14.07.2010 · China scheint derzeit eine einzige Baustelle zu sein. Der Aufschwung dort zieht die Weltkonjunktur mit und hebt auch die Nachfrage nach deutschen Exportgütern. Doch der Boom wird nicht ewig weiterlaufen, gerade China könnte auch zum Risiko werden
Von Christian Geinitz, Philip Plickert, Johannes Ritter und Patrick WelterFür die Schiffgucker am Hamburger Hafen war dieser Mittwoch ein spannender Tag. Die „Christophe Colomb“ hatte festgemacht am Burchardkai. Mit einer Länge von 366 Metern und 13.800 Stellplätzen ist sie das größte Containerschiff, das jemals in der Hansestadt angelegt hat. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte der Riesenpott wohl ziemlich vereinsamt an der Kaimauer gelegen - der Hamburger Hafen hatte in der globalen Wirtschaftskrise 2009 schwere Umsatzrückgänge verbucht. Doch nun ist wieder hektischer Betrieb im größten deutschen Hafen.
„Der Aufschwung ist bei uns deutlich zu spüren“, sagt Jens Meier, Geschäftsführer der Hamburg Port Authority. Auch die Mienen der im vergangenen Jahr arg gebeutelten Reeder hellen sich auf. Denn mit steigender Nachfrage klettern die Transportpreise, die Frachtraten. „Seit Anfang dieses Jahres ist der Charterratenindex um mehr als 80 Prozent gestiegen“, sagt Sönke Fanslow, Vorstand der Hansa-Treuhand-Gruppe. Die Zahl unbeschäftigter Containerschiffe sei binnen sechs Monaten von 580 auf 175 gesunken.
China zieht die Weltwirtschaft hinter sich her
Der Außenhandel brummt wieder. Er zieht Deutschland aus dem Rezessionsloch des vergangenen Jahres, das bestätigen die aktuellen Exportzahlen. Im Mai lag die Ausfuhr um stolze 28,8 Prozent über dem schlechten Vorjahreswert. Das war die größte Jahressteigerung seit dem Boom der Jahrtausendwende. „Der Export läuft fast so heiß wie gegenwärtig die Temperaturen“, freut sich André Schwarz, Sprecher des Außenhandelsverbands BGA. Insgesamt erwartet er in diesem Jahr einen Zuwachs der Ausfuhr um 9 Prozent. „Das erschien anfangs als eine ziemlich optimistische Prognose, doch im ersten Halbjahr ist unsere Erwartung von der realen Entwicklung noch übertroffen worden,“ sagt Schwarz.
Die Branchen, die in der globalen Rezession besonders tiefe Einbrüche erlebten, blühen wieder auf: Der Maschinenbau konnte im Mai eine Steigerung der Aufträge um 61 Prozent zum Vorjahresmonat vermelden - freilich war das Niveau im Mai 2009 auch besonders schlecht. Glänzende Zahlen melden auch einige Autohersteller. Der Branche hatte mancher nach Ende der Rezession noch ein langes Siechtum prophezeit. Nun bekommen die Hersteller im oberen Segment - BMW, Audi und Daimler - so viele Bestellungen, dass sie mit der Produktion kaum nachkommen. Bemerkenswert stark ist die Nachfrage nach Luxus-Autos in China.
Das Reich der Mitte zieht die Weltwirtschaft hinter sich her, es ist die unbestrittene Lokomotive der Konjunktur. Im Krisenjahr 2009, als die Weltwirtschaft erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfte, wuchs Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,1 Prozent. In diesem Jahr erwarten die meisten Konjunkturbeobachter nochmals 9 bis 10 Prozent. Auch andere fernöstliche Länder kommen wieder mächtig in Fahrt, Singapur etwa, das nach dem tiefen Rezessionseinbruch 2009 in diesem Jahr nun 13 bis 15 Prozent Wachstum erwartet, oder das oft unterschätzte Taiwan. „Asien ist die am schnellsten wachsende Region der Welt“, betont Maria Laura Lanzeni, Schwellenlandexpertin von Deutsche Bank Research, „und sie wird es wohl bleiben.“
Vor 15 Jahren stand China mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern erst auf dem achten Rang der größten Volkswirtschaften der Welt, heute nimmt es schon den zweiten Platz ein. Sein Anteil am Weltsozialprodukt betrug 2009 nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 13 Prozent - und es nähert sich mit großen Schritten den Vereinigten Staaten, die 20,5 Prozent der Wirtschaftsleistung der Welt erbringen. In diesem Weltmaßstab nehmen sich Japan (mit 6 Prozent) und Deutschland (4 Prozent) geradezu klein aus. Indien, nach China zweitgrößtes Schwellenland, kommt auf 5,1 Prozent der Weltproduktion.
Ganz China gleicht einer Baustelle
Zwar hat auch das Reich der Mitte in der Krise gelitten. Der Export brach ein, Zehntausende Fabriken schlossen ihre Tore, Millionen Wanderarbeiter verloren den Job. Doch schnell beschloss die oppositionslose Regierung ein gewaltiges Konjunkturpaket. Praktisch über Nacht verfügten die Behörden staatliche Investitionen von umgerechnet 400 Milliarden Euro in die Infrastruktur. In jeder größeren Stadt drehen sich seitdem die Baukräne und Betonmischmaschinen.
Ganz China gleicht einer Baustelle. Bahngleise werden verlegt, Straßen asphaltiert, Schiffs- und Flughäfen gebaut, die allerdings oft halbleer sind. Zudem werde riesige Fußballstadien eingeweiht - in Orten, die gar keine nennenswerte Fußballmannschaft haben. Um die Konsumnachfrage anzukurbeln, hat der Staat Steuererleichterungen für den Autokauf und Zuschüsse zu Haushaltsgeräten gewährt. Auf Geheiß der Regierung verliehen Banken 2009 umgerechnet fast 1000 Milliarden Euro.
Schwarzseher warnen vor Rückfall in die Rezession
Für dieses Jahr, in dem die Stimuluspolitik mit gebremstem Schaum weitergeht, nennt die Regierung immerhin noch 8 Prozent Wachstum als Prognose. Das ist wohl eine zu zurückhaltende Sichtweise. Die meisten Banken glauben zwar, dass sich das Wachstum, das im ersten Quartal 11,9 Prozent betrug, abkühlen wird. Für das Gesamtjahr werde aber mindestens eine 9 vor dem Komma stehen.
Die Hoffnung der Weltwirtschaft ruht auf den stark wachsenden Schwellenländern. Für die aufsteigenden asiatischen Volkswirtschaften erwartet der IWF in diesem Jahr mehr als 9 Prozent Wachstum, für das rohstoffreiche Brasilien immerhin gut 7 Prozent. Dagegen erscheinen viele der alten Industriestaaten der Welt geradezu schwächlich.
Vor allem aus den Vereinigten Staaten sind Stimmen zu hören, die der Erholung der Wirtschaft nicht trauen. Die Arbeitslosenquote ist für amerikanische Verhältnisse auf einen schmerzlich hohen Wert von fast 10 Prozent hochgeschnellt. Nun warnen Schwarzseher vor einem möglichen Rückfall in die Rezession. Dagegen, fordert etwa der einflussreiche Ökonom Paul Krugman, müsse die amerikanische Zentralbank Fed mit einer noch expansiveren Geldpolitik ankämpfen.
Obama fordert neue Ausgaben für die Konjunktur
Dabei schiebt die Fed die Wirtschaft ohnehin schon mit viel billigem Geld an. Seit Dezember 2008 hält sie den Leitzins zwischen 0 und 0,25 Prozent - die von der Finanzkrise geschwächten Banken können sich also praktisch zum Nulltarif refinanzieren. Und die Fed hält an dieser expansiven Politik fest, obwohl die Wirtschaft schon seit Sommer 2009 wieder wächst, zuletzt mit fast 3 Prozent Jahresrate. Real, also abzüglich der erwarteten Inflationsrate, ist der Leitzins negativ. Ökonomen wie Allan Meltzer von der Carnegie Mellon University halten das für gefährlich und warnen vor Inflationspotential; Krugman hingegen sieht eher eine Deflation als die wirkliche Gefahr.
Die Debatte spiegelt die allgemeine Unsicherheit in Amerika wider, ob die Erholung dauerhaft trägt. Im ersten Quartal war die Wirtschaft mit 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal nur noch halb so stark gewachsen wie am Jahresende 2009. Präsident Barack Obama, der den Kongresswahlen im Herbst mit Sorge entgegensieht, fordert deshalb neue Ausgaben, um die Konjunktur zu stimulieren. Die Stimmung der amerikanischen Unternehmen und Verbraucher ist im Juni nach Umfragen kräftig gesunken, der Einzelhandelsumsatz ging das zweite Mal nacheinander zurück. Zusammen mit dem Außenhandelsdefizit, das sich wieder ausweitet, deutet dies auf eine langsamere Konjunktur hin.
Risiken drohen ausgerechnet aus China
Dass die Wirtschaft in die Rezession zurückfällt, erscheint aber unwahrscheinlich, weil Aufträge und Investitionen der Unternehmen stiegen und auch die Beschäftigung in der Privatwirtschaft wieder zulegt - wenn auch im erwartet moderaten Tempo. Ökonomen wie Jörg Krämer von der Commerzbank halten daher die Angst vor einer neuen Rezession für übertrieben und sehen nur eine gewisse Delle im Aufschwung. Der IWF erwartet sogar ein beschleunigtes Wachstum von 3,3 Prozent in diesem und von 2,9 Prozent im kommenden Jahr.
Risiken für die Weltwirtschaft könnten aber ausgerechnet aus dem Land drohen, das bislang die Lokomotive ist: China. Manche Beobachter befürchten, dass sich die dortige Wirtschaft überhitzt und eine Preisblase am Immobilienmarkt entsteht. Kürzlich warnte der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff vor einem Kollaps des Liegenschaftsmarkts, was katastrophale Folgen hätte: Der Bausektor - durch Spekulationen mit billigem Geld aufgebläht - steuert etwa ein Zehntel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Würden die Immobilienpreise plötzlich einbrechen, stünden die Banken vor Milliarden an faulen Krediten. Lokalverwaltungen, die aus Landspekulationen einen Großteil ihrer Einnahmen schöpfen, wären zahlungsunfähig. Unternehmen und Investoren müssten hohe Abschreibungen vornehmen.
„Wir bleiben vorsichtig“
Im Falle einer scharfen Korrektur des chinesischen Immobilienmarktes würde die Weltwirtschaft schwer erschüttert. Die meisten Bankanalysten erwarten aber eher eine „sanfte Landung“, wie sie sich in den jüngsten Zahlen ankündigt. Eine solche Bremsung könnte die Weltkonjunktur gut vertragen.
Für die exportgetriebene deutsche Wirtschaft bestehen damit Risiken, aber mehr noch Chancen, meinen die meisten Konjunkturbeobachter. Das Frühjahrsquartal dürfte wohl extrem stark gewesen sein: bis zu 1,4 Prozent Zuwachs zum Vorquartal schätzen Bankvolkswirte. Allerdings dürfte der Wert auch wegen Nachholeffekten nach dem schwachen Winterquartal nach oben übertrieben sein. Schon für die zweite Jahreshälfte erwarten Beobachter eine deutliche Abschwächung, so dass im Gesamtjahr etwas mehr als 2 Prozent Wachstum herauskäme - nicht einmal die Hälfte des gewaltigen Rückgangs um 4,9 Prozent im Vorjahr würde damit wieder aufgeholt.
Auch die derzeit schwer beschäftigten Exporteure werden nicht zu euphorisch: „Wir bleiben vorsichtig“, sagt BGA-Sprecher Schwarz. Der aktuelle Boom sei „noch kein Selbstläufer, denn es bleiben viele Ungewissheiten“. Während Asien kräftig wachse, bleibe Europa als Absatzmarkt dahinter zurück. „Viele Probleme sind nicht gelöst, und die Schuldenkrise bereitet Sorgen“, warnt er.
Veraltete Denkmuster verhindern echtes Wachtum in Deutschland
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Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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