03.09.2007 · Die Händler an den Finanzmärkten gehen nicht davon aus, dass der Rat der Europäischen Zentralbank den Leitzins diese Woche anheben wird. Die Bank wolle zunächst die Märkte beruhigen und die Auswirkungen der Finanzmarktturbulenzen beobachten.
Von Patrick WelterDie Händler an den Finanzmärkten und viele Volkswirte glauben nicht, dass der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) bei seiner Sitzung am Donnerstag den Leitzins für die Währungsunion anheben wird. Aus den Terminsätzen für Tagesgeld lässt sich keine Zinserhöhungserwartung mehr ableiten. Damit hat sich überwiegend die Interpretation durchgesetzt, dass EZB-Präsident Jean-Claude Trichet vor einer Woche die Zinserhöhung abgesagt habe. Trichet hatte erklärt, der Rat der EZB sei für diesen Donnerstag nicht festgelegt. EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi sekundierte einige Tage später mit den Worten, dass die Märkte „Trichet sehr gut verstanden hätten“.
Der erwartete Verzicht auf den ursprünglich für diesen Donnerstag anvisierte Zinsschritt von 4 auf 4,25 Prozent wird von Analysten damit begründet, dass die Zentralbank die Märkte beruhigen und länger beobachten wolle, ob und wie sehr die Finanzmarktturbulenzen die realwirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigen. Dem EZB-Rat werden am Donnerstag neue Inflations- und Wachstumsprojektionen der EZB-Volkswirte vorliegen. Im Juni hatten die Volkswirte für das kommende Jahr noch eine Inflationsrate von rund 2 Prozent und ein Wachstum von rund 2,3 Prozent im Euro-Raum erwartet.
Zu wenig Überschussliquidität
Derweil hält die Anspannung am Geldmarkt vor allem im mittelfristigen Bereich an. Dreimonatsgeld kostete am Montag etwa 0,7 Prozentpunkte mehr als der Leitzins von 4 Prozent. Diese Zinsspanne signalisiert unverändert eine Liquiditätsknappheit auf mittlere Frist, weil vorsichtige Geschäftsbanken derzeit lieber mehr Geld in der eigenen Kasse halten, als es kurzfristig am Geldmarkt zu verleihen.
Tagesgeld verteuerte sich am Montag auf rund 4,30 Prozent, nachdem sich die Lage nach den Liquiditätshilfen der EZB in den vergangenen Wochen eigentlich wieder beruhigt hatte. Geldhändler sahen in dem kräftigen Zinsanstieg indes kein Signal neu aufkommender Schwierigkeiten. Sie sprachen lieber von kurzfristigen operativen Verteilungsproblemen. Positiv wurde vermerkt, dass die EZB im regulären Refinanzierungsgeschäft für eine Woche, das sie am Montag angekündigt hat, 41 Milliarden Euro mehr als die „Benchmark“ zuteilen wolle.
Die Benchmark berechnet sich aus den Anforderungen an die Reserven, welche die Geschäftsbanken über die Mindestreserveperiode bei der EZB halten müssen. Ein anderer Geldhändler begründete den Zinsanstieg für Tagesgeld freilich auch damit, dass die EZB in der vergangenen Woche zu wenig Überschussliquidität bereitgestellt habe. Allgemein herrscht am Geldmarkt die Überzeugung vor, dass die EZB bei auftretenden Schwierigkeiten wieder sofort mit kurzfristigen Liquiditätshilfen einspringen werde.
Unterschiedliche Meinungen im EZB-Rat
Trotz dieses Vertrauensbeweises der Marktteilnehmer in die EZB halten es viele Volkswirte für geboten, dass die Zentralbank mit dem Verzicht auf eine Zinserhöhung die Märkte zusätzlich beruhigt. Die EZB hatte am 22. August - vor Trichets Erklärung - zwar klargestellt, dass sie zwischen der mittelfristig ausgerichteten Geldpolitik und der kurzfristigen Liquiditätshilfe für die Banken sauber unterscheiden wolle. Volkswirte wie Mark Wall, Europa-Volkswirt der Deutschen Bank, halten aber dennoch ein Abwarten für gut begründet. Die Situation sei mit der Liquiditätskrise eine andere als noch Anfang August, sagte Wall der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die EZB brauche Zeit, um die Folgen der Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft abzuschätzen. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass mit den jetzigen 4 Prozent der Höhepunkt in diesem Zinserhöhungszyklus erreicht sein dürfte.
Aus realwirtschaftlicher Sicht halten andere Volkswirte mindestens eine weitere Zinserhöhung der EZB für geboten. Die gute Auftragslage und die nur leichte Abschwächung der Vertrauensindikatoren sprechen nach Ansicht von Joachim Scheide, dem Leiter der Konjunkturabteilung am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, für einen höheren Leitzins, um Inflationsdruck zu begrenzen. Allgemein werde erwartet, dass die Konjunktur im Euro-Raum im zweiten Halbjahr kräftiger ausfalle als in den ersten sechs Monaten des Jahres, sagte Scheide. Sein Plädoyer für eine Zinserhöhung begründet er auch damit, dass eine Verschiebung der Zinserhöhung das Vertrauen an den Märkten nicht stärken werde.
„Dann kann schnell spekuliert werden, dass die EZB die Krise als dramatischer ansieht, als sie es bisher erklärt hat“, sagte Scheide. Dagegen hält Manfred Neumann von der Universität Bonn eine Verschiebung der im Grunde notwendigen Zinserhöhung auf Oktober für sinnvoll, um mehr Vertrauen an den Märkten zu schaffen. Die zum Teil widersprüchliche Kommunikation der EZB in den vergangenen Wochen begründet Neumann damit, dass im EZB-Rat die Meinungen wohl sehr unterschiedlich seien.
Keine Zuteilung von 41 Mrd. über Benchmark!
Martin Treinies (Piepsi74)
- 03.09.2007, 22:39 Uhr
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