09.08.2007 · Inflation ist ein Übel, das den Wirtschaftskreislauf stört. Michael Woodford sucht nach Wegen, wie Zentralbanken am besten die Preisstabilität sichern können. Geld kommt in seinen Modellen nicht vor.
Von Claus Tigges„Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.“ Mit diesem legendären Satz fasste einst Milton Friedman das Ergebnis einer seiner wichtigsten Forschungsarbeiten zusammen: Dass Inflation nur dann entstehen könne, wenn in einer Wirtschaft - im Verhältnis zu den Gütern - zu viel Geld im Umlauf sei.
Friedman, unbestritten einer der einflussreichsten Ökonomen des vergangenen Jahrhunderts, leitete daraus die Empfehlung ab, Notenbanken sollten zur Stabilisierung des allgemeinen Preisniveaus und zur Vermeidung von hohen Inflationsraten die Ausweitung der Geldmenge kontrollieren.
Etwaige Bemühungen, das Wirtschaftswachstum durch zusätzliches und zugleich billiges Geld anzukurbeln, seien schädlich, warnte Friedman und bezog damit eine grundsätzlich andere Position als ein anderer bedeutender Ökonom, der Brite John Maynard Keynes. Allzu viel Liquidität führe nur zu höheren Inflationsraten, nicht aber zu einer dauerhaft größeren Wirtschaftsleistung.
Mögliche Risiken abklopfen
Die Einsichten Friedmans halfen unter anderem der amerikanischen Notenbank in den achtziger Jahren, die hohen Inflationsraten der siebziger Jahre zu überwinden. Sie schlugen sich auch in der deutschen Geldpolitik nieder, in der die Bundesbank über viele Jahre ein Geldmengenziel als Wegweiser für die Liquiditätsversorgung der deutschen Volkswirtschaft verfolgte.
Die Erfolge der Bundesbank in der Sicherung der Preisstabilität haben schließlich dazu geführt, dass auch die Europäische Zentralbank (EZB) die Entwicklung der Geldmenge im gemeinsamen Währungsraum aufmerksam beobachtet und auf mögliche Inflationsrisiken abklopft.
Volkswirtschaften mit frischem Geld versorgen
Das trägt den Währungshütern im Eurotower nicht nur aus der Politik, sondern auch aus akademischen Zirkeln seit einiger Zeit Kritik ein. Zu den schärfsten Gegnern einer auf die Analyse von Geldmengenaggregaten gestützten Notenbankpolitik in der Tradition Friedmans zählt dabei Michael Woodford.
Der Amerikaner, der nach Stationen in Chicago und Princeton seit einigen Jahren an der renommierten Columbia-Universität im Nordwesten Manhattans lehrt und forscht, gilt weithin als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der monetären Ökonomie.
Seine Arbeiten über die Wirkungszusammenhänge zwischen der Geldpolitik und der Entwicklung von Preisen und Konjunktur haben neue Wege gewiesen, nicht nur der akademischen Welt, sondern auch für die Art und Weise, in der Zentralbanken rund um die Welt die Volkswirtschaften mit frischem Geld versorgen.
Argument der „klebrigen“ Preise
Woodford ist Teil jener Strömung in der ökonomischen Wissenschaft, die in den achtziger Jahren als Reaktion auf die neoklassischen Sichtweisen von Ökonomen wie Robert Lucas, Thomas Sargent oder auch Robert Barro entstand und deren Anhänger gemeinhin als Neo-Keynesianer bezeichnet werden.
Während die Modelle der Neoklassiker auf der Annahme flexibler Löhne und Preise beruhen, die rasch zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage und damit zu einer Markträumung führen, stützen sich die Neo-Keynesianer auf „klebrige“ Preise und Löhne, die sich nur mit zeitlicher Verzögerung anpassen.
Anders, so sagen sie, ließen sich Phänomene wie unfreiwillige Arbeitslosigkeit nicht erklären. Das Argument der „klebrigen“ Preise dient ihnen gleichzeitig als Begründung dafür, weshalb die Geldpolitik sehr wohl das Wachstum beeinflussen könne und sogar solle, beispielsweise in der Absicht, Rezessionen zu verhindern oder zu überwinden.
Bindung an eine Regel verhilft zu Glaubwürdigkeit
Woodford, der für seine Leistungen dieses Jahr mit dem Deutsche-Bank-Preis ausgezeichnet wird, ist durch seine Forschung zu einem Verfechter eines sogenannten direkten Inflationsziels als geldpolitische Strategie geworden. Der Ökonom, an dessen Seite inhaltlich unter anderen Fed-Chairman Ben Bernanke steht, greift die Empfehlungen Friedmans nur insoweit auf, als ein direktes Inflationsziel eine Regelbindung der Geldpolitik darstellt: Die Notenbank gibt einen Zielwert für einen bestimmten (Verbraucher-) Preisindex vor und versucht hernach, diese Inflationsrate mittels der Zinspolitik anzusteuern.
Die Bindung an eine Regel verhilft der Geldpolitik nach Woodford zu einem hohen Maß an Glaubwürdigkeit. Das sei notwendig, um die Inflationserwartungen des Publikums möglichst fest auf niedrigem Niveau zu verankern. „Geldpolitische Regeln liefern eine Systematik, die von hinreichend aufgeklärten Finanzmarktakteuren vorausgesehen werden kann“, sagt Woodford.
Die Erwartungen des künftigen Kurses der Geldpolitik spielen in den Überlegungen des Wissenschaftlers eine herausragende Rolle. Eine von der Notenbank betriebene Verschiebung der Erwartungen sei die einzige Möglichkeit zur zusätzlichen geldpolitischen Stimulierung in einem Umfeld sinkender Preise, wenn der Leitzins schon auf null gesenkt sei. „Wünschenswert ist unter solchen Umständen eine angekündigte Selbstverpflichtung der Zentralbank, die Zinsen auch dann noch ungewöhnlich niedrig zu halten, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmendaten schon verbessert haben und eine straffere Geldpolitik zur Begrenzung der Inflationsgefahr eigentlich angezeigt wäre“, argumentiert Woodford.
„Zwei-Säulen-Strategie“
Den Bruch mit Friedmans „Monetarismus“ vollziehen der Ökonom und seine Mitstreiter vor allem dadurch, dass sie der Geldmenge als Steuerungsgröße der Geldpolitik keine Bedeutung beimessen. „Ich sage nicht, dass es keine stabilen Geldnachfragefunktionen gibt. Aber die Geldmengenentwicklung ist zur Erklärung der Folgen von Geldpolitik für Preise und Wachstum nicht so wichtig, wie es lange Zeit angenommen wurde“, sagt Woodford.
Zu dieser Einsicht seien inzwischen viele Notenbanken gelangt, die in ihren Beratungen zur Zinspolitik der Geldmengenentwicklung kaum noch Bedeutung beimessen würden. Das bedeute keineswegs, dass diese Notenbanken wie die Bank von England, die Schwedische Reichsbank oder auch die Federal Reserve eine inflationäre Politik betrieben. Ganz im Gegenteil nähmen sie das Stabilitätsversprechen ernst. Nur sei es eben möglich, die Inflation mit den Mitteln der Zinspolitik im Zaum zu halten, ohne die Geldmengenentwicklung zu beachten.
Aus dieser Einschätzung leitet Woodford auch seine Kritik an der EZB ab. Die „Zwei-Säulen-Strategie“, bestehend aus der monetären Analyse auf der einen und der Beobachtung anderer preisrelevanter Daten auf der anderen Seite, habe der EZB zwar insbesondere in den ersten Jahren ihres Bestehens gute Dienste geleistet in dem Bemühen, einen Ruf als verlässliche Hüterin einer neuen Währung zu erlangen. Das Beispiel erfolgreicher Zentralbanken mit einem Inflationsziel aber zeige, dass sich die Preisstabilität glaubwürdig sichern lasse ohne „strategische Zweideutigkeiten“ einer „Zwei-Säulen-Strategie“.
Analyse der Geldmengenentwicklung
Woodfords Ratschläge bleiben freilich nicht überall unwidersprochen. Otmar Issing, früherer Chefvolkswirt der EZB und Vater der „Zwei-Säulen-Strategie“, bricht nach wie vor eine Lanze für die Analyse der Geldmengenentwicklung. Woodford selbst fordere, dass geldpolitische Entscheidungen sowohl realwirtschaftliche als auch monetäre Faktoren berücksichtigen sollten.
„Diesen Satz kann ich nur unterschreiben“, sagt Issing. „Allerdings behaupte ich, dass Woodford diesem selbst gesetzten Anspruch nicht gerecht wird.“ Denn auch Woodford habe bislang kein Modell geliefert, das monetäre und realwirtschaftliche Faktoren in angemessener Weise integriere.