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Wirtschaftskrise Chinas leiser Abschied vom Wachstum

13.03.2009 ·  Wirtschaftsparadies China - das war einmal. Die Krise hat die Nachfrage so rasch einbrechen lassen, dass sich selbst Kenner erstaunt die Augen reiben. Wo soll das enden, fragen sich nun vor allem die Mittelständler. Christoph Hein hat die Auslandsfertigung des Solinger Messerherstellers Zwilling in Schanghai besucht.

Von Christoph Hein, Schanghai
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Die Männer stehen in ihren Blaumännern in der Ecke der Fabrikhalle, plaudern, essen ein paar Nudeln oder schauen aus dem Fenster über das flache Land. So sieht es aus, wenn die Welt spart: Auch Marktführern geht die Arbeit aus. „Derzeit sind wir nur noch zur Hälfte ausgelastet“, sagt Martin Buchmüller. Er ist Geschäftsführer von Zwilling J. A. Henckels in Schanghai, der großen Auslandsfertigung des Solinger Traditionshauses. Dem Herrn über rund 1500 Arbeitsplätze vor den Toren der chinesischen Wirtschaftsmetropole ist das Staunen über den Einbruch der Wirtschaft immer noch anzumerken. Seit zehn Jahren arbeitet Buchmüller jetzt in China, mit einer kurzen Unterbrechung in Deutschland. „Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt der gelernte Controller.

Ungewollt wird die Messerfabrik von Zwilling zum Sinnbild für den Ablauf der Wirtschaftskrise. Blitzblank steht das neue Verwaltungsgebäude da. Die Böden sind gelegt, am Springbrunnen vor dem künftigen Fabrikverkauf polieren Schlosser das Stahlblech, im Obergeschoss legen die Anstreicher letzte Hand an. Alles hier ist auf Wachstum ausgelegt. Doch das war gestern. „Es stimmt schon, unglücklicher hätte der Zeitpunkt zum Ausbau kaum sein können. Aber wir ziehen das jetzt durch. Wer hätte das auch im vergangenen Jahr schon geahnt?“ Wie eine Bombe hat der Einbruch der Weltwirtschaft China getroffen. Bis zum Herbst lief all das rund, was nur rundlaufen kann. Im Januar und Februar aber wuchs der Ausstoß der Industrie mit 3,9 Prozent so langsam wie nie zuvor. Die Ausfuhr der „Fabrik der Welt“ lag im Februar 26 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Buchmüller weiß, wie sich das anfühlt. Eine „schwarze Null“ schreibe Zwilling in Schanghai noch, sagt er. Noch.

„Die Lage ist ernster als sie dargestellt und wahrgenommen wird“

Fast alle Mittelständler in China ringen mit unerwarteten Bedingungen. Bis vor kurzem meldeten viele Jahr für Jahr ein Wachstum von 30 Prozent nach Deutschland. Im November vergangenen Jahres schrieben sie dann in ihre Planungen noch eine Rate von vielleicht 5 Prozent für dieses Jahr. Doch nun schrumpft der Umsatz. Der Mangel an Liquidität wird für viele immer drückender; immer öfter verweisen die klammen Mutterkonzerne in Europa darauf, dass nun auch in China nur das Geld ausgegeben werden dürfe, was zuvor vor Ort verdient wurde.

„Drei Monate halten die meisten Mittelständler hier gut durch, sechs Monate Krise werden schwer, dauert sie aber ein Jahr, weiß niemand, wie das gehen soll“, sagt Ivo Naumann, der als Geschäftsführer der amerikanischen Berater von Alix Partners Asia LLC tief im Restrukturierungsgeschäft steckt. Und dann fügt er an: „In China ist die Lage derzeit ernster, als sie dargestellt und wahrgenommen wird.“ Während erste Multis wie der Logistiker Federal Express sich schleichend aus China zurückziehen, andere, wie die Zuliefererkonzerne, ihre Investitionen auf „unbekanntes Datum“ aufschieben, leidet der Mittelstand schon. In Taicang, einer Produktionshochburg der Schwaben vor den Toren Schanghais, sehen sich mehr und mehr Geschäftsführer von ihren deutschen Zentralen gezwungen, schon mal pro forma die Insolvenz in China durchzuspielen. Niemand verkündet freilich den leisen Abschied aus dem Land der Hoffnung, denn das wäre politisch äußerst ungern gesehen. Und wer weiß - vielleicht kehrt man über kurz oder lang wieder zurück.

Wie lange werden sie durchhalten?

„Im Moment können wir die Fixkosten noch decken. Das kann sich aber sehr schnell ändern“, sagt Buchmüller. Denn zwei Drittel der hier gefertigten 6 Millionen Messer gehen in den Export. Doch die in der Industrie verbreitete Hoffnung, dass im globalen Markt immer wenigstens einer der drei Erdteile wachsen werde, ist Makulatur. „In Amerika und Asien liegt der Absatz bei minus 30 Prozent, in Europa bei minus 20 Prozent“, sagt der China-Chef von Zwilling.

Es bleibt sein Heimatmarkt, die Volksrepublik. Hier gelten die Messer der deutschen Traditionsmarke als Luxus. „Unsere Produkte werden von den 35- bis 55-Jährigen gekauft, die zuvor eine eigene Wohnung erworben haben“, referiert Buchmüller die Marktforschung. Das ging gut, solange die Kauflust stieg. Nun aber achtet auch ein Paar der neuen chinesischen Mittelschicht mehr denn je auf das Geld. Dabei kostet das Kropfmesser von Zwilling in China mit 1000 Yuan (115 Euro) in etwa so viel, wie es auch in Deutschland kostet. Für den Chinesen ist das allerdings ein Monatslohn. Deshalb wächst der chinesische Markt für Haushaltswaren jetzt nur noch um 5 Prozent. Zwischen 2002 und Ende vergangenen Jahres aber lag sein Wachstum bei gut 25 Prozent.

Wie lange werden Buchmüller und seine Leute das durchhalten? „Wir müssen uns verändern, und das sehr schnell“, sagt der Siebenunddreißigjährige. So will er im Werk in Schanghai künftig preiswertere Messer herstellen, die bislang von chinesischen oder thailändischen Zulieferern kommen. Mit ihnen will er den sensiblen Markt in Amerika zurückerobern. „Ich muss meine Fabrik füttern“, sagt Buchmüller.

Schleifen und Hämmern fürs Lager

Rund 700 Tonnen Stahl lässt sich Zwilling bis heute von Thyssen Krupp aus Deutschland nach China liefern, wo er nur noch veredelt wird. Aber auch damit dürfte für das untere Ende der Produktion bald Schluss sein. „Wir müssen chinesischen Stahl zukaufen, der preiswerter ist.“ Und dann? Seine Leute rauswerfen darf Buchmüller nicht. Und er will es auch nicht. „Sie brauchen Monate, um die komplizierten Abläufe beim Schleifen oder Richten der Scherenblätter zu lernen“, sagt er.

Also schleifen und hämmern jetzt viele hier zunächst fürs Lager. Leisten können sich die Solinger das, weil die Lohnkosten in Schanghai nur etwa 1,8 Prozent der Herstellungskosten betragen - verglichen mit 6 Prozent in Deutschland. Ein Meister, der in Deutschland etwa 70.000 Euro koste, koste in Schanghai rund 15.000, sagt Buchmüller. Mit den Lohnsteigerungen in China, die durchaus bei 10 Prozent jährlich lagen, ist es aber nun vorbei. „Die Leute wissen das und sind sehr verantwortungsbewusst“, lobt der Chef. Kein neues Geld heißt aber auch, dass die Kaufkraft nicht mehr steigt. Neue Kochmesser und Töpfe müssen da warten bis zum nächsten Jahr.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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