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Konjunkturbericht Mitten im Aufschwung deutet sich eine Abkühlung an

17.08.2006 ·  Die erste Hälfte des Jahres 2006 hat Wirtschaftsleute optimistisch gestimmt. Die guten Nachrichten aus der Binnenwirtschaft und der Rückgang der Arbeitslosenzahl werden das Jahr 2006 aber wohl nicht überleben.

Von Patrick Welter
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Die deutsche Wirtschaft hat ein starkes erstes Halbjahr hinter sich. Seit der deutschen Einheit wuchs die Wirtschaft im Jahresdurchschnitt um 1,4 Prozent, seit dem Jahr 2002 sogar nur um durchschnittliche 0,5 Prozent. Für die ersten sechs Monate dieses Jahres zeigen die vorläufigen Schätzungen der Statistiker aber eine Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2 Prozent an. Gemessen an den Verhältnissen der vergangenen Jahre, ist das ein Aufschwung - über dessen Dauer die nüchternen Daten der Vergangenheit indes keine Auskunft geben.

Zuversichtlich stimmt viele Wirtschaftsfachleute, daß die Wachstumskräfte zuletzt zunehmend aus dem Inland kamen. Die deutsche Konjunktur hat sich zumindest zeitweise von der jahrelangen Abhängigkeit vom Export gelöst. Tatsächlich hat der Schwung des Exports sich in den vergangenen Monaten deutlich verlangsamt. Im Zusammenspiel von Aus- und Einfuhr trug die Außenwirtschaft im zweiten Quartal offensichtlich nicht mehr soviel zum Wachstum bei wie zuvor. Genaueres wird man erst sagen können, wenn das Statistische Bundesamt in der kommenden Woche die Detailangaben zum Wachstum im zweiten Quartal vorgelegt hat.

Bauwirtschaft dürfte sich gut entwickeln

Die Erholung im Inland kommt damit zur passenden Zeit - und sie ist zumindest teilweise der sehr guten Exportkonjunktur der vergangenen Quartale zu verdanken. Nach den ersten Hinweisen der Statistiker haben zuletzt vor allem die Investitionen in Bauten und Ausrüstungen zum Aufschwung beigetragen. Schon während des zweiten Halbjahres 2005 hatten die Unternehmen begonnen, mehr zu investieren. Diese Erholung scheint sich bis zur Jahresmitte fortgesetzt zu haben. Die rasant steigende Nachfrage im verarbeitenden Gewerbe hob die Kapazitätsauslastung bis auf 86,3 Prozent im zweiten Quartal, was deutlich über dem langfristigen Mittel liegt. Die Industrieproduktion im produzierenden Gewerbe ohne Bau wuchs im zweiten Quartal real mit soliden 1,1 Prozent und damit schneller als im ersten Vierteljahr.

Besonders positiv hat sich in den vergangenen Monaten die Bauwirtschaft entwickelt, die durch ihre jahrelange Schrumpfung höhere Wachstumsraten verhinderte. Angeschoben durch mehr Bauanträge vor dem Ende der Eigenheimzulage in diesem Jahr, beschleunigt durch Vorzieheffekte vor der Mehrwertsteuererhöhung im kommenden Jahr, gestützt wohl auch durch mehr öffentliche Aufträge und Investitionen von Unternehmen, dürfte sich die Bauwirtschaft in diesem Jahr gut entwickeln. Die Produktion im Bauhauptgewerbe stieg im Zeitraum von April bis Juni um 10,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal und holte damit den winterbedingten Einbruch von 6,4 Prozent im ersten Vierteljahr mehr als auf. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München erwartet für dieses Jahr ein Plus der Bauinvestitionen von 2,5 bis 3 Prozent, was nach sechs Jahren der Schrumpfung eine beeindruckende Umkehr wäre. Auch der Auftragseingang im Bauhauptgewerbe hat sich nach der Delle zu Jahresbeginn bis zum Mai wieder gut entwickelt.

Erwerbstätigkeit steigt seit Mitte 2005

Auch das zweite Sorgenkind der Konjunktur, der private Konsum, hat in den vergangenen Monaten deutlich aufgeholt. Der Einzelhandelsumsatz inklusive Kraftfahrzeugen und des Umsatzes an Tankstellen stieg nach der jüngsten Revision der Daten im zweiten Quartal real um 1,1 Prozent, so schnell wie zuletzt im Frühjahrsquartal 2003. Man darf vermuten, daß hierbei die Fußball-Weltmeisterschaft eine Rolle gespielt hat, aber auch das Osterfest, das in diesem Jahr in den April fiel. Der Einzelhandelsumsatz ist freilich nur ein Indiz für die Entwicklung des privaten Konsums, der in der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erheblich mehr Posten enthält. Bankvolkswirte gehen davon aus, daß der private Konsum im zweiten Quartal wohl einen gewissen Wachstumsbeitrag geliefert hat. Ob der Investitionsaufschwung sich lehrbuchhaft über mehr Stellen auch in einer dauerhaften Belebung des privaten Verbrauchs niederschlagen wird, ist indes offen.

Der zögerliche Beginn einer Belebung am Arbeitsmarkt in den Frühjahrsmonaten läßt zumindest auf einen Anstieg der Lohnsumme und der verfügbaren Einkommen in den kommenden Monaten hoffen. Die Erwerbstätigkeit steigt seit Jahresmitte 2005. Die neuen Stellen entstehen allmählich nicht mehr allein in Randbereichen des Arbeitsmarktes. Der Abbau der sozialversicherungspflichtigen Stellen, der zur Jahreswende zum Stillstand kam, hat sich nach vorläufigen Schätzungen in einen Zuwachs gewandelt. Im Mai lag die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen saisonbereinigt mit 26,75 Millionen um rund 91000 höher als im Dezember 2005.

Schlechte Prognosen für 2007

Die guten Nachrichten aus der Binnenwirtschaft beschreiben einen Aufschwung, der zuletzt Zugkraft entwickelt hat. Viele Konjunkturdaten aber deuten schon wieder darauf hin, daß die Dynamik sich in den kommenden Monaten abschwächen wird. Der Auftragseingang der Industrie wies zuletzt nur noch im Inland aufwärts. Die Aufträge aus dem Euro-Raum schrumpften dagegen, diejenigen aus dem außereuropäischen Ausland stagnierten. Dies kann ein erstes Zeichen für die erwartete Verlangsamung der Weltwirtschaft sein, die viele Ökonomen beginnend mit dem zweiten Halbjahr erwarten und auf die auch das schwächere Ausfuhrplus hindeutet. Frühindikatoren der Konjunktur, wie der F.A.Z.-Konjunkturindikator oder der Ifo-Geschäftsklimaindex, haben sich zuletzt nicht mehr verbessert oder sind leicht gefallen. In die Erwartungen der Unternehmer und der Verbraucher schleicht sich langsam ein, daß die Bundesregierung vor allem mit der Mehrwertsteuererhöhung und höheren Sozialversicherungsbeiträgen im Januar dem Bürger kräftig in die Tasche greifen wird.

Viele Ökonomen sehen das sehr gute zweite Quartal als den konjunkturellen Höhepunkt in diesem Jahr. Sie erwarten, daß gegen Jahresende der Konsum als Folge von Vorzieheffekten noch einmal aufblühen wird, um dann im ersten Quartal 2007 einzubrechen. Dazu dürften auch steigende Strompreise beitragen. Die Bundesagentur für Arbeit schließt nicht aus, daß die Arbeitslosenzahlen schon 2007 wieder steigen werden. Die Groß- und Außenhändler rechnen damit, daß der Aufschwung 2007 „abreißen“ wird. Sie erwarten dann eine Wachstumsrate von gerade mal 1,2 Prozent - und gehören damit noch nicht mal zu den Pessimisten.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2006, Nr. 191 / Seite 12
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