Home
http://www.faz.net/-gqf-u66s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Weltwirtschaft Indiens seltsamer Weg zum Wohlstand

23.02.2007 ·  Für den Aufstieg des Subkontinents gibt es kein Vorbild. Während andere asiatische Länder mit billiger Fabrikarbeit und Massenware Erfolg haben, baut Indien auf seine Computerspezialisten. Sie sind die besten der Welt. Aber können sie ein ganzes Land tragen?

Von Winand von Petersdorff
Artikel Bilder (13) Lesermeinungen (1)

Als schweigsamer Rikscha-Fahrer tritt dem Besucher Indiens erblühende Wirtschaft entgegen. Die Rikschas in Delhi haben einen harten Rücksitz, auf dem zwei gutgenährte Westeuropäer gerade Platz finden oder alternativ vier bis fünf indische Schulmädchen.

Der Fahrer mit verblüffend dünnen Waden tritt barfuß in die Pedale. Bei kleinen Steigungen springt er ab, um seinen schmächtigen Körper gegen den Lenker zu stemmen und das Gefährt fortzubewegen. Leicht ist das nicht, auch nicht für europäische Fahrgäste: Denn sie plagen sich mit dem Gefühl, wie Kolonialherren dazusitzen.

Es hupt

Die Rikscha fährt durch Alt-Delhis gefüllte Gassen. Jeder Quadratzentimeter wird genutzt. Auf den Bürgersteigen kauern Menschen, die Blumengebinde, Gewürze, Zigaretten oder ein leicht betäubendes Kraut feilbieten. Es wird gehandelt, auf Getreidesäcken geschlafen, gerufen, gedrängelt oder einfach nur herumgestanden. Der Geruch von warmem Reis, gebratenem Gemüse, Kümmel und Urin liegt über Alt-Delhi. Relativ ungerührt vom Gedränge, verrichten Passanten ihre Notdurft an den Hauswänden. Einmal kreuzt ein Affe die Straße.

Und es hupt in Alt-Delhi. Ständig, kraftvoll und dissonant. Das Gehupe wird offensichtlich nicht als Aggression gedeutet, sondern als Kommunikation oder zumindest als Selbstverständlichkeit. Ohrenbetäubend wäre die Stille. Der Rikscha-Fahrer, der 20 Rupien (40 Cent) für eine normale Fahrt bekommt, bleibt so stoisch-mürrisch wie die Mehrheit der 50.000 Rikscha-Pedaleure im Großraum Delhi, wo rund 16 Millionen Menschen leben. Oder 20 Millionen. Oder wer weiß, wie viele.

„Incredible India“

Incredible India heißt der Werbeslogan der staatlichen Tourismusorganisation. Unglaubliches Indien. Jeder sechste Erdbewohner lebt hier. Und bald wird der Subkontinent, wenn die Investmentbank Goldman Sachs recht behält, die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Denn das Land ist eines der größten Wirtschaftswunder unserer Zeit. 9,2 Prozent Wirtschaftswachstum sagt Indiens Statistikbehörde für 2007 voraus. In den vergangenen vier Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt des Subkontinents im Schnitt um 8,6 Prozent gewachsen. Das sind chinesische Dimensionen.

„Indien im neunten Himmel“, kommentiert Delhis „Economic Times“, die Wachstumsprognose dementsprechend am 9. Februar. Die ganze Presse schwelgt in Wirtschaftspatriotismus: Agrar plus 2,7 Prozent, Industrie plus zehn Prozent, und der Service-Sektor wächst um phantastische 11,2 Prozent.

Akademischer Abschluss mit 21 Jahren

Die Dienstleistungsbranche nimmt eine spektakuläre Entwicklung, in der der Rikscha-Mann längst eine Randfigur geworden ist. Indiens andere Wirtschaft tritt dem Besucher als Ingenieur des deutschen Softwareentwicklers SAP in der IT-Hochburg Bangalore entgegen. Munter erzählt er einer Delegation der deutschen Bildungsministerin Annette Schavan, dass er seinen akademischen Abschluss mit 21 Jahren bestanden hat, um sich darauf ins Berufsleben zu stürzen, ungefähr sechs bis sieben Jahre früher als deutsche Berufskollegen. Der junge Mann wirkt selbstbewusst, sein Englisch gepflegt.

1998 ist SAP nach Indien gekommen auf der Suche nach Leuten wie ihm. „Wir haben weder in Walldorf noch anderswo genügend Softwareentwickler gefunden“, sagt SAP-Manager Clas Neumann. Und sie hatten viel zu tun damals. Das Y2K-Problem stand bevor, das Millennium-Problem versetzte die softwareabhängigen Industrien weltweit in Angst und Schrecken.

Bürogebäude wie in Kalifornien

Für dessen Lösung fehlten den Firmen gute günstige Entwickler. Doch in Indien gab es sie. Die Behebung des Softwareproblems war für die großen indischen Firmen des Outsourcings wie Wipro, Infosys oder Tata Consultancy Service der Einstieg ins globale Geschäft.

Der SAP-Jungmanager Neumann wurde nach Bangalore beordert, wo er die Niederlassung aufbaute. Inzwischen arbeiten 3300 Software-Ingenieure in den SAP Labs in Bangalore. Die Inder sind eingebunden in ein globales Entwicklungsnetzwerk des Konzerns, in dem Kurpfälzer, Kalifornier und Bengalen zum Beispiel gemeinsam heraustüfteln, wie Customer-Relationship-Programme für die Ölindustrie geschmeidiger werden. SAP Labs ist die zweitgrößte Entwicklungseinrichtung des Unternehmens nach Walldorf. Die modernen gläsernen Bürogebäude gruppieren sich um einen gepflegten Park. Das Ensemble könnte auch in Kalifornien stehen oder in Schwaben.

250.000 Ingenieure pro Jahr

Komplizierte Dienstleistungen sind die Spezialität des Subkontinents. Und Bangalore ist das Symbol für Indiens Aufstieg in die oberste Hightech-Liga. Die Elite der internationalen Softwareentwicklung, eine Fülle von Telefondienstleistern und immer mehr Entwicklungshäuser wie etwa diejenigen von General Electric oder Daimler-Chrysler sind in die indische Metropole gezogen. Mehr als 1500 Technologieunternehmen aus der ganzen Welt sitzen in der Sechs-Millionen-Stadt und sorgen für Arbeit. 250.000 smarte und hochmotivierte Ingenieure spucken Indiens Hochschulen jährlich aus. Sie sind sehr begehrt und finden anspruchsvolle IT-Jobs in Kalkutta, Hyderabad und Bangalore.

Eines hat sich geändert: Immer weniger von ihnen zieht es nach Amerika, das die früheren Jahrgänge zum Teil komplett aufgesogen hatte. Die Inder beschränken sich nicht nur auf Ingenieursarbeit. Sie erledigen amerikanische Steuererklärungen, analysieren Röntgenbilder australischer Patienten, bewerten Kreditanträge von Firmenkunden der Deutschen Bank.

„Der indische Entwicklungspfad ist einzigartig“

Indiens Medien feiern die Erfolge globaler Arbeitsteilung. Doch wer mit größerem Abstand auf Indiens Wirtschaftsstruktur schaut, macht seltsame Entdeckungen. Denn die Erfolgsstory des Subkontinents hat kaum Ähnlichkeiten mit den anderen asiatischen Vorbildern.

„Der indische Entwicklungspfad ist einzigartig“, sagt der frühere Chef von Procter & Gamble India, Gurcharan Das. „Und das ist sehr beunruhigend, weil unser Land damit keinem erprobten Modell folgt.“ In der Tat: Das Erfolgsmodell China exportiert 34 Prozent seiner Güter und Dienste, Indien gerade 19 Prozent. Der zweite zentrale Unterschied zu den anderen asiatischen Aufsteigerländern: Länder wie Indonesien, Thailand oder China haben bei ihrem Aufstieg angefangen mit Plastikblumen, Spielzeug und T-Shirts, um sich später an komplizierte Güter wie Radios, Fernseher und Autos heranzuwagen. Die Länder nutzten den Vorteil ihrer niedrigen Löhne, um arbeitsintensive, nicht zu komplizierte Güter zu exportieren.

Straßen und Schienen sind rar

Und Indien? Das Land setzt auf Dienstleistungen, und zwar auf die anspruchsvollen: Softwareentwicklung, Bankwesen, Telekommunikation, Gesundheit und Tourismus sind die Wachstumstreiber. Es ist, als ob ein Schwellenland Industrienation spielt. „Indische Bundesstaaten haben begonnen, sich wie Industrieländer zu verhalten, während sie gerade ein Viertel oder ein Fünftel des Einkommensniveaus dieser Länder aufweisen“, heißt es in einer voriges Jahr veröffentlichten Studie des Internationalen Währungsfonds. So schrumpfte zeitweise im Bundesstaat Karnataka mit seiner Hauptstadt Bangalore die Industrie, anstatt zu boomen wie in anderen Niedriglohnländern. Dienstleistungen steuern mehr als die Hälfte des Volkseinkommens bei, ungewöhnlich für ein Schwellenland.

Für die Hinwendung zu den Dienstleistungen gibt es eine verblüffende Erklärung: die katastrophale Infrastruktur. Straßen und Schienen sind rar und in schlechtem Zustand, so dass die Verteilung von Industriegütern ein schwieriges Unterfangen ist. Zudem erheben die Bundesstaaten zum Teil noch eigene Zölle.

Gehaltsdifferenzen werden kleiner

Es ist leichter, Entwicklungsskizzen und Computerprogramme zu mailen, als Container durch dieses Land zu schicken. Kein Wunder, dass die vorzüglich ausgebildeten Ingenieure ihr Heil nicht in der Industrie suchten. Dazu kam, dass vor allem amerikanische Firmen wie Global Crossing in den neunziger Jahren Glasfaserkabel nach Indien verlegten. Von da an konnte sich ein gut ausgebildeter Ingenieur von Bangalore aus mit großen amerikanischen Unternehmen verknüpfen. Sie mussten nicht mehr auswandern wie ihre Vorgänger, die ihr Heil im Silicon Valley gesucht hatten. „Indiens Erfolg in anspruchsvollen Dienstleistungen ist ein unbeabsichtigtes Ergebnis der Politik“, schreibt der Kolumnist der „International Herald Tribune“.

Der Erfolg ist inzwischen so groß, dass Ingenieure knapp werden. Die Gehaltsdifferenzen zu Europa werden kleiner. Ein indischer SAP-Manager in gehobener Position verdient inzwischen schon bis zu 70 Prozent seines Walldorfer Kollegen, normale Ingenieure rund 30 Prozent. Außerhalb der IT-Branche sind Gehälter von 300 Euro im Monat normal. Und 250 Millionen leben mit 30 Dollar im Monat.

Zwei Stunden für den Weg zur Arbeit

Die Knappheit an ausgebildeten Fachkräften rächt sich schon. In Firmen wie Infosys beträgt die jährliche Fluktuationsrate 30 Prozent. Fast jeder dritte Mitarbeiter muss ersetzt werden. Andere Branchen wie die weniger gewinnträchtigen Industriebetriebe finden kaum noch Fachkräfte, die sie bezahlen können. Fabriken entwickeln sich nicht. Die arbeitsintensive Industrie kommt auch deshalb viel langsamer voran als in Ländern wie China. Dazu kommt, dass die besten Fachkräfte der armen Regionen im Norden, angelockt von hohen Löhnen, nach Süden gehen und große Lücken hinterlassen.

Unbehelligt von den Schwächen der Infrastruktur bleiben Bangalores Programmierer trotzdem nicht. SAP hat eine eigene Busflotte, die 3000 Beschäftige zur Arbeit und nach Hause bringt, berichtet Neumann. Zwei Stunden brauchen seine Leute an schlechten Tagen für den Weg zur Arbeit.

Rund 25.000 Selbstmorde unter Bauern

Auf das öffentliche Busnetz ist kein Verlass, der Flughafen platzt aus den Nähten, die zentralen Verkehrsadern sind verstopft, jedes Unternehmen, jede Botschaft, jede Behörde hat einen eigenen Dieselgenerator, weil der Strom dauernd ausfällt.

Es sind drängende Probleme einer kleinen Elite, die einen unausgesprochenen Staatsauftrag hat: Indien den Wohlstand zu bringen. Und das ist eine Aufgabe für Götter. An jenem Tag, als die „Hindustan Times“ die vorzüglichen Wachstumsprognosen des Subkontinents feiert, meldet sie klein, dass ein weiterer Bauer sich umgebracht hat. Rund 25.000 Selbstmorde unter Farmern verzeichnen indische Behörden in den vergangenen zehn Jahren. Missernten und hohe Schulden lassen die Landwirte verzweifeln.

400 Millionen können nicht lesen

Indien macht seit 1990, dem Jahr der Öffnung, große Erfolge in der Armutsbekämpfung. Eine halbe Milliarde Menschen hatten 1990 weniger als einen Dollar am Tag. 2001 waren es 380 Millionen. Nach jüngsten Schätzungen dürften es 250 Millionen sein, die in bitterer Armut leben. Rund 400 Millionen Menschen können nicht lesen, 450 Millionen verfügen nicht über elektrischen Strom. Und in 75.000 der 650.000 Dörfer gibt es kein fließendes Wasser.

Doch gleichzeitig wachsen jährlich 25 Millionen Menschen in die Mittelschicht hinein. „Das heißt, sie haben drei Mahlzeiten am Tag“, rückt der deutsche Botschafter Bernd Mützelburg zurecht. Zwischen 160 Millionen und 200 Millionen Menschen gehören inzwischen zur Mittelschicht. Rund 85 Millionen Inder haben inzwischen ein Handy. Deutsche Fahrzeugbauer wie Volkswagen, BMW, Daimler und MAN zielen auf diese Gruppe.

Denn die Straßen müssen noch gebaut werden. In Indien hausen buntgekleidete Wanderarbeiterfamilien auf Baustellen und buddeln an der Zukunft. Ein Farmer vergiftet sich, Satelliten werden in den Himmel geschossen, ein Kind stirbt an Durchfall, ein Programmierer wird zum Millionär, und ein Mann schläft auf der Rückbank seiner Rikscha.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 11 13

30.05.2012 10:49 Uhr
  Vortag
Dax 6.334,26 −0,98%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.380,97 −0,95%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2441 −0,38%
Rohöl Brent Crude 105,55 $ −1,22%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.