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Weltwirtschaftsforum Wo Angie auf Angelina trifft

25.01.2006 ·  Das World Economic Forum will wieder zu den ökonomischen Wurzeln der Frühzeit zurück - weniger Politik. Macht das Bundeskanzlerin Merkel an diesem Mittwoch zu einem Star? Sind musikalische Leute die besseren Führungskräfte, kann Fußball die Welt zum Besseren verändern?

Von Konrad Mrusek
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Das Motto des diesjährigen Weltwirtschaftsforums, "Die kreative Herausforderung", ist wieder einmal etwas blumig und die Palette der fast 250 Veranstaltungen in Davos überaus bunt gemischt. Doch auf eines ist Forumsgründer Klaus Schwab dieses Mal besonders stolz: Es reisen ungewöhnlich viele Manager in den Schweizer Wintersportort. Fast ein Drittel der 2340 Teilnehmer - insgesamt 735 Personen - sind Konzernchefs oder zumindest Aufsichtsratsvorsitzende von Unternehmen. So hoch war der Anteil der Manager aus den oberen Firmenetagen noch nie seit dem ersten Forum im Jahre 1971, versichert Schwab. Knapp ein Drittel der Besucher kommt aus Europa, der Rest aus Amerika, aus dem Nahen Osten und aus Asien.

Der große Andrang der Manager kommt dem World Economic Forum (WEF) sehr gelegen, denn man will offenbar wieder zu den ökonomischen Wurzeln der Frühzeit zurück, die politischen Themen in Davos sollen offensichtlich etwas zurückgedrängt werden. Die vielen Schlagzeilen, die man früher mit der politischen Prominenz machen konnte, brachten zwar sehr viel Publizität und einen Großandrang der Medien, doch die Wirtschaftsführer im überfüllten und hermetisch abgeriegelten Davos murrten immer lauter, weil das Forum faktisch zum Anhängsel politischer Gipfeltreffen wurde. Im vergangenen Jahr wollte Schwab, der gerne wie ein Gutmensch auftritt, sich aktiv am Kampf gegen die Armut beteiligen, weil Großbritannien dies zum Thema der Gruppe der G8 erkoren hatte. Er bot daher gleich drei Regierungschefs (Blair, Schröder und Chirac) in Davos eine Bühne, um über Schuldenerlaß und Hilfe für Afrika zu reden. Man lud sogar Show-Stars wie Sharon Stone ein, um dem ernsten Thema etwas Glamour zu verleihen.

Der Versuchung widerstanden

In diesem Jahr hätte das Forum vermutlich die Chance gehabt, den Atomkonflikt mit Iran zum großen politischen Thema zu machen, denn es kommen die Außenminister aus Deutschland, Frankreich und England, die als sogenannte EU-Troika seit langem Teheran zur nuklearen Mäßigung bewegen wollen. Doch der Versuchung, sich als Schlichter aufzuführen, hat Schwab offenbar widerstanden. "Das Forum will sich von Themen fernhalten, die zu politisiert sind", sagte er bei der Vorstellung des Programms. Solche Sätze hätte man früher von ihm nicht gehört, zeitweise war er sehr interessiert, im Schweizer Landwassertal eine Plattform zu bauen für Friedensgespräche, etwa im Zypern-Konflikt. Weil die Politik in diesem Jahr etwas weniger dominant und die politische Prominenz nicht so zahlreich ist, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Vorteil: Sie avanciert automatisch zum Star in Davos und kann den großen Auftritt machen vor der internationalen Manager-Elite. Deutschland ist das einzige Land aus dem Kreis der acht großen Industrienationen (G8), das beim fünftägigen Forum durch den Regierungschef vertreten ist.

Merkel und die Manager

Frau Merkel wird kurz nach der Eröffnung durch Schwab und den Schweizer Bundespräsidenten Moritz Leuenberger die erste größere Rede halten. Nachdem sie bereits bei ihren ersten Auslandsreisen eine gute Figur machte, sind die Manager natürlich besonders neugierig, wie sie sich auf ökonomischem Parkett bewegt. Deutsche Politiker sind in den vergangenen Jahren zwar häufig beim Forum aufgetreten, haben aber selten das Bedürfnis verspürt, dort eine prominente Rolle zu spielen. Denn in Davos ist man zwar auf deutschsprachigem Gebiet, für die Debatten braucht es aber gute Englischkenntnisse.

Die deutschen Manager sind prominent vertreten beim Forum. Die Liste der Teilnehmer reicht von Josef Ackermann (Deutsche Bank) über Klaus Kleinfeld (Siemens) bis hin zu Werner Wenning (Bayer). Bei einer Veranstaltung, die sich der Rolle des deutsch-französischen Tandems für die Europäische Union widmet, treten zwei deutsche Ministerpräsidenten auf, Roland Koch (Hessen) und Günther Oettinger (Baden-Württemberg). Mit von der Partie ist auch der polnische Präsident Lech Kaczynski.

Die Schwerkraft im Osten

Das wichtigste ökonomische Thema des Forums ist der Aufstieg Chinas und Indiens und damit die Verlagerung des wirtschaftlichen Gravitationszentrums nach Osten. Es wird dazu diverse Veranstaltungen geben. China und Indien schicken zwar nicht die erste Garde nach Davos, aber immerhin Politiker aus der zweiten Linie. Aus Peking kommt der stellvertretende Premier Zeng Peiyan. Der Boom im Osten dominiert auch das zweite Thema, die Probleme in der Energieversorgung und das ökonomische Szenario für den Ölpreis.

Etwa ein Zehntel der Veranstaltungen ist den Themen Kreativität und Innovation gewidmet. Schwab machte daraus sogar das Forumsmotto, weil nach seiner Ansicht Technologie und technisches Wissen zu einer Handelsware werden und nur die besonders innovativen Unternehmen und Volkswirtschaften sich in dieser Konkurrenz behaupten können. Eine kreative Herausforderung für die Teilnehmer ist die Sichtung des Forumprogramms, denn die Spannweite der Themen ist größer denn je, sie reicht von der Makroökonomie über die Markenartikelgestaltung bis hin zu künstlerischen oder gar esoterischen Fragestellungen. Bei einem der vielen "Arbeitsessen" spricht man etwa darüber, ob musikalische Leute die besseren Führungskräfte sind und ob Fußball die Welt zum Besseren verändern kann. Auch in diesem Jahr wird es wieder etwas Glamour im kalten Schnee geben: Angelina Jolie, die Schauspielerin und gegenwärtige Partnerin von Brad Pitt, tritt in ihrer Rolle als UN-Sonderbotschafterin abermals für Flüchtlinge in Davos auf.

Leerstelle: die Managergehälter

Auch wenn die Themenpalette bunter und größer geworden ist: Es fällt auf, daß es eine Leerstelle gibt, eine wichtige Frage wird nicht debattiert in Davos, obwohl sie in letzter Zeit eine große Rolle in der Öffentlichkeit spielte - die Höhe der Managergehälter. Offenbar scheuen die Millionäre dieses heikle Thema, auch wenn sie unter ihresgleichen sind.

Davos wird auch in diesem Jahr einer Festung gleichen, von 5500 Schweizer Soldaten gesichert sein, obwohl die Front der Globalisierungsgegner bröckelt. Im Gegensatz zu früheren Jahren konnten sich die militanten und die friedlichen Gegner nicht auf gemeinsame Aktionen einigen, und es wird keine Großdemonstration geben. Statt dessen kam es schon Tage vor Beginn der Veranstaltung zu einigen, meist friedlichen Aktionen in Schweizer Städten.

Das Forum gibt es bereits seit 35 Jahren, und auch sein Gründer Klaus Schwab ist mit 68 Jahren nicht mehr der Jüngste. Doch die Genfer Stiftung, der der Professor die Rechte an dieser erfolgreichen Veranstaltung vermachte, zeigt keinerlei Zeichen von Altersschwäche. Im Gegenteil: Die Stiftung wächst und gedeiht. Das sieht man einerseits an den Einnahmen, die in den vergangenen vier Jahren um fast ein Drittel auf 83 Millionen Franken (54 Millionen Euro) stiegen. Das sieht man andererseits an den Projekten. So werden in Peking und in New York zwei Außenstellen des Forums gegründet, und in China soll es jeweils ein "Sommer-Davos" geben. Die Stiftung bleibt indes in der Schweiz, und sie plant auch einen Neubau, obwohl das jetzige, sehr luxuriöse Gebäude erst vor fünf Jahren bezogen wurde. Doch in dieser Zeit hat sich die Zahl der Mitarbeiter mehr als verdoppelt auf über 200 Personen. So nobel wie Schwab und sein Forum residieren nur wenige in Genf: Das Haus steht in Cologny, in bester Seelage.

Quelle: F.A.Z., 25.01.2006, Nr. 21 / Seite 16
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Jahrgang 1950, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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