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Konjunkturprognosen Das liebe Orakel

20.12.2008 ·  Hätte ein Ökonom im Frühjahr gesagt, Deutschland werde 2009 die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg erleben, seine Kollegen hätten ihn ausgelacht. Es stimmt - Konjunkturprognosen sind derzeit so unzuverlässig wie selten. Aber gerade weil die Lage so dramatisch ist, brauchen wir die Prognosen dringend.

Von Lisa Nienhaus
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Hätte ein Ökonom im Frühjahr gesagt, Deutschland werde im Jahr 2009 die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg erleben, seine Kollegen hätten ihn ausgelacht. Damals – daran kann sich ja kaum einer mehr erinnern – lauteten die Prognosen, die Wirtschaft werde 2009 etwas langsamer wachsen: mit 1,2 bis 1,8 Prozent je nach Prognostiker. Jetzt ist alles anders. Die professionellen Orakel haben das Schrumpfen entdeckt und überbieten sich mit negativen Vorhersagen. Minus zwei Prozent, sagt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung. Minus 2,2, sagt das Ifo Institut. Minus vier Prozent befürchtet gar Norbert Walter, der Chefökonom der Deutschen Bank. Man könnte meinen, nach der Übertreibung ins Positive im Frühjahr würden die Hellseher nun ins Negative korrigieren – und wieder übertreiben.

Da ist es erfrischend, dass Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, vorgeschlagen hat, die Prognosen in solchen Krisenzeiten gleich ganz einzustellen. Wieso auch nicht? Kein Institut hat die Rezession in Deutschland rechtzeitig vorhergesagt, nur wenige Ökonomen haben das Ausmaß und die Folgen der Krise beizeiten erkannt. Und die wenigen, die warnten, wurden belächelt oder – wie damals Nouriel Roubini – nur als eine Art Endzeit-Entertainer für Veranstaltungen gebucht.

Den Prognostikern geht es wie den Meteorologen

Jetzt ergeht es den Wirtschaftsprognostikern ähnlich wie den Meteorologen im Jahr 1999. Damals sagte der Deutsche Wetterdienst den Orkan Lothar am Zweiten Weihnachtstag nicht vorher. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Jeder Meteorologe schimpfte auf den jeweils anderen. Die Zeitungen schrieben von Computerfehlern und Wetterlügnern. Die Diskussionen waren heftig, aber heilsam. Sie führten dazu, dass die Wetterprognostiker und ihre Jünger erkannten, dass Vorhersagen niemals sicher sind – auch wenn noch so umfangreiche Datensätze vorliegen.

Genauso sollte es jetzt den Ökonomen ergehen. Der Glaube an Konjunkturprognosen muss in Frage gestellt werden. Und auch die Prognostiker selbst müssen lernen, sich nicht zu übernehmen. Allzu weit in die Zukunft können sie nicht sehen. Wer glaubt, das Wirtschaftswachstum des Jahres 2009 schon heute vorhersehen zu können, der leidet schlicht an Größenwahn. Da geht es den Ökonomen wie den Meteorologen, die höchstens das Wetter der nächsten drei Tage halbwegs sicher bestimmen können.

Gerade in Krisenzeiten brauchen wir die Ökonomen dringend

Trotzdem will keiner die Wettervorhersagen gleich abschaffen. Und genau das sollte man auch nicht mit den Wirtschaftsprognosen tun – auch wenn die Forderung nach einem Ende des Orakels für den Moment noch so guttut. Gerade in Krisenzeiten sollte sie kein Gehör finden. Denn wann, wenn nicht jetzt, braucht ein Land Menschen, die sich täglich damit beschäftigen, wie es um unsere Wirtschaft bestellt sein wird? Wo, wenn nicht in unabhängigen Forschungsinstituten, sollte das geschehen?

Würden sich die Ökonomen von jetzt an weigern, Prognosen abzugeben, so wäre das nur feige zu nennen. So wie es feige war, dass sich einige Ökonomen in der Krise wochen- und monatelang gar nicht zu Wort gemeldet haben, nur um hinterher im bekannt altklugen Ton zu sagen, sie hätten es immer schon geahnt. So geht es nicht. Vorhersagen sind notwendig, um Pläne für die Zukunft zu machen, für die Wirtschaftspolitik, für die Unternehmen. Doch die Prognostiker sollten sich etwas zurücknehmen, nicht zu weit in die Zukunft schauen und nicht zu viel Präzision vorgaukeln. Jetzt gilt: Etwas mehr Bescheidenheit, bitte! Vorhersagen sind immer nur Annäherungen, keine Wahrheiten.

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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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