den Hinweis auf der Rückseite des Booklets oder, ganz dreist, im CD-Inlay verstecken. Der Sieg des Kleingedruckten.

Sammelklage gegen Musikkonzerne

Auch in Amerika kennt man das Problem. Der jüngste Fall individuellen Aufbegehrens gegen die scheinbar übermächtige Plattenindustrie kommt aus Kalifornien. Gleich mit allen fünf großen Musik-Anbietern - Universal, Sony, Warner, BMG und EMI - nehmen es zwei Verbraucher auf. Sie haben eine Sammelklage eingereicht, die bewirken soll, dass die elektronische Kopiersperre verboten wird oder die CDs zumindest mit einem deutlichen Hinweis in den Handel kommen.

In ähnlich vehementem Ton stellte sich Anfang des Jahres überraschend der niederländische CD-Patentinhaber Philips auf die Seite der Konsumenten: „Wenn Plattenfirmen Alben mit Schutzmechanismen manipulieren, dann entsprechen sie nicht mehr dem Standard, sind keine CD mehr“, so Philips-Manager Gijs Wirtz gegenüber der Zeitschrift „Computerbild“. Eine CD müsse überall abspielbar sein, auf CD-ROM Laufwerken, DVD- und Auto-CD-Playern. Da hat er wohl Recht. Ob aber das Logo „Compact Disc“ auf dem Tonträger prangt oder nicht, interessiert den Verbraucher in etwa so, wie der Aufkleber „Parental Advisory, Explicit Lyrics“, der rüde Texte kennzeichnen soll.

Neue Techniken

Die wirklich interessanten Fragen warten weiter auf Antworten. Um das Recht auf die Privatkopie aufzuwerten, könnten Techniken kreiert werden, die zwei oder drei Kopien ermöglichen, bevor der Kopierschutz aktiv wird. Auch eine zeitlich begrenzte Sperre sei „Thema der Verhandlungen, die mit der Industrie, den Verbraucherverbänden und Musik-Verlagen nach dem 22. September diskutiert werden“, so die Sprecherin des Bundesjustizministeriums, Maritta Strasser.

Ob sich der Kopierschutz dauerhaft durchsetzen wird, steht dagegen ebenso in den Sternen, wie die Zukunft des gesamten Digital Rights Managements, das Audio-Dateien vor Missbrauch schützen soll. Der Kopierschutz, „ein sehr brisantes, sensibles und hochpolitisches Thema“, wie führende Plattenfirmen-Vertreter auf Anfrage gerne ausweichend formulieren, bleibt also weiter ein Dorn im Auge des Musik-begeisterten CD-Käufers.

Dem bleibt vorerst nichts anderes übrig, als sich mit dem Status Quo abzufinden. Oder im Plattenladen doch wieder nach diesem unhandlichen Vinyl zu greifen. Das läuft dann zwar auch nicht im PC-Laufwerk, knistert aber weitaus lieblicher als eine CD, die im Laufwerk rotiert. Außerdem bekommt man ja ein schönes großes Cover und einen Grund, den Plattenspieler vom Speicher zu holen und zu entstauben. Ach, Kopierschutz!

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