Home
http://www.faz.net/-gqf-omwp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Weltwirtschaftsforum 2004 Der nachdenkliche Kapitalismus von Davos

21.01.2004 ·  Das Motto des Weltwirtschaftsforums in Davos, das an diesem Mittwoch beginnt, lautet "Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand" - und deckt damit die vorherrschende Stimmungslage nur unzureichend ab. FAZ.NET-Spezial.

Von Jürgen Dunsch
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Klaus Schwab hat schon eine glücklichere Hand gehabt. Das Motto des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos, das an diesem Mittwoch beginnt, lautet "Partnerschaft für Sicherheit und Wohlstand" - und deckt damit die vorherrschende Stimmungslage nur unzureichend ab.

Man kann grundsätzlich sowieso daran zweifeln, ob ein gemeinsames Leitmotiv für eine Zusammenkunft dieser Art überhaupt sinnvoll ist. Erstens kann der Sammelbegriff für ein Treffen mit mehr als 2000 Teilnehmern aus rund hundert Ländern, einer Vielzahl von Diskussionsveranstaltungen aus allen Lebensbereichen und einer verwirrenden Vielfalt von Initiativen nicht allzu konkret sein.

Vergangenes Jahr war es um den "Aufbau von Vertrauen" gegangen, eine ähnlich unverbindliche Wendung. Zweitens ist das Motto stets zweitrangig, vermag es doch niemals alle in Davos diskutierten Themen abzudecken. Oder würde jemand unter dem Partnerschaftsslogan Diskussionsrunden über "Gott in der Politik" oder "Gewinne im Weltraum" vermuten?

Jahreshauptversammlung der Eliten

Im Grunde könnte das WEF auf ein Jahresmotto verzichten. Es bleibt dabei: Die aus einem Managertreffen hervorgegangene Jahreshauptversammlung der Eliten dieser Welt aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt sich mit allem, was interessant erscheint und das Knüpfen persönlicher Netzwerke unterstützt und bereichert. Dies nämlich ist der Hauptzweck des Treffens in den Schweizer Bergen. Schwab als Spiritus rector der Veranstaltung versucht seit geraumer Zeit, die verbreitete Kritik der Globalisierungsgegner, die sich in den vergangenen Jahren auch immer wieder in sinnloser Gewalt entlud, aufzunehmen und Davos eine Art sozialer und ethischer Dimension zu verleihen. Dies wird freundlich-nachsichtig toleriert, hat aber nicht verhindert, daß zum Beispiel der Schwab-Freund Nelson Mandela aus Südafrika in diesem Jahr für die Konkurrenzveranstaltung, das Weltsozialforum in Indien, angemeldet war.

Wenn das Motto von Davos in diesem Jahr etwas schief wirkt, dann hat dies damit zu tun, daß viele Diskussionsthemen nicht so sehr an Fragen der Sicherheit von Staaten und Gesellschaften anknüpfen. Es mag dies die Stimmungslage in den Vereinigten Staaten sein, deren Vertreter nach wie vor das Hauptkontingent der Teilnehmer stellen.

Ein anderer Fragenkatalog

Aber zumindest unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird ein anderer Fragenkatalog aufgeblättert: Wie läßt sich die lange erhoffte Konjunkturbelebung rund um den Globus in einen echten Aufschwung überführen? Welche Folgen sind aus den Verwerfungen der Währungen zu ziehen? Kommt ein neuer Technologieschub? Was können die Industriestaaten tun angesichts der Überalterung ihrer Bevölkerung und der Geburtenexplosion in den Entwicklungsländern? Oder etwas eingeschränkter: Was bringt die EU-Ost-Erweiterung im Mai dieses Jahres? Welchen Weg gehen China und Indien?

Das Weltwirtschaftsforum versucht, die Bedeutung seines diesjährigen Mottos mit einer Umfrage zu belegen, die Gallup International unter 43.000 Menschen in 51 Ländern vorgenommen hat. Danach erwartet die Hälfte aller Befragten, daß ihr Wohlstand in den kommenden zehn Jahren sinken werde. Zugleich werde die Welt unsicherer, meinen sie. Wie leicht die Wahrnehmungen trügen können, zeigt sich allerdings gerade an den Antworten aus Deutschland. Rund drei Viertel der Befragten beurteilen die Wirtschaftslage schlechter als vor zehn Jahren. Die Wahrheit ist hingegen, daß die Wirtschaft nur 1993 nennenswert geschrumpft ist. In den Jahren danach verzeichnete Deutschland Stagnation oder reale Zuwächse mit dem Höchstwert von knapp drei Prozent im Jahr 2000.

Innere und äußere Sicherheit

Die innere und äußere Sicherheit ist zweifellos ein hohes Gut. Die Teilnehmer der Davoser Tage erfahren dies aus nächster Nähe. Zu ihrem Schutz sind neben zivilen Sicherheitskräften noch 4700 Soldaten im Einsatz, einschließlich der Mannschaften mehrerer Abfangjäger gegen Terrorakte aus der Luft. Ebenso unstrittig ist, daß Wohlstand stabilisierend wirkt. Sicherheit war das große Thema auf den beiden WEF-Treffen nach dem 11. September, sowohl in New York 2002 als auch in Davos ein Jahr danach. Aber im Augenblick atmet die Welt auf, daß die wichtigsten Volkswirtschaften das Tal der Tränen verlassen.

Der Aufschwung werde kraftvoll und dauerhaft sein, wenn nur weitere marktwirtschaftliche Reformen durchgesetzt werden, hat Horst Köhler, der geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), dieser Tage mutig als Arbeitsprogramm für die Industriestaaten formuliert. Die OECD bezifferte Ende November vergangenen Jahres das Wachstum der Industriestaaten in diesem und im kommenden Jahr auf 3,0 und 3,1 Prozent. Für die Vereinigten Staaten werden Raten von 4,2 und 3,8 Prozent erwartet, wohingegen Deutschland mit 1,4 und 2,3 Prozent hinterherhinkt. Die Unternehmen als die Erzeuger des Wachstums haben zum Teil schmerzhafte Umstrukturierungen hinter sich. Jetzt wachsen wieder Auftragseingänge und Zuversicht, die sich überall regende Akquisitionslust ist ein sichtbarer Beleg dafür.

„Chefzweifler der Welt“

Schwab selbst hat vor kurzem gesagt: "Ich bin der Chefzweifler der Welt." Sein nachdenklicher Kapitalismus in allen Ehren; die ökologischen, sicherheitspolitischen und demographischen Probleme dieser Welt sollen nicht kleingeredet werden. Daneben werden aber aus Davos zunächst einmal klare Signale des Aufbruchs erwartet. Was im Augenblick mehr denn je not tut, ist ein Stück amerikanischen Fortschrittsglaubens. Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts. Wir brauchen Pioniere der Zuversicht, nicht Umfragen, die die zwangsläufige Ungewißheit der Zukunft in die Angst vor dem Kommenden kleiden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2004, Nr. 16 / Seite 9
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 11 13

30.05.2012 10:49 Uhr
  Vortag
Dax 6.334,26 −0,98%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.380,97 −0,95%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2441 −0,38%
Rohöl Brent Crude 105,55 $ −1,22%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.