19.04.2004 · Die gute Weltkonjunktur, getrieben vor allem von den Vereinigten Staaten, wird den Entwicklungsländern in diesem Jahr zu einem Rekordwachstum verhelfen. Damit rechnet die Weltbank in Washington.
Die gute Weltkonjunktur, getrieben vor allem von den Vereinigten Staaten, wird den Entwicklungsländern in diesem Jahr zu einem Rekordwachstum verhelfen. Damit rechnet die Weltbank in Washington. Sie sagt den Entwicklungsländern ein durchschnittliches Wachstum von 5,4 Prozent voraus, etwas mehr als das bisherige Rekordwachstum von 5,2 Prozent im Jahr 2000. Zugleich warnt der multilaterale Kreditgeber aber auch vor verschiedenen Risiken für den Aufschwung, darunter ein scharfer Anstieg der internationalen Kapitalmarktzinsen, ausgelöst durch die hohen Haushaltsdefizite in Industrieländern.
"Der Aufschwung, den wir derzeit beobachten, ist begünstigt worden durch eine lockere Geldpolitik und eine expansive Finanzpolitik in den reichen Ländern, insbesondere in Amerika. Die Entwicklungsländer profitieren zudem von einem Preisanstieg vieler Rohstoffe, die häufig eine wichtige Einnahmequelle sind", sagte François Bourguignon, Chefvolkswirt der Weltbank, anläßlich der Vorstellung des neuen "Global Development Finance"-Berichts. Die verbesserten Wirtschaftsaussichten in den Entwicklungs- und Transformationsländern hätten schon im vergangenen Jahr zu einer deutlichen Zunahme des privaten Kapitalstroms in Form von Krediten und Anleihekäufen geführt. Nach Berechnungen der Weltbank haben private Gläubiger den Entwicklungsländern zusammen netto rund 200 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, rund 45 Milliarden Dollar mehr als im Jahr zuvor. Zugleich habe sich die Kreditwürdigkeit einer Reihe dieser Länder dank einer soliden Wirtschafts- und Finanzpolitik spürbar verbessert. Die führenden Rating-Agenturen hätten die Bonität von Ländern wie Indien, Türkei und Rußland heraufgestuft.
Attraktiver für Investoren werden
Ebenso habe sich der durchschnittliche Zinsaufschlag der Entwicklungsländer an den Kapitalmärkten, den internationale Investoren für das im Vergleich zu Industrienationen höhere Ausfallrisiko verlangen, erheblich verringert. "Nun besteht die Herausforderung darin, den Kapitalstrom in solche Anlagen zu leiten, die langfristiges Wachstum ermöglichen und so zur Armutsverringerung beitragen", sagte Bourguignon. Der Ökonom wies darauf hin, daß der Löwenanteil des Geldes im vergangenen Jahr in eine kleine Gruppe von Ländern - Brasilien, China, Indonesien, Mexiko und Rußland - geflossen sei. Ziel müsse es darum auch sein, einen größeren Kreis von Entwicklungsländern für internationale Investoren attraktiv zu machen. Als Gefahr für den Konjunkturaufschwung - die Weltwirtschaft soll der Weltbank zufolge dieses Jahr um 3,7 (2003: 2,6) Prozent wachsen - und den privaten Kapitalstrom bezeichnete Bourguignon die hohen Budgetdefizite in vielen Industrieländern. "Sie drohen die Zinsen in die Höhe zu treiben und verschärfen die Konkurrenz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern um Kapital."
An die Regierungen der Entwicklungs- und Schwellenländer appelliert die Weltbank, in ihrem Reformeifer nicht nachzulassen und eine solide Wirtschafts- und Finanzpolitik umzusetzen, damit die verbesserte Kreditwürdigkeit gesichert werde. Dies sei nicht nur wegen des möglichen Zinsanstiegs sondern auch wegen der bevorstehenden Wahlen in zahlreichen Ländern notwendig, um das Vertrauen von Investoren und Gläubigern zu festigen. Darüber hinaus sollten sich die Länder darum bemühen, die Fristigkeit ihrer Auslandsverbindlichkeiten zu verlängern und eine Anhäufung kurzfristiger Schulden zu verhindern. "Auf diese Weise läßt sich die Verletzlichkeit im Fall von Turbulenzen an den Finanzmärkten verringern", sagte Bourguignon weiter. Hilfreich sei in diesem Zusammenhang auch die Aufnahme sogenannter Mehrheitsklauseln (Collective Action Clauses) in Anleiheverträge, weil dadurch im Krisenfall eine Einigung zwischen Schuldner und Gläubigern erleichtert werde.
Mehr Entwicklungshilfe nötig
Die Weltbank äußert wenige Tage vor ihrer Frühjahrstagung zudem Besorgnis angesichts des schwachen Zuwachses der offiziellen Entwicklungshilfe. Sie habe sich zwar im vergangenen Jahr um 6 Milliarden Dollar auf 58 Milliarden Dollar erhöht, der größte Teil davon sei aber nicht auf ein zusätzliches Engagement der reichen Länder, sondern auf den Erlaß früherer Schulden zurückzuführen. "Die Industrienationen müssen ihre in Monterrey und anderswo gemachten Zusagen erfüllen und die Entwicklungshilfe aufstocken. Andernfalls lassen sich die Jahrtausendziele der Entwicklungshilfe nicht erreichen", sagte der Chefvolkswirt. In den sogenannten Millennium Development Goals ist unter anderem das Ziel formuliert, den Anteil der Menschen an der Weltbevölkerung, die in bitterster Armut leben müssen, zwischen den Jahren 1990 und 2015 zu halbieren. Die direkte Entwicklungshilfe sei noch wichtiger geworden, seit die Verhandlungen der "Entwicklungsrunde" der Welthandelsorganisation WTO im September gescheitert seien.
"Nun besteht die Herausforderung darin, den Kapitalstrom in solche Anlagen zu leiten, die langfristiges Wachstum ermöglichen und so zur Armutsverringerung beitragen."
François Bourguignon, Chefvolkswirt der Weltbank
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