Europas Konjunktur hat ein steiles Gefälle. Es gibt ein recht starkes Zentrum und kranke Randländer. Nun besteht aber die Gefahr, dass die Schwäche der Peripherie und die Schuldenkrise auch Kerneuropa in Mitleidenschaft ziehen. Bislang war die deutsche Wirtschaft die Wachstumslokomotive des Kontinents. In diesem Jahr dürfte sie wegen des starken Anfangsquartals um 2,8 Prozent zulegen, fast doppelt so viel wie der Euro-Rest. Der deutschen Wirtschaft geht es noch immer sehr gut. Das zeigen das Ifo-Geschäftsklima sowie der Auslastungsgrad der Industrie von fast 87 Prozent. Auch die Niederlande, Dänemark, Finnland, Schweden und Österreich haben das Vorkrisenniveau erreicht oder übertroffen. Frankreich, das mehr von Binnenkonsum abhängt, entwickelte sich bis zum Frühjahr ebenfalls gut.
Turbulenzen auf dem Finanzmarkt
Die Konjunkturampel für Europa steht derzeit auf Gelb. Im vierten Quartal könnte sie auf Rot umspringen. Die meisten Ökonomen prognostizieren eine Stagnation der Wirtschaftsleistung. Von einem „faktischen Stillstand“ zum Jahresende spricht EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn. Viele Volkswirte fürchten, dass es von der Stagnation zur Rezession nicht weit ist. „Gelingt es nicht, die Staatsschuldenkrise in den nächsten Monaten unter Kontrolle zu bringen, wird eine Rezession im Euroraum immer wahrscheinlicher“, warnt etwa die Commerzbank. Dagegen warnt der Chef des deutschen Sachverständigenrats Wolfgang Franz vor zu viel Pessimismus: „Es besteht die Gefahr sich selbst erfüllender Prophezeiungen. Deshalb sollte man mit dem R-Wort sehr sparsam umgehen.“
Beunruhigend ist, dass wichtige Konjunkturindikatoren in den vergangenen Monaten nach unten gerauscht sind. Das von der Kommission durch Umfragen ermittelte Unternehmens- und Verbrauchervertrauen ist seit Juli und besonders im September gefallen. Der vielbeachtete Industrie-Einkaufsmanagerindex ist unter die 50-Punkte-Marke gefallen; das deutet auf eine sinkende Produktion hin. Die wichtigen Umfragebarometer liegen damit so schlecht wie seit Ende 2009 nicht mehr.
Wenig ermutigende Prognosen
Die Prognosen für das kommende Jahr sind kaum ermutigend: Für Deutschland ist annähernd eine Halbierung des Wachstumstempos zu erwarten. Führende deutsche Institute erwarten nur 0,8 bis 1,1 Prozent, der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt Deutschland 1,3 Prozent Wachstum voraus. Ungefähr in diesem moderaten Tempo könnten sich auch Frankreich, die Niederlande und Belgien, etwas stärker Österreich und Finnland entwickeln. Südeuropa bleibt weit dahinter: Der IWF sagt Spanien magere 1,1 Prozent voraus, Italien bloß 0,3 Prozent Plus, Portugal und Griechenland eine Schrumpfung um bis zu 2 Prozent.
Im Durchschnitt käme Europa nach der IWF-Prognose im kommenden Jahr auf 1,3 Prozent Wachstum - unter der Annahme, dass die Schuldenkrise nicht außer Kontrolle gerät. Einige Volkswirte sind inzwischen skeptischer: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung hält 0,9 Prozent Zuwachs für realistisch, das Institut für Weltwirtschaft erwartet 0,5 Prozent Wachstum. Die Commerzbank hat ihre Prognose von 0,8 auf 0 Prozent gesenkt. Diese pessimistischen Ausblicke werden all jene bestärken, die von der EZB schon bald eine Lockerung der Geldpolitik erhoffen.