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Vereinigte Staaten Bernanke sieht im Leistungsbilanzdefizit keine Gefahr

20.02.2006 ·  Der neue Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke, hält eine geordnete Schrumpfung des hohen Leistungsbilanzdefizits für wahrscheinlicher als Turbulenzen. Amerika müsse aber sparen.

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Der neue Vorsitzende der amerikanischen Notenbank hat in der Diskussion über die möglichen Gefahren des hohen Leistungsbilanzdefizits der Vereinigten Staaten das Wort ergriffen: Ben Bernanke, der Anfang des Monats die Nachfolge von Alan Greenspan angetreten hat, hält ein Defizit von rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dauerhaft nicht für tragfähig. Das hat der Ökonom dieser Tage vor dem Bankenausschuß des Senats gesagt.

Eine Dekade oder länger könne es aber dauern, ehe das Defizit wieder auf ein stabileres Niveau gesunken sein werde. Die Handelsbilanz, die wesentlich auch den Saldo der Leistungsbilanz bestimmt, ist 2005 auf ein Rekorddefizit von 725,8 Milliarden Dollar geklettert - das sind 5,8 Prozent des BIP. Darin kommt zum Ausdruck, daß die Vereinigten Staaten erheblich mehr Waren und Dienstleistungen konsumieren, als sie selbst produzieren. Amerika bezahlt seinen Import mit jenem Geld, das Ausländer dort anlegen, sei es auf dem Aktienmarkt, in Form von Direktinvestitionen oder durch den Kauf von Schuldpapieren.

Wer finanziert den Konsum?

Wie Greenspan warnte auch Bernanke davor, daß ausländische Investoren eines Tages womöglich nicht länger bereit seien, immer mehr zusätzliches Kapital in Amerika zu investieren, oder aber eine höhere Verzinsung forderten. Eine solche Entwicklung könne eine "unangenehme Anpassung" der Leistungsbilanz zur Folge haben und würde der amerikanischen Wirtschaft schaden, sagte der Fed-Chairman. Wahrscheinlicher als eine plötzliche Korrektur, ausgelöst beispielsweise durch einen scharfen Kursrutsch des Dollar, ist nach Einschätzung Bernankes indes eine geordnete Rückführung des Defizits über einen längeren Zeitraum hinweg. Darin stimmt er im übrigen mit seinem Vorgänger überein. Auch Greenspan hatte Prognosen, wonach ein Sturz des Dollar unvermeidlich sei, als unrealistisch bezeichnet.

Sparappell

Bernanke hält eine Erhöhung der amerikanischen Sparquote als Beitrag zu der notwendigen Anpassung für notwendig. Der Appell des Notenbankers richtet sich sowohl an die privaten Haushalte, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit mehr als 70 Jahren über die verfügbaren Einkommen hinweg auf ihre Ersparnisse zurückgegriffen haben, um den Konsum zu finanzieren, als auch an Regierung und Kongreß: Diese müssen die Konsolidierung der Staatsfinanzen voranbringen, nicht zuletzt mit Blick auf die zu erwartenden Belastungen, die auf die staatlichen Krankenversicherungen und die Rentenversicherung in den kommenden Jahrzehnten zukommen. Dem neuen Haushaltsplan zufolge, den Präsident George W. Bush unlängst dem Kongreß übermittelt hat, wird das Etatdefizit im laufenden Jahr zwar um rund 105 Milliarden Dollar auf 423 Milliarden Dollar steigen. Der Präsident hält aber daran fest, im Jahr 2009 nur noch einen Fehlbetrag von rund 200 Milliarden Dollar oder rund 1,4 Prozent des BIP in den Büchern zu haben.

Eine geringere Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von ausländischem Kapital muß nach Ansicht Bernankes begleitet werden von einer Erhöhung der Binnennachfrage in anderen Teilen der Welt, nicht zuletzt in Ländern wie Japan, China und Deutschland. Wenn dort die Konjunktur nicht mehr in so hohem Maße vom Export getrieben werde, böte sich den Vereinigten Staaten die Möglichkeit einer zusätzlichen Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen, lautet Bernankes Argument, das auch von der amerikanischen Regierung häufig angeführt wird. Finanzminister John Snow fordert im Kreis der Siebenergruppe (G7) seit geraumer Zeit Strukturreformen in Japan und Europa mit dem Ziel, die dortigen Wachstumskräfte zu stärken.

Druck auf China wegen Yuan

Mit der Regierung ist Bernanke sich auch darin einig, daß China einen Beitrag zur Beseitigung der globalen Ungleichgewichte leisten muß, indem es den Wechselkurs des Yuan freier schwanken und eine Aufwertung zum Dollar und anderen Währungen zuläßt. Dies sei nicht zuletzt in Chinas eigenem Interesse, damit es eine eigenständige Geldpolitik führen könne. In den hohen Devisenreserven Chinas - Ende 2005 besaß das Land amerikanische Staatsanleihen im Wert von 820 Milliarden Dollar - sieht der Fed-Chairman allerdings keine Gefahr für Amerika. Mit abrupten Umschichtungen zu Lasten des Dollar sei kaum zu rechnen, sagte Bernanke.

Die Äußerungen des Währungshüters sind im Kongreß mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen worden. Das betrifft nicht nur Bernankes Kritik am chinesischen Wechselkurs, sondern auch seine Mahnung vor protektionistischen Maßnahmen seitens der Vereinigten Staaten. Es sei "keine gute Idee", die Erfolge in der Ausweitung des Freihandels in der Welt durch die Einführung von Strafzöllen zunichte zu machen, riet der Fed-Chairman.

Quelle: ctg. / F.A.Z., 21.02.2006, Nr. 44 / Seite 14
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