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Wachstum Freizeit statt Einkommen

04.08.2004 ·  Trotz aller Unkenrufe: Wirtschaftlich steht der Euro-Raum im Vergleich mit den Vereinigten Staaten gar nicht so schlecht da. Die Europäer gönnen sich mehr Freizeit und verzichten auf höhere Einkommen. Doch die Produktivität wächst langsamer.

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Die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten ist im zweiten Quartal langsamer gewachsen als zuvor. 3 Prozent beträgt die auf ein Jahr hochgerechnete Rate; das ist immer noch deutlich höher als im Euro-Raum, für den ein Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von höchstens 2 bis 2,4 Prozent im zweiten Quartal erwartet wird. Die Momentaufnahme bestätigt ein weitverbreitetes Stereotyp: Europa hinkt den Vereinigten Staaten weit abgeschlagen hinterher. Dieses Bild ist richtig und falsch zugleich. Bei genauerer Betrachtung steht der Euro-Raum nicht so schlecht da, wie es die allgemeinen Wachstumsziffern darstellen. Europäer gönnen sich mehr Freizeit und verzichten auf Einkommen. Doch die Produktivität ihrer Wirtschaft wächst langsamer.

Von 1990 bis 2003 legte die amerikanische Wirtschaft jedes Jahr durchschnittlich um 2,9 Prozent zu, der Euro-Raum dagegen nur um 1,9 Prozent. Der dauerhafte Wachstumsvorsprung der Vereinigten Staaten beläuft sich auf rund einen Prozentpunkt. Ein Grund für das vergleichsweise starke amerikanische Wachstum ist indes die Zunahme der dortigen Bevölkerung. Auch dank der Zuwanderung ist die Bevölkerung in den zehn Jahren bis 2003 um 1,2 Prozent gewachsen, die Zahl der Euro-Raum-Europäer nur um 0,5 Prozent.

Mehr Menschen bedeuten, für sich genommen, ein höheres Wirtschaftswachstum, aber nicht zwingend mehr Wohlstand. Der mißt sich am besten im Pro-Kopf-Einkommen. Hier schneidet Europa besser ab: Das Durchschnittseinkommen in den Vereinigten Staaten wuchs nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank (EZB) von 1993 bis 2003 um 2,1 Prozent, dasjenige der Euro-Raum-Europäer um 1,7 Prozent. Nimmt man das Sorgenkind Deutschland heraus, wuchs das Pro-Kopf-Einkommen im Euro-Raum in etwa so stark wie in den Vereinigten Staaten.

Flexibilität in Amerika

Dieses vergleichsweise positive Bild verdeckt die Zweifel, daß der Euro-Raum einen starken Bevölkerungszuwachs so glatt wie die Amerikaner in Wirtschaftswachstum umgesetzt hätte. "Die Amerikaner können neue Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren, weil der Markt flexibler ist", sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank in Frankfurt. Daran mangele es im Euro-Raum.

Ohnehin läßt sich die Wirklichkeit mit dem simplen Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen nicht hinreichend abbilden. Menschen können viel verdienen, weil sie viel arbeiten oder weil sie produktiv arbeiten. Der Euro-Raum und die Vereinigten Staaten haben sich diesbezüglich sehr unterschiedlich entwickelt, wie die Untersuchung der EZB zeigt. Die Europäer im Euro-Raum erzielten in den achtziger Jahren mit 2,3 Prozent ein höheres Produktivitätsplus je Arbeitsstunde als die Amerikaner mit 1,6 Prozent. Der Arbeitseinsatz fiel im Euro-Raum dagegen um 0,4 Prozent, während er in den Vereinigten Staaten um ein Prozent stieg. In den neunziger Jahren büßten die Europäer ihren Produktivitätsvorsprung ein; die Stundenproduktivität wuchs wie in Amerika um 1,4 Prozent. Zugleich aber steigerten die Europäer ihren Arbeitseinsatz um 0,3 Prozent, gegenüber 0,7 Prozent in Amerika.

Beschäftigungszuwachs auch im Euro-Raum

Dieser Vergleich wirft einen Schatten auf das übliche Bild, daß in Europa hohe Lohnsteigerungen als Produktivitätspeitsche wirkten und die Arbeit aus dem Produktionsprozeß hinausdrängten. Erst recht hat dieses Bild in jüngster Zeit Risse bekommen. Von 1996 bis 2003 stieg die Beschäftigtenzahl im Euro-Raum um 9,1 Prozent und in den Vereinigten Staaten um 7,5 Prozent. Der Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung stieg um 0,8 Prozent, in Amerika nur um 0,1 Prozent. Zugleich aber hat sich die Produktivitätsschere geöffnet - zugunsten der Vereinigten Staaten. Die Amerikaner haben den Verfall der Produktivität je Arbeitsstunde gestoppt und umgedreht, im Euro-Raum setzt sich der stärkere Produktivitätsverfall unvermindert fort.

Schlecht muß das nicht zwingend sein. Nach einer Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) veranlaßten geringere Lohnerhöhungen im Euro-Raum die Unternehmen dazu, mehr Arbeit anstatt mehr Kapital zu verwenden. Auch die EZB spricht von einem "recht moderaten" Wachstum der Reallöhne in den neunziger Jahren. Der Preis für die höhere Arbeitsintensität der Produktion ist das langsamere Produktivitätswachstum. Hinzu kommen zahlreiche Bemühungen, den Arbeitsmarkt im Euro-Raum flexibler zu gestalten. Mehr Teilzeitarbeit und Erleichterungen für befristete Arbeitsverhältnisse führen dazu, daß geringer qualifizierte Menschen wieder Beschäftigung finden. Auch hier ist der Preis eine zunächst niedrigere Produktivität - wie im Amerika der achtziger Jahre. Zugleich aber legen die heutigen Arbeitsmarktreformen den Grundstock für ein stärkeres Wachstum der Wirtschaft und der Produktivität in den kommenden Jahren.

Amerika erzielt Produktivitätsgewinne

Das ist freilich nur ein Teil der Geschichte. Trotz eines hohen Beschäftigungswachstums und im Gegensatz zum Euro-Raum gelang es den Amerikanern in den vergangenen Jahren, den Abwärtsdruck auf die Arbeitsproduktivität auszugleichen. Die Produktivität der Wirtschaft insgesamt ("totale Faktorproduktivität") ist nach Analyse der EZB gestiegen. Der wichtigste Grund dafür sind rapide Produktivitätsgewinne im Hochtechnologiebereich des verarbeitenden Gewerbe und bei den Unternehmensdienstleistern. Beide Bereiche sind in Amerika weiter verbreitet als im Euro-Raum; die Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von Informations- und Technologietechnik schlagen deshalb gesamtwirtschaftlich stärker durch. Wirtschaftspolitisch folgt daraus für den Euro-Raum das Ziel, den Strukturwandel zu erleichtern, um produktivitätsintensive Wachstumssektoren nach vorne zu bringen, meint die EZB.

Das wird auch von der Europäischen Union als Königsweg gesehen, um die Pro-Kopf-Einkommen schneller steigen zu lassen. Die EU will mit ihrer "Lissabon-Agenda" die Amerikaner überholen. Doch der Weg ist steinig und lang. Monsieur Dupont, der deutsche Michel oder ein anderer Durchschnittseuropäer verdienen nur rund 70 Prozent des Pro-Kopf-Einkommens des amerikanischen Mr. Jones. Der Abstand könnte sich bei gleicher Produktivität verringern, wenn die Europäer länger arbeiteten. Tatsächlich sind die Jahresarbeitsstunden je Erwerbstätigen im Euro-Raum über Jahrzehnte auf mittlerweile gut 1500 Stunden im Jahr gesunken, während die Amerikaner rund 1850 Stunden und seit den neunziger Jahren sogar noch mehr arbeiten.

Europäer arbeiten weniger

Das niedrigere Durchschnittseinkommen der Europäer gründet daher vornehmlich in einer kürzeren Arbeitszeit, nicht aber in einer niedrigeren Arbeitsproduktivität. Die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde liegt in Europa nur noch 5 Prozent unter derjenigen in den Vereinigten Staaten, hat der Ökonom Kevin Daly von Goldman Sachs berechnet. Mit anderen Worten: Die Europäer haben in den vergangenen Jahren bei nahezu gleich hoher Stundenproduktivität mehr Freizeit genossen und auf ein höheres Einkommen verzichtet.

Unter Ökonomen ist heftig umstritten, ob dieser Genuß freiwillig ist oder erzwungen wurde. Edward Prescott von der Federal Reserve Bank von Minneapolis argumentiert, daß die hohe Steuerbelastung in Westeuropa die Menschen dazu verführt, in die Freizeit (oder die Schwarzarbeit) auszuweichen. Olivier Blanchard von der amerikanischen Harvard Universität hält dagegen, daß beispielsweise die Iren trotz niedriger Grenzsteuerbelastung der Einkommen immer weniger Stunden je Jahr arbeiten.

Ein eindeutiges Urteil werden Volkswirte hier nie finden. Sicher ist allein, daß ein höheres Einkommen nicht nur mittels einer höheren Produktivität, sondern auch durch mehr Arbeit zu erwirtschaften ist. Das dürfte sich nach Ansicht nicht nur des IWF als notwendig erweisen, um die europäische Gesellschaft, die schneller altern wird als die amerikanische, in den kommenden Jahren wirtschaftlich auf Kurs zu halten.

Quelle: pwe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2004, Nr. 180 / Seite 12
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