14.02.2009 · Der Anteil der sogenannten Bildungsausgaben im neuen deutschen Konjunkturpaket ist hoch. Doch sollte man sich hüten, das Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft als Bildungsoffensive misszuverstehen. Denn Klassenzimmer anzustreichen macht Schüler noch lange nicht schlauer.
Von Rainer HankWerden deutsche Kinder klüger, wenn sie in einem Klassenzimmer lernen, das frisch gestrichen wurde? Werden unsere Pisa-Ergebnisse sich bessern, wenn die Lehrerin statt vor einer klassischen Schultafel vor einem Hightech-Whiteboard mit Internetanschluss unterrichtet? Und kann der Ausbau der Gesamthochschule Duisburg-Essen das Prekariatsproblem lösen und die Gerechtigkeitslücke in unserer neuen Klassengesellschaft schließen?
Das sind Fragen, die niemand stellt, obwohl man erwarten dürfte, dass sie gestellt und positiv beantwortet wurden angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der die zusätzlichen Bildungsausgaben im neuen Milliardenprogramm der Bundesregierung durchgewinkt wurden. Denn der Posten „Bildung“ macht mit 8,7 Milliarden Euro den Löwenanteil aus im neuesten 50-Milliarden-Programm.
Größtes Konjunkturpaket - aber keine Bildungsoffensive
Aber womöglich wurde nur nicht genau hingeguckt. Verabschiedet wurde am vergangenen Freitag das größte Konjunkturpaket in der Geschichte der Bundesrepublik, nicht aber das Programm für eine Bildungsoffensive. Es soll helfen, eine ungewöhnlich schwere Krise abzufedern und die Nachfrage in Gang zu bringen. Wenn also Schulzimmer angestrichen werden, dann freuen sich örtliche Handwerker, die die Wände weißeln, und Fabrikanten, die die Farbtöpfe liefern. Handwerk und Industrie brauchen Leute, die die Aufträge abarbeiten, stellen dafür also neue Arbeiter ein oder, was wahrscheinlicher ist, müssen weniger Leute entlassen. In der Logik dieser Keynesianischen Konjunkturförderung können sogar stillgelegte Zwergschulen saniert werden; denn auch dafür braucht es Materialien und Arbeiter.
Ob das so funktioniert, ist nicht sicher. Vielleicht steigen einfach nur die Preise von Malermeistern und Farbwerken. Allzu oft schon in der Wirtschaftsgeschichte wurden Konjunkturprogramme aufgelegt, ohne dass sie die erwünschten Effekte hatten. Eines aber ist sicher: Mit besserer Bildung hat das alles nichts zu tun. Vielleicht freuen sich die Eltern der Schüler, die jetzt nicht mehr selbst zum Pinsel greifen und ihre Schule genannte Bruchbude sanieren müssen. Das wäre gewiss ein angemessener Effekt, gilt hierzulande die Bildung doch als öffentliche Aufgabe. Aber eine Korrelation zwischen dem Schulmöbel, auf dem ein Schüler sitzt, und den Schulnoten seiner Mathematik- oder Deutscharbeiten konnten die Bildungsforscher bisher noch nicht nachweisen.
Bildung als Legitimator für das große Geldausgeben
Der hohe Anteil der Bildungsausgaben am Konjunkturpaket erklärt sich denn auch nicht aus einer neuentdeckten Bildungsmisere in diesem Land (diese ist längst bekannt), sondern aus der Tatsache, dass das Stichwort Bildung als Legitimator für das große Geldausgeben besonders gut funktioniert, viel besser als etwa die Idee, die Autobahnen im entvölkerten Mecklenburg-Vorpommern zehnspurig auszubauen (was konjunkturtheoretisch nicht minder sinnvoll wäre).
Die Bildungsforscher sind sich jedenfalls längst darin einig, dass das deutsche Bildungssystem weniger an einer Unterfinanzierung denn an seinen ineffizienten Strukturen leidet. Es könnte sogar sein, dass mehr Geld in ein ineffizientes System zu pumpen dieses System nur noch ineffizienter macht. Und es könnte vor allem sein, dass die schwindelerregend hohen Ausgaben für alle Einrichtungen, in denen sich Kinder und Jugendliche tummeln, künftig als Entschuldigung dienen, die wirklich wichtigen Reformen zu unterlassen. Unaufrichtigkeit hat sich noch immer gerächt. Es wäre endlich an der Zeit, zuzugeben, dass die jetzt beschlossenen Investitionen in Bildungseinrichtungen dem Land weder mehr Klugheit noch mehr Chancengleichheit bringen, sondern allenfalls verhindern, dass die Wirtschaft stärker schrumpft.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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