26.08.2009 · Im ersten Halbjahr 2009 hat der Wert der chinesischen Ausfuhr erstmals die stark geschrumpfte deutsche Ausfuhr überholt. Wegen der Krise wird der Außenhandel beider Nationen dieses Jahr um rund 18 Prozent schrumpfen.
Von Philip Plickert und Christoph HeinDeutschland und China liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des Exportweltmeisters. Im ersten Halbjahr 2009 hat der Wert der chinesischen Ausfuhr erstmals die stark geschrumpfte deutsche Ausfuhr überholt. Nach einer aktuellen Berechnung der Welthandelsorganisation (WTO) habe China in den ersten sechs Monaten Waren im Wert von 521,7 Milliarden Dollar exportiert - knapp mehr als der deutsche Warenexport im Wert von 521,6 Milliarden Dollar, teilte der WTO-Chefökonom Patrick Low mit.
Wer am Ende des Jahres an der Spitze liegen werde, lasse sich noch nicht vorhersagen, sagte Low. „Es ist ein sehr knappes Rennen.“ Das Ergebnis werde nicht nur von der Entwicklung der Exportmengen, sondern auch von den Wechselkursen abhängen, erklärte Low. Ein hoher Euro-Wechselkurs erschwert zwar den Exporteuren die Geschäfte, in der Statistik verbessert er aber die deutsche Position gegenüber China. Deutschland hält den Titel des „Exportweltmeisters“ seit dem Jahr 2003. Traditionell sehr stark auf den Weltmärkten sind deutsche Hersteller von Maschinen, Autos, chemischen sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen.
„Aber die Wachstumsraten sind gigantisch“
In der Rezession ist die Ausfuhr insgesamt drastisch geschrumpft. „Wir rechnen für das Gesamtjahr 2009 mit einem Exportrückgang um 18 Prozent“, sagt Jens Nagel, Geschäftsführer des Außenhandelsverbands BGA. Der Welthandel werde um 10 bis 15 Prozent schrumpfen. „Die gute Nachricht ist aber, dass die Talsohle erreicht ist und es jetzt wieder aufwärtsgeht.“ Im Juni stieg der Export um 7 Prozent gegenüber dem Vormonat, verglichen mit dem Vorjahresniveau war er aber um 22,3 Prozent niedriger. Derzeit liege die Ausfuhr auf dem Niveau der Jahre 2005/2006, sagt Nagel.
Stark verringert hat sich in den ersten vier Monaten des Jahres die Ausfuhr von Kraftfahrzeugen, die um 43 Prozent einbrach, und von chemischen Erzeugnissen, die um 26 Prozent zurückging. Schwere Rückgänge verzeichneten auch die Exporteure von Maschinen und Anlagen, die 22 Prozent weniger absetzten. Gegen den Trend erhöhten sich aber die Ausfuhren von Pharmaerzeugnissen um 10 Prozent. Nun profitieren einige deutsche Exporteure, vor allem die Bauwirtschaft, von den Konjunkturprogrammen in aller Welt. Auch die Exporteure von Produkten für mehr Energieeffizienz und erneuerbaren Energien stünden derzeit gut da. „China ist zwar nach absoluten Zahlen für uns noch ein kleiner Markt“, sagt Nagel. Im vergangenen Jahr gingen nur gut 3 Prozent der Gesamtausfuhr dorthin. „Aber die Wachstumsraten sind gigantisch, oft mehr als 20 Prozent.“
Auch Chinas Ausfuhr ist in der Wirtschaftskrise stark gebremst worden
Während Deutschland überwiegend Hochtechnologie und Ingenieurkunst exportiert, liefert China vor allem Massenware wie Kinderspielzeuge, Schuhe, Kleider, Eisschränke, Teddybären. Das gelingt nicht nur wegen der niedrigen Stundenlöhne in den Fabriken, die vor allem in Südchina und rund um die Metropole Schanghai angesiedelt sind. Hilfreich ist auch der Außenwert des Yuan, den viele Analysten trotz der schleichenden Aufwertung seit 2005 immer noch als bis zu 30 Prozent unterbewertet einschätzen. Trotzdem ist auch Chinas Ausfuhr in der Weltwirtschaftskrise stark gebremst worden. Nach Schätzung der Analysten der Deutschen Bank in Hongkong wird das Exportvolumen in diesem Jahr gut 17 Prozent unter dem Rekord von 1430 Milliarden Dollar im Jahr 2008 bleiben.
Zugleich wandelt sich die Zusammensetzung der Ausfuhr weiter: Preiswerte Maschinen und Güter der Schwerindustrie gewinnen an Bedeutung. Auch wenn der Wert der Ausfuhr der Leichtindustrie stabil bleibt, sank ihr Anteil an der gesamten Ausfuhr Chinas von 42 Prozent im Jahr 2002 auf 32 Prozent im vergangenen Jahr. Elektronik habe von 21 auf 24 Prozent zugelegt, Güter der Schwerindustrie von 29 auf 39 Prozent, ermittelte Janet Zhang, Analystin bei Dragonomics.
Sorgen bereiten den deutschen Exporteuren die protektionistischen Tendenzen
Der Einfluss der heraufziehenden Krise war schon 2008 zu spüren: Legte die Ausfuhr zuvor jedes Jahr um gut 25 Prozent zu - und das auf einer immer größeren Basis -, stieg sie 2008 nur noch um 17 Prozent. Chinas wichtigste Absatzmärkte wie Europa (21 Prozent der Ausfuhr) und Amerika (18 Prozent) sind schwer von der Rezession betroffen. „Da die Einfuhr aber gleichzeitig schneller fällt als die Ausfuhr, wächst der Handelsüberschuss weiter“, erklärt Zhang. „Mit 295 Milliarden Dollar lag er 2008 beim Neunfachen des Wertes von 2004.“ Als Folge seiner Exportstärke sitzt China auf dem größten Devisenschatz der Welt, den es zur Stimulierung des Konsums einsetzt.
Sorgen bereiten den deutschen Exporteuren die protektionistischen Tendenzen. „Noch sehen wir keine große Welle, aber es gibt kleine, alltägliche Einschränkungen, etwa die ,Buy national'-Klauseln im chinesischen Konjunkturpaket“, klagt BGA-Geschäftsführer Nagel. Er fordert von der WTO einen baldigen Abschluss der Doha-Welthandelsrunde. „Das wäre ein wichtiges Konjunkturprogramm.“
Deutschland und China in derselben Situation
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 26.08.2009, 17:32 Uhr
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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