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Konjunktur : Die Welt hat ein Wachstumsproblem

Dringend gesucht: Regionen mit starkem Wachstum Bild: Reuters

Die Weltkonjunktur verliert an Fahrt, die Industrie scheint zu stagnieren. Und niemand weiß so genau, wo neues Wachstum herkommen soll.

          Die Vorschläge, wie die Wirtschaft zum Laufen gebracht werden kann, werden immer ungewöhnlicher. Mit Helikoptergeld, das die Notenbanken auf die Volkswirtschaften rieseln lassen, solle die Nachfrage stimuliert werden, fordern namhafte Forscher. Die Debatte über Notmaßnahmen wirft die Frage auf, wie schlecht es der Weltwirtschaft tatsächlich geht.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Johannes Pennekamp

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Ein Überblick über die wichtigsten Wirtschaftsregionen zeigt: Für Panik ist es zu früh, aber Wachstumsimpulse fehlen, und vor allem die Industrie schwächelt. Weil Aufträge ausbleiben, stagnierte das verarbeitende Gewerbe im Februar rund um den Globus, zeigt eine Umfrage des Analyseunternehmens Markit. Schwellenländer wie Brasilien und Russland stecken nach wie vor in der Rezession, sie fallen als Impulsgeber aus. Und die Industriestaatenorganisation OECD warnt in ihrem jüngsten Ausblick, die Weltwirtschaft wachse so langsam wie zuletzt vor fünf Jahren. Die Forscher reduzierten ihre Prognose auf 3,0 Prozent. Die stark gefallenen Rohstoffpreise, die Mini-Inflation und der verhaltene Welthandel signalisieren, dass Sand im Getriebe ist. „Ich sehe keinen Einbruch, rechne aber mit einer Wachstumsverlangsamung“, sagt Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH).

          Vereinigte Staaten auf bescheidenem Wachstumspfad

          Besonders ängstlich schaut die Welt auf die Vereinigten Staaten. Jüngste Berichte wie das Beige Book der amerikanischen Zentralbank bestätigen, dass die größte Volkswirtschaft der Welt auf einem bescheidenen Wachstumspfad bleibt – mit einem Plus von 2,3 Prozent bis Jahresende. Das ist eine leichte Abschwächung gegenüber 2015.

          Die Lage auf dem Arbeitsmarkt verbessert sich weiter etwas, doch die Konsumenten, die zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes (BIP) verantworten, sind einen Hauch pessimistischer. Und die Industrie leidet unter dem starken Dollar. Im Energiesektor streichen die Unternehmen Investitionen, während einzelne energieintensive Branchen in einigen Regionen langsam die Vorteile einer niedrigen Energierechnung spüren.

          In einer historischen Perspektive bleibt das Wachstum schwach, ein Schicksal, das das Land mit den meisten Industrieländern teilt. Inzwischen wird in den Vereinigten Staaten darüber debattiert, welchen politischen Preis man für das abgeschwächte Wachstum zahlen muss: Harvard-Ökonom Larry Summers sagt, um die politische Radikalisierung unter einem Donald Trump zu verhindern, müssten schleunigst Antworten zur Beschleunigung des Wachstums gefunden werden.

          Schlechte Stimmung in Chinas Wirtschaft ist Fakt

          In China wird Ministerpräsident Li Keqiang am Samstag bei der Eröffnungssitzung des Volkskongresses die Rate bekanntgeben, mit der das Land 2016 wachsen soll. Erwartet wird, dass die Regierung erstmals einen Korridor vorgeben wird; von 6,5 bis 7 Prozent ist die Rede. Für gute Stimmung unter Investoren dürfte das nicht sorgen – ebenso wie die Tatsache, dass die amerikanische Ratingagentur Moody’s angesichts der hohen und schnell wachsenden Verschuldung und eines drohenden Reformstaus gerade ihren Ausblick für China von stabil auf negativ gesenkt hat.

          Zwar hat die Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrieländer der Volksrepublik gerade das Vertrauen ausgesprochen, dass sie sich stabil entwickeln werde. Und von deutschen Unternehmen im Land ist zu hören, dass zumindest im Januar die Geschäfte wieder gut gelaufen seien. Doch die schlechte Stimmung in Chinas Wirtschaft ist Fakt. Nicht nur, dass der Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes auf den tiefsten Stand seit sieben Jahren gefallen ist. Dass die Exportwirtschaft und die Schwerindustrie leiden und sich von der allgemeinen Dynamik abgekoppelt haben, daran hatte man sich gewöhnt.

          Neu ist, dass auch die Stimmung und das Wachstum im Dienstleistungssektor nachlassen. Dass Peking der gewaltige Umbau der Wirtschaft gelingt und diese dabei nicht allzu sehr an Fahrt verliert, gilt als immer weniger wahrscheinlich.

          Die japanische Konjunktur wackelt

          Noch weiter östlich kämpft Japans Wirtschaft darum, überhaupt zu wachsen. 2015 überwand das Land mit Ach und Krach die Rezession des Vorjahres und wuchs um 0,5 Prozent. Einen soliden Aufwärtsschwung aber entwickelte die Wirtschaft nicht. Am Jahresende schrumpfte das BIP überraschend um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Wenn überhaupt, erwarten Volkswirte für den Jahresbeginn ein schwaches Wachstum.

          Die meisten Indikatoren deuten auf eine weitere Abschwächung hin. Der Export brach im Januar ein. Die Verbraucher halten sich zurück, und mit geringeren Gewinnen der Unternehmen drohen die Investitionen, die bisher die Konjunktur stützen, wegzubrechen. Lichtblick ist der Arbeitsmarkt, an dem sich immer mehr Engpässe zeigen. Kern der Sorgen sind der Export und der Yen, der als sicherer Hafen in den derzeitigen Wirren an den Finanzmärkten deutlich aufwertet. Die japanische Konjunktur wackelt, aber sie kippt noch nicht.

          Unkonventionelle Maßnahmen stehen hoch im Kurs

          Und Europa? Ein Wachstumstreiber ist der Kontinent schon lange nicht mehr. Im zuletzt noch dynamischen Großbritannien ist die Stimmung in der Dienstleistungsbranche im Februar geradezu eingebrochen, in Deutschland ist die Stimmung in der Industrie gekippt.

          IWH-Ökonom Holtemöller erwartet, dass der Außenhandel das Wachstum hierzulande in diesem Jahr um 0,5 Prozent drücken wird, da die Importe stärker wachsen als die Exporte. Der mögliche Brexit und die Debatte über Grenzschließungen drückten die Stimmung. Allerdings rechnet Holtemöller auch hier mit einem weiterhin moderaten Wachstum, unter anderem weil Ölpreis und Wechselkurs helfen.

          Mit Spannung verfolgen Beobachter nun, wie die Notenbanken Fed und EZB auf die schwache Dynamik reagieren. Helikoptergeld werden sie nicht abwerfen – andere unkonventionelle Maßnahmen stehen dagegen weiter hoch im Kurs.

          Quelle: F.A.Z.

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