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Vereinigte Staaten Amerika streitet über die Profiteure des Aufschwungs

12.10.2006 ·  Mitten im amerikanischen Wahlkampf macht sich ein Forschungsinstitut bei den Republikanern unbeliebt: Die Wirtschaftsexperten sehen die Mittelschicht als Verlierer des Aufschwungs. Die Regierung kontert.

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Familien der amerikanischen Mittelschicht kommen finanziell kaum noch über die Runden. Schnell steigende Kosten für die Krankenversicherung, das Auto und die Ausbildung der Kinder bürden ihnen enorme Lasten auf und treiben viele Familien in die Verschuldung. Das beklagt das Center for American Progress (CAP), eine linksgerichtete Gedankenschmiede in Washington.

Nach Einschätzung der Ökonomen des Think Tank haben viele Familien der Mittelschicht vom kraftvollen Wirtschaftsaufschwung, der schon fünf Jahre dauert, kaum oder gar nicht profitiert. Der Bericht liefert wenige Wochen vor den wichtigen Kongreßwahlen den oppositionellen Demokraten wichtige Argumente. Sie hoffen darauf, den Republikanern die Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments, dem Senat und dem Repräsentantenhaus, abzunehmen.

Ausgaben für den täglichen Bedarf stark gestiegen

„Viele Familien haben kaum noch die Möglichkeit, für schlechte Zeiten zu sparen. Im Durchschnitt sind nur rund 20 Prozent der zusätzlichen Stellen geschaffen worden wie in früheren Aufschwungphasen, und die Löhne stagnieren, wenn man die Inflationsrate einberechnet“, sagt Christian Weller, Chefökonom des CAP.

Zugleich seien die Ausgaben für wichtige Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, von der Gesundheitsversorgung bis zu Lebensmitteln, deutlich gestiegen. Um ihren alltäglichen Konsum aufrechtzuerhalten, hätten Familien im ersten Quartal dieses Jahres rund 126 Prozent ihres verfügbaren Einkommens an Schulden aufgenommen. „Weniger als ein Drittel aller Familien verfügt noch über ein Netto-Gesamtvermögen, das drei Monatseinkommen übersteigt“, erläutert Weller. 2001 seien es noch 38,8 Prozent aller Familien gewesen.

Aufschwung am Arbeitsmarkt nur schwach

Besonders ausgeprägt sei diese Entwicklung in der Mittelschicht, Familien, in denen typischerweise beide Elternteile berufstätig seien und die zwischen 18.500 und 88.030 Dollar im Jahr verdienten. „Der Anteil der Familien in diesen 60 Prozent der Einkommensverteilung, die rund drei Monatsgehälter beiseite gelegt haben, ist zwischen 2001 und 2004 von 28,8 auf 18,3 Prozent gesunken.“ Weller verweist darauf, daß der Aufschwung am Arbeitsmarkt so schwach sei wie seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren nicht mehr: „Wer heutzutage seinen Job verliert, findet nur schwer schnell eine neue Stelle.“ Im Schnitt seien Langzeitarbeitslose 17,6 Wochen ohne Beschäftigung, so lange wie in keinem Konjunkturzyklus zuvor.

Die amerikanische Regierung, die um die republikanische Kongreßmehrheit fürchtet, widerspricht: „In den vergangenen drei Jahren ist unsere Wirtschaft jeweils um 3,7 Prozent gewachsen, schneller als in jeder anderen führenden Industrienation. Es wurden 5,7 Millionen zusätzliche Jobs geschaffen, mehr als in der Europäischen Union und Japan zusammen“, argumentierten die beiden engsten Wirtschaftsberater von Präsident George Bush, Allan Hubbard und Edward Lazear, in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“. Die Frage, ob sich der Aufschwung auch für amerikanische Arbeiter auszahle, sei berechtigt und verständlich. Sie zählten zu den produktivsten und am härtesten arbeitenden in der Welt und verdienten es, am Aufschwung teilzuhaben.

Rechtfertigung der Experten aus dem Weißen Haus

„Wenn die Volkswirtschaft aus einer Rezession in eine Erholung und später in einen dauerhaften Aufschwung übergeht, wächst zunächst einmal die Produktivität“, erklären die Wirtschaftsfachleute im Weißen Haus. Höheres Produktivitätswachstum lasse die Unternehmensgewinne steigen, führe zu einer Ausweitung der Produktion und dann zu Neueinstellungen. Wenn schließlich weniger Arbeitnehmer verfügbar seien, stiegen die Löhne zu Lasten der Unternehmensgewinne, und der Anteil der Arbeiter am Aufschwung wachse. Das ist auch diesmal zu beobachten. „Der Produktivitätszuwachs in den vergangenen fünf Jahren war außergewöhnlich stark. Dieses Jahr aber hat auch die Entlohnung der Arbeitnehmer zugelegt“, schrieben Hubbard und Lazear.

In der ersten Jahreshälfte sei die Entlohnung, die nicht nur die eigentlichen Löhne, sondern auch Lohnzusatzleistungen wie Krankenversicherungsprämien einschließt, inflationsbereinigt mit einer Jahresrate von 6,3 Prozent gestiegen. In der Tat entfalle aufgrund der schnell steigenden Kosten im Gesundheitswesen ein Großteil des Anstiegs auf die Lohnzusatzleistungen. „Diese Leistungen sind zwar wichtig, aber Arbeitnehmer wollen natürlich auch ihre Löhne steigen sehen.“

„Eine gute Nachricht für die Arbeiter“

Es sei aber keineswegs der Fall, daß die Löhne nicht angehoben würden. Bisher seien die Nominallöhne in der Industrie dieses Jahr mit einer Jahresrate von 4 Prozent gestiegen, schneller als zum gleichen Zeitpunkt während des vorangegangenen Aufschwungs. Während des Sommers hätten die hohen Benzinpreise einen Großteil dieses Lohnzuwachses aufgezehrt, gestehen die beiden Berater ein. Der seit einigen Wochen zu beobachtende Rückgang der Energiepreise sei aber „eine gute Nachricht für die Arbeiter“.

Der Preis für eine Gallone (3,8 Liter) Normalbenzin ist seit Anfang August im Landesdurchschnitt um rund 65 Cent auf 2,31 Dollar gesunken. "Einige Politiker und Kommentatoren kritisieren die Steuererleichterungen, den Freihandel, die Einwanderungs- und Arbeitsmarktpolitik. Es ist wichtig, die Wahrheit über die Lohnentwicklung und die Unterschiede zwischen diesem Aufschwung und früheren Aufschwüngen zu berichten", stellen Hubbard und Lazear fest.

Quelle: ctg. / F.A.Z., 12.10.2006, Nr. 237 / Seite 12
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