Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, zieht die Krise in Europa ihre Kreise. Die Wellen erreichen jetzt Asien. Dort kühlt sich die Konjunktur spürbar ab, der Export stagniert nicht nur nach Europa, die Sorgen wachsen. Deutlicher als Statistiken und Prognosen zeigt dies eine E-Mail von Jimmy Wilson: Der neue Chef der Eisenerzsparte von BHP Billiton kündigte an, alle Investitionen auf den Prüfstand zu stellen. Es geht um bis zu 50 Milliarden Dollar. Seine Entscheidung könnte Zulieferer treffen und Arbeitsplätze kosten. Vor allem aber ist sie ein Warnschuss: Denn der größte Bergbaukonzern der Erde traut der Konjunktur nicht mehr, erwartet eine schwächere Nachfrage in seinem wichtigsten Absatzmarkt Asien, will sich zurückhalten.
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Die Bestellungen aus dem Ausland sind derzeit so niedrig wie zuletzt Anfang 2009, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Bank Lehman. „Dies könnte ein spürbares Gesundschrumpfen für Asiens handelsabhängige Volkswirtschaften mit sich bringen“, orakelt die Bank HSBC. „Die Folgen des Finanzchaos in Europa verbreiten sich nun schnell und weit. China, Indonesien, Japan, Vietnam und Korea verzeichnen seit Mai sinkende Aufträge.“ Die Zuversicht in Asiens Chefetagen schmilzt: Im vergangenen Quartal sank der YPO Gobal Pulse Index in Asien auf nur noch 60,1 Punkte. Im krisengeschüttelten Europa fiel er um 2,8 Punkte auf 52, in Amerika um 4,1 Punkte auf 59,7, in China aber stürzte er um gleich 7 Punkte auf gute 50.
336 Hongkonger Firmen haben ihr Gewinnziel nicht erreicht
Beispiel Hongkong: Zu Wochenbeginn korrigierte die Bank Nomura die Wachstumsprognose für dieses und das kommende Jahr jeweils um einen Prozentpunkt nach unten. Zugleich sind die Gewinnwarnungen der Firmen, die fast alle vom China-Geschäft leben, auf Rekordhöhe gestiegen: Seit April haben 336 Hongkonger Firmen erklärt, ihre Gewinnziele nicht erreichen zu können. Während der Finanzkrise 2008 gingen 288 Warnungen heraus. Taiwans Ausfuhr sank im Juli um 12 Prozent, weil Europäer und Amerikaner an Mobiltelefonen und Computern sparen. Wie falsch die Analysten liegen können, zeigte sich in der vergangenen Woche: Gerechnet hatten sie mit einem Exportwachstum in China um 8 Prozent im Juli. Es wurde dann nur ein Prozent, und die Gesichter der Analysten rund um die Erde legten sich in Sorgenfalten.
Bitter bekommen die Asiaten nun zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Jahren vor Augen gehalten, dass ihr Wachstumsmodell nicht trägt. Immer noch beruht es stark auf der Ausfuhr. Die wachsende Vernetzung untereinander und der Konsum können eine Nachfragelücke des Westens nicht schließen. Der Import Chinas aus den südostasiatischen Nachbarländern schrumpfte im Juli im Jahresvergleich um 0,6 Prozent.
Auch die wegen der Dürren in Amerika und Indien steigenden Lebensmittelpreise bedrohen die Asiaten. Wo die meisten Armen der Welt leben, sind Preise für Reis oder Weizen kein Politikum, sondern eine Frage des Überlebens. Allerdings gewähren fallende Preise für Rohstoffe wie Öl oder Erz eine Atempause. Und mit Ausnahme Indiens ist die Teuerungsrate in der Region so niedrig, dass die Zentralbanken Feuerkraft besitzen. Auf kurze Sicht könnte Asien über sinkende Zinsen und Infrastrukturprojekte die heimische Nachfrage ein zweites Mal ankurbeln. Das aber ist nicht ohne Risiko: Denn die Inflation, besonders die Immobilienpreise, war schon einmal gefährlich hoch.
Indien: Verspielte Chancen
Starke Worte zum 65. Unabhängigkeitstag Indiens: „Beschleunigen wir nicht das Wirtschaftswachstum, wird dies ganz sicher unsere nationale Sicherheit gefährden“, sagte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh am Mittwoch. In den vergangenen Jahren vernichtete der Subkontinent seine Chancen mit erschreckender Konsequenz. Seit zwei Jahren ist die Koalitionsregierung handlungsunfähig. Bürokratie und Korruption belasten den Ruf der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens als „neues China“. Handelsabkommen, etwa mit Europa, stocken. Die Engpässe bei der Versorgung kosten das Wachstum wichtige Prozentpunkte. Wer sich wie Bosch oder Siemens lange im indischen Markt tummelt, erzielt immer noch Traumrenditen. Allerdings wäre viel mehr möglich. Im Juni sank der Ausstoß der Industrie um 1,8 Prozent im Jahresvergleich, nach einem Plus von 2,5 Prozent im Mai. In den ersten drei Monaten hatte sich das Wachstum auf 5,3 Prozent abgeschwächt - so niedrig war es seit einem Jahrzehnt nicht. Trotz des hohen Leitzinses von 8 Prozent sind der Zentralbank die Hände gebunden, weil die Inflation knapp unter 6 Prozent verharrt. „Die Inflation ist hoch, der Ölpreis bleibt hoch, der Export ist unter Druck. Wir haben einfach keinen Raum in der Fiskal- und Geldpolitik“, sagt der starke Zentralbankchef Duvvuri Subbarao.
Indonesien: Fragiler Aufschwung
MIST heißt das Kürzel, das die Herzen in Indonesiens Regierung und Chefetagen höher schlagen lässt. Fast ein Ritterschlag war es, als Goldman Sachs verkündete, künftig den aufstrebenden Ländern Mexiko, Indonesien, Südkorea und der Türkei mehr zuzutrauen als den bisherigen Analystenlieblingen Brasilien, Russland, Indien und China, die unter dem Kürzel BRIC bekannt wurden. Lange hat Indonesien auf Anerkennung von Investoren gewartet. Mitten in der Krise aber schlägt die Stunde der größten südostasiatischen Volkswirtschaft: Sie steht dank einer heranwachsenden Mittelschicht weniger schlecht da als andere. Die Regierung bemüht sich, die verrottete Infrastruktur durch den Ausbau von Häfen und Flugplätzen zu verbessern. Brach er unter der Asienkrise 1998 noch fast zusammen, hat sich der Inselstaat mit seinen 240 Millionen Menschen heute so weit entwickelt, dass er mit erwarteten 6,1 Prozent in diesem Jahr schneller wachsen wird als Indien. Trotz guter Ansätze bleibt Indonesiens größtes Risiko aber die Politik. Denn gewappnet ist das größte muslimische Land der Erde gegen eine Krise nicht. „Wir sind skeptisch, dass die Wachstumsgeschwindigkeit nachhaltig ist. Um das zu glauben fehlen uns die Strukturreformen, die 6 bis 7 Prozent Wachstumsgeschwindigkeit festigen“, heißt es bei Creditsuisse.
Südkorea: Schwache Weltkonjunktur
In den Monaten April bis Juni hat sich die Krise der Euroländer in der stark exportabhängigen Wirtschaft Südkoreas spürbar bemerkbar gemacht. Im Jahresvergleich wuchs die Wirtschaft nur noch um 2,4 Prozent - die schwächste Wachstumsrate seit der Lehman-Krise. Um das von der Bank von Korea erwartete Wachstum von 3 Prozent in diesem Jahr zu erreichen, muss sich die Wirtschaft im Rest des Jahres besser als bislang erwartet entwickeln. In Korea macht die Ausfuhr gut die Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung aus, jede Abschwächung der Weltkonjunktur schlägt also schnell auf die Wirtschaft des Landes durch. Die Chancen dafür, dass der Export bis Ende des Jahres wieder anzieht, werden aber als nicht schlecht eingeschätzt. Eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft, vor allem aber die Erwartung auf Konjunkturprogramme im benachbarten China nennen Regierung und Notenbank als Gründe, trotz der Euro-Krise zuversichtlicher auf die zweite Jahreshälfte zu blicken. China ist der wichtigste Handelspartner Südkoreas, 25 Prozent der Ausfuhr geht in die Volksrepublik. Zum Wachstum trägt die stabile Binnennachfrage bei, die von der Regierung mit Konjunkturprogrammen gestützt wird.
Philippinen: Der Wille zur Wende
Chinas wachsende Probleme spiegeln sich in der kleinen Volkswirtschaft der Philippinen, die stark von der Elektronikausfuhr und den Einnahmen der Gastarbeiter abhängt: War der Export im Mai noch um 20 Prozent gestiegen, legte er im Juni nur noch um gut 4 Prozent zu. Auch die Überweisungen der Arbeiter, die sich auf gut 20 Milliarden Dollar jährlich summieren, wuchsen mit 4,2 Prozent im Juni langsamer. Dabei spüren die Philippinen eine Krise vor allem als Zulieferer für Asien. Die direkte Ausfuhr in den Euroraum sank von 18 Prozent des Exports auf nur noch 11 Prozent 2011. Das bremst die dringend benötigten Investoren. Gerade beginnen diese, die Anstrengung der jungen Regierung Benigno Aquino zu honorieren, das Land zu säubern. Standard & Poor’s hob den Inselstaat auf eine Stufe knapp unter Investitionsgrad. Die Daten klingen gut: Das Wachstum dürfte 2012 bei 5,1 Prozent liegen, im zweiten Quartal könnte es fast 7 Prozent erreichen. Der Zentralbank bleibt bei einem Leitzins von 3,75 Prozent Spielraum. Die Regierung muss die Korruption eindämmen und effektiver Steuern einziehen. Ausländisches Geld auf der Suche nach Renditen treibt zumindest schon die Börse in Manila.
Japan: Gute Konsumlaune
Trotz des Gegenwinds aus Europa gibt sich Japans Wirtschaftsminister Motohisa Furukawa zuversichtlich, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt 2012 um mehr als 2 Prozent wachsen wird. Zwar erschwert der starke Yen den japanischen Export, doch Japans Automobilunternehmen wie Toyota melden nach dem Krisenjahr 2011 mit Produktionsausfällen nach dem Erdbeben im März dennoch vor allem in Amerika wieder zweistellige Zuwachsraten. Getragen wird das japanische Wachstum durch den Binnenmarkt. Öffentliche Investitionen in den Wiederaufbau der durch das Erdbeben zerstörten Gebiete im Nordosten stiegen im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 7,2 Prozent, für die nächsten Monate werden sie weiter zunehmen. 0,3 Prozent des Wachstums seien allein darauf zurückzuführen gewesen. Dass die Wirtschaft nach 5,5 Prozent im ersten Quartal von April bis Juni nur noch um 1,4 Prozent wuchs, ist nach Ansicht Furukawas ein einmaliger Ausrutscher nach unten gewesen. Japans Regierung erwartet, dass sich das Wachstum wegen der starken Binnennachfrage in der zweiten Jahreshälfte wieder spürbar erholen wird. Die Bank von Japan registrierte derweil für die Binnennachfrage auch spürbare positive Effekte durch den starken Yen. Weil importierte Waren billiger werden, wachse die Konsumbereitschaft der Verbraucher.
China: Retter der Region
„Wie schlecht geht es China wirklich?“, fragt Frederic Neumann von der Bank HSBC. Seine Antwort: „Die am meisten verfolgten Daten wie die Industrieproduktion, die Einzelhandelsverkäufe oder der Einkaufsindex der Manager deuten auf eine weiche Landung hin. Aber andere, auf die seltener geschaut wird, und die Anekdoten und Berichte aus den Unternehmen verweisen darauf, dass wir vor einem schärferen Einbruch stehen könnten.“ Im zweiten Quartal lag das Wachstum noch bei 7,6 Prozent. Mehr Sorge bereitet das schwindende Exportwachstum vor allem in Chinas größten Markt, nach Europa. Entscheidend ist nun, wie Peking gegensteuern wird. Denn von Chinas Wachstum hängt ganz Asien bis nach Australien ab, da die Lieferantennetze immer enger geknüpft werden. Der Ökonom Zheng Xinli, Leiter einer Denkfabrik des Staates, empfiehlt Investitionen in das Bahnnetz. Der Internationale Währungsfonds indes warnt vor starken Überkapazitäten: „Die Auslastung der Kapazitäten fiel von knapp unter 80 Prozent vor der Krise auf nun etwa 60 Prozent.“ Noch riskanter könnte es für die Regierung der Diktatur sein, stiege die Unzufriedenheit im Volk weiter. Sie wird wohl zurückscheuen, noch einmal die große Finanzspritze wie 2009 anzusetzen. Denn dadurch stieg die Inflation sprunghaft an und verteuerte die Lebensmittel.
Die Eurokrise trifft jetzt Finnland.
Horst Müller (KonzeptionistzuVerlassen)
- 16.08.2012, 13:00 Uhr
Verschwendung von Ressourcen
Lars Phillip Thomson (Diplomatenrunde)
- 16.08.2012, 12:46 Uhr
Konjunkturpaket
Thomas Bee (ThomasBee)
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Das globale Chaos-Wachstum findet sein vernünftiges Ende
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 16.08.2012, 11:16 Uhr