Home
http://www.faz.net/-gqf-u5cn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Weltwirtschaftsforum Unternehmer nach Davos

23.01.2007 ·  Ehrenvoll streben die Veranstalter des Weltwirtschaftsforums die Verbesserung der Welt an. Davos müsste aber vor allem die Botschaft vermitteln, für mehr wirtschaftliche Freiheit zu sorgen. Der Schlüssel dazu: Ein innovativer Mittelstand. Von Carsten Knop.

Von Carsten Knop
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wie viel können rund 2400 Unternehmensführer, Politiker, Künstler und andere Teilnehmer bei einem Treffen in den Schweizer Bergen dazu beitragen, den Zustand der Welt zu verbessern? Unter dem Schutz von bis zu 5000 Angehörigen der Schweizer Armee werden sie sich unter einem gesperrten Luftraum darüber unterhalten, dass traditionelle Strukturen den Herausforderungen einer vernetzten Gesellschaft und immer enger miteinander verknüpfter Handelsströme nicht mehr gewachsen sein könnten.

Die Gleichgewichte verschieben sich, sei es zwischen Unternehmen, sei es in internationalen Organisationen, sei es in der Umwelt- oder Energiepolitik und auf den Finanzmärkten. Treffen sich für die passenden Antworten auf die damit verbundenen Fragen in Davos aber die richtigen Menschen?

Bono, Merkel und Kleinunternehmer

Vertreter von 73 der 100 größten Unternehmen der Welt werden da sein, insgesamt werden 800 Wirtschaftsführer erwartet. Der Rocksänger Bono kommt wieder, ebenso sein Kollege Peter Gabriel. Auch der ehemalige Schach-Weltmeister Anatoli Karpow hat sich angemeldet. Zu den prominentesten Politikern in Davos zählen der britische Premierminister Tony Blair sowie die Präsidenten Brasiliens, Luiz Inácio Lula da Silva, und Südafrikas, Thabo Mbeki. Aus Deutschland kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es liegt aber der Verdacht nahe, dass in Davos etwas weniger angestellte Vorstandsvorsitzende, Politiker, Kulturschaffende oder Vertreter von Nichtregierungsorganisationen eine Gelegenheit zu einem publikumswirksamen Auftritt suchen und mehr Eigentümer-Unternehmer kleiner und mittlerer Betriebe auftreten sollten, die auf die Herausforderungen der Globalisierung im Alltag möglicherweise die bessere Antwort finden.

Lokale Krisen haben Einfluss auf den Rest der Welt

Zunächst klingt es so, als berge diese These einen Widerspruch: Sind es nicht gerade die großen Organisationen, die Konzerne mit ihren weltumspannenden Aktivitäten, die Künstler mit den großen Namen, die am besten dazu in der Lage sind, den klaren Blick auf das große Ganze zu behalten - und im „Geist von Davos“ entsprechend darauf zu reagieren?

Tatsächlich sorgt die Globalisierung für eine gegensätzliche Entwicklung: Dezentrale Strukturen werden immer wichtiger, besonders im Unternehmertum. Denn die wirtschaftliche Entwicklung wird riskanter und komplizierter, was nicht zuletzt eine Studie zeigt, die nur wenige Tage vor Beginn des Weltwirtschaftsforums von den Veranstaltern vorgelegt worden ist. Lokale Krisen haben heute sehr viel größeren Einfluss auf den Rest der Welt. Darauf müssen Unternehmen schneller und flexibler reagieren.

Im Schnitt werden die Unternehmen kleiner

Dazu sind aber die großen Konzerne in der Regel schlechter in der Lage als kleinere Einheiten, die in den meisten Fällen auch innovativer sind. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht erstaunlich, dass Unternehmen seit einiger Zeit im Durchschnitt eben nicht größer, sondern kleiner werden - allen Schlagzeilen von Großfusionen und der Konsolidierung zum Beispiel unter den Pharmaherstellern, den Börsen oder den Banken zum Trotz.

Diese Entwicklung wird zum einen durch die grundsätzliche Wandlung zur Dienstleistungsgesellschaft befördert, in der die Unternehmen in der Regel ohnehin kleiner sind. Zum anderen sinken durch das Internet und moderne, effiziente Transportsysteme aber auch im produzierenden Gewerbe die Kosten wirtschaftlicher Transaktionen - gerade über große Entfernungen hinweg, was kleineren Unternehmen die Arbeit entsprechend erleichtert.

Für mehr wirtschaftliche Freiheit

Deshalb müsste gerade von einem Treffen wie dem in Davos die Botschaft ausgehen, überall auf der Welt, aber durchaus auch in Europa, für mehr wirtschaftliche Freiheit zu sorgen. Von individueller Vertragsfreiheit und freierem Zugang zu den Märkten würden alle Volkswirtschaften profitieren, nicht zuletzt die in den Entwicklungsländern, die den in Davos zahlreich versammelten Vertretern großer Stiftungen oder Künstlern besonders am Herzen liegen.

Eine weitere Befragung, die das Weltwirtschaftsforum bei der Meinungsforschungsagentur Gallup in Auftrag gegeben hat, passt ins Bild: Sie belegt, dass die Menschen immer weniger erwarten, dass die politischen und wirtschaftlichen Führungskräfte in der Lage sind, den Zustand der Welt zu verbessern. Denn die Menschen haben längst gemerkt, dass sich vertikale Befehls- und damit zentralistische Verwaltungsstrukturen auflösen und durch horizontale Gemeinschaften und Kommunikationsplattformen abgelöst werden.

Chancen der Globalisierung nutzen

Die jüngste Entwicklungsstufe des Internets, das sogenannte „Web 2.0“, dreht sich um nichts anderes als „Communities“, Gemeinschaften von Individuen, die mit ihren eigenen Ideen für die Inhalte sorgen, die diese Websites so interessant machen. Die Hoffnung der Veranstalter des Forums ist, dass Davos dazu beiträgt, den dortigen Führungskräften ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie sie mit diesen Veränderungen umgehen können - und sie tun gewiss alles dafür, dass dies bei gutem Willen möglich wäre.

Doch empfinden wohl nicht wenige der Besucher des Forums ihre Zeit in Davos auch einfach nur als gute Gelegenheit, Geschäftskontakte zu pflegen und ihr öffentliches Profil zu schärfen. Das aber trägt eben nicht zur von den Veranstaltern seit Jahren sehr ehrenvoll angestrebten Verbesserung des Zustands der Welt bei. Und wenigstens dieser Teil der Besucher würde besser durch aufstrebende Unternehmerpersönlichkeiten aus dem Mittelstand ersetzt, die anpassungsfähig die Chancen der Globalisierung nutzen und denen in einer vernetzten Welt die Zukunft gehört.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2007, Nr. 19 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 11 13

30.05.2012 10:49 Uhr
  Vortag
Dax 6.334,26 −0,98%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.380,97 −0,95%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2441 −0,38%
Rohöl Brent Crude 105,55 $ −1,22%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.