06.04.2006 · China und der Westen fahren auf Konfrontationskurs. Der Druck auf eine Änderung der Währungspolitik und die geforderten Sonderzölle auf chinesische Waren zeugen von einer härter werdenden Auseinandersetzung.
Von Christoph Hein, PekingChina und der Westen fahren auf Konfrontationskurs. Der Druck auf eine Änderung der Währungspolitik und die immer lauter geforderten Sonderzölle auf chinesische Waren, die Handelsstreitigkeiten über Schuhe, Büstenhalter und Autoteile zeugen von einer härter werdenden Auseinandersetzung. Ende April wird der amerikanische Finanzminister seinen Bericht zur Währungspolitik vorlegen. Es droht eine Abstrafung Pekings, die den Weg zu Strafzöllen öffnete. Kurz zuvor werden sich der chinesische Staatspräsident Hu Jintao und Amerikas Präsident George Bush in Washington treffen. Doch auch dafür verheißen die Querelen im Vorfeld nichts Gutes: Die Chinesen betrachten die Visite als Staatsbesuch, die Amerikaner als Gedankenaustausch beim Mittagessen.
Die Beziehungen zwischen der größten Wirtschaftsmacht der Erde und der inzwischen viertgrößten Volkswirtschaft sind geprägt von Argwohn, Forderungen und Verweigerung. Die Ursache liegt in der wachsenden wirtschaftlichen und politischen Stärke Pekings. Sie geht einher mit Washingtons Machtverlust in Ostasien. China konkurriert auf den Märkten der Welt höchst erfolgreich mit seinen Produkten, kauft Rohstoffe ohne moralische Betrachtung ihrer Herkunftsländer auf und baut mit atemraubender Geschwindigkeit seine Einflußsphäre in der asiatisch-pazifischen Region und Afrika aus. Seine aggressive Taiwan-Politik auf der einen, Amerikas ostentative Annäherung an Chinas Konkurrenten Indien auf der anderen Seite belasten das Verhältnis.
Die Verschiebung der Gewichte zeigt sich in diesen Tagen bei der Reise von Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao nach Australien und auf die Pazifikinseln, vor Amerikas Haustür. Australien, Washingtons engster Verbündeter, wird mit Uranlieferungen Chinas Atomprogramm fördern, nicht aber dasjenige von Amerikas neuem Verbündeten Indien. Die Chance, weiter von Chinas Rohstoffnachfrage zu profitieren, verdrängt allmählich die alte Orientierung an den Vereinigten Staaten. Canberras Kurs ist beispielhaft: Zwar braucht Asien die amerikanische Nachfrage weiter - doch nähert es sich zunehmend dem starken Nachbarn an.
Der Westen reagiert mit dem Anziehen der Daumenschrauben. Der Vorwurf steht im Raum, Peking dulde, ja fördere auf verschiedene Weise unfairen Wettbewerb. Es halte daher auch den Yuan niedrig, um den Weltmarkt mit Billigwaren zu erobern.
In der Tat sind die Marktbedingungen in China schwierig. Doch wußten die Investoren aus dem Westen, auf was sie sich einlassen. Sie wußten, daß die Chinesen sie ausspielen und daß die Kosten rasch steigen. Sie wußten um die grassierende Korruption und den rechtsfreien Raum. Vom Diebstahl geistigen Eigentums sind asiatische Anbieter jedoch genauso betroffen wie diejenigen aus dem Westen. Letztlich hilft dagegen nur ein Vorsprung durch bessere Technologie. Doch Vorsicht: Die chinesischen Universitäten produzieren Wissenschaftler am Fließband. Auf lange Sicht werden sie den Innovationsvorsprung des Westens gefährden.
Während mit den Ärzten in Deutschland und den Studenten in Frankreich diejenigen Berufsgruppen auf die Straße gehen, die die besten Voraussetzungen auf relativ gut bezahlte Stellen haben, nehmen die Asiaten zwei Jobs an, um ihren Kindern das Studium zu finanzieren. Weder Klagen noch Protektionismus verhindern Chinas Aufholjagd, es helfen nur Reformen, Fleiß und Innovationsfreude. Auch macht es der Westen Peking einfach, Kritik zurückzuspielen. Die neuen Abschottungsbestrebungen in Amerika und Frankreich widersprechen dem propagierten Freihandel.
Wie aber steht es mit der Währungspolitik? Sicher muß China langfristig ein System freier Wechselkurse einführen, so wie im übrigen Indien, Singapur, Hongkong oder Malaysia auch. Zunächst aber muß Peking sein Haus in Ordnung bringen, denn der vermeintliche Wirtschaftsriese hat gläserne Knochen. Hunderte Millionen Arbeitsplätze müssen geschaffen, ein Finanz-, Renten- und Versicherungsmarkt muß aufgebaut werden. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich muß verringert werden, und dies alles ohne gängige Mittel wie einen Anleihemarkt oder eine unabhängige Zentralbank.
Eine zu schnelle Freigabe oder sprunghafte Heraufsetzung des Yuan-Kurses hätte eine Krise Chinas zur Folge, die zur Destabilisierung des Landes und damit zu Verwerfungen in der Weltwirtschaft führte. Zudem profitieren nicht nur amerikanische Verbraucher - dank niedriger Preise für Kleidung oder Eisschränke - von billigen Waren aus China, sondern auch amerikanische Unternehmen. Zwei Drittel der China-Exporte stammen von ausländischen Unternehmen.
Aber hat nicht China mit der astronomischen Summe von 854 Milliarden Dollar die höchsten Währungsreserven der Welt? Hat es nicht mit 202 Milliarden Dollar einen horrenden Handelsüberschuß mit Amerika? Doch, aber auch hier lohnt genaues Hinsehen. Soll Chinas Handelsüberschuß durch eine aufgrund höherer Zölle verringerte Einfuhr abgebaut werden, dürfte er sich nur verlagern. Höhere Zölle könnten die Inflation in den Vereinigten Staaten treiben und die Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen verringern. Arbeitsplätze in Amerika entstünden so gewiß nicht. Ein Handelskrieg wäre ein Risiko für Peking, aber vermutlich Gift für Washington.
Es gibt viele Gründe, China zu kritisieren. Umweltschutz, Menschenrechte, Zensur, Sozialgefälle sind nur einige. Die Kritik am Yuan aber zielt in die falsche Richtung. Die Drohungen des Westens, wachsenden Druck werden die Chinesen in gewohnter Manier aussitzen. Und unterdessen ihr Land entwickeln.
Papierene Welt
Sophia Orti (rum)
- 05.04.2006, 22:24 Uhr
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Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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