20.09.2006 · Der angespannten Situation zum Trotz - ausländische Investoren erwarten ein baldiges Ende der Proteste in Ungarn und den Beginn von Reformen. Würden sie sich jedoch zurückziehen, hätte das enorme Auswirkungen auf die Wirtschaft.
Trotz der politischen Unruhen in Budapest bleiben internationale Investoren in Ungarn vorerst gelassen. Auch die seit Jahresbeginn schwächelnde Währung Forint zeigt keine Ausschläge und bleibt gegenüber dem Euro auf dem Niveau der Vorwoche.
„Kurzfristig haben die Ereignisse nichts an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geändert“, sagt Dirk Wölfer, Sprecher der Deutsch-Ungarischen Industrie- und Handelskammer (DUIHK) und damit der wichtigsten Investitions- und Handelspartner des Landes. Langfristig erwarteten die Unternehmen vor allem eine verläßliche und berechenbare Wirtschaftspolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen dauerhaft stärke.
„Unternehmen sind Spannungen gewohnt“
Alexander Nielsen, Geschäftsführer der genossenschaftlichen VB Leasing in Budapest, befürchtet zwar auch keine unmittelbaren Auswirkungen durch die überwiegend friedlichen Demonstrationen, wohl aber, daß der Standort Ungarn für Investoren an Attraktivität verlieren könnte.
„Die Unternehmen sind seit Jahren die politischen Spannungen zwischen den beiden großen Blöcken in Ungarn gewohnt“, sagt Nielsen. Aber die jüngsten Entwicklungen hätten doch eine neue Qualität, die vor allem Investoren, die noch nicht vor Ort sind und über eine Investition in Ungarn nachdenken, abschrecken könnten. Bislang hätten Leasing-Kunden aber noch keine geplanten neuen Investitionen zurückgestellt.
Mit Investitionen im ungarischen Markt zufrieden
Audi Hungaria als einer der größten ausländischen Investoren und Exporteure Ungarns will sich über die Lage und mögliche Auswirkungen nach den Tumulten nicht äußern, wie eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage sagte.
Gerhard J. Hierath, Geschäftsführer der Marketing- und Vertriebsgesellschaft von Beiersdorf in Budapest, erwartet keine langfristigen Störungen. Nach wenigen Tagen dürfte aus seiner Sicht wieder Ruhe einkehren. Wie er sagt, ist Beiersdorf mit seinen Investitionen im ungarischen Markt zufrieden.
Politische Hysterie
Harald Hasselmann, Geschäftsführer der Vertriebsniederlassung von Schering in Budapest, sieht zwar eine beunruhigende Situation, jedoch gebe es keine Auswirkungen auf das Geschäft. Ebenso erkennt Tibor Fény, Sprecher von Strabag Hungaria, der Tochtergesellschaft von Deutschlands größtem Baukonzern, keine Auswirkungen auf die Wirtschaft.
Seiner Einschätzung nach werden die Unruhen, die er als politische Hysterie bezeichnet, höchstens zwei Wochen dauern. Eine neue Regierung wäre aus seiner Sicht schlecht für Ungarn. Wie er sagt, würde das die dringend notwendigen Wirtschaftsreformen verzögern. Diese gelten zur Sanierung der öffentlichen Finanzen als unausweichlich.
Saftige Steuer- und Abgabenerhöhungen
In diesem Jahr dürfte das Haushaltsloch 10,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen nach 7,5 Prozent im vergangenen Jahr. Damit ist Ungarn der größte Defizitsünder in der Europäischen Union. Nach den Maßnahmen der im Frühjahr wiedergewählten linksliberalen Regierung soll die Neuverschuldung bis 2009 schrittweise auf 3,2 Prozent zurückgeführt werden.
Zum überwiegenden Teil dürfte die Sanierung ausgabenseitig erfolgen. Einschnitte wird es dabei in der überdimensionierten öffentlichen Verwaltung geben. Ebenso sollen Reformen im Gesundheitswesen und in der Altersvorsorge die öffentliche Hand entlasten. Zudem wird das Preissubventionssystem umgestaltet und im Bildungswesen gespart.
Daneben gibt es saftige Steuer- und Abgabenerhöhungen, die zum Teil mit Monatsbeginn in Kraft getreten sind. Nielsen von VB Leasing erwartet denn auch, daß das Klima für die Unternehmen auch insofern schwieriger wird, weil die Konsumenten durch die Mehrwertsteuererhöhungen für Lebensmittel weniger Geld für anderes werden ausgeben können.
Ein Rückzug hätte starke Auswirkungen
Die Einschnitte dürften mit ein Grund für die plötzlichen Tumulte seit Anfang dieser Woche sein, die sich an einer nunmehr bekannt gewordenen früheren Rede des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsánys entzündet haben. In dieser hat er die Unfähigkeit seiner Regierung bekannt und eingestanden, vor der Wahl gelogen zu haben.
Ein deutlicher Rückzug von internationalen Investoren hätte starke Auswirkungen auf die Wirtschaft. Mehr als die Hälfte des ungarischen Bruttoinlandsproduktes wird von ausländischen Unternehmen erwirtschaftet. Als Investitionsstandort nimmt Ungarn zusammen mit der Tschechischen Republik und Polen immer noch eine führende Rolle in der Region ein. Die Summe an ausländischen Direktinvestitionen, die bis jetzt ins Land geflossen ist, beziffert das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) mit mehr als 50 Milliarden Euro.
steuerdumping
hans maier (eu-phobie)
- 21.09.2006, 10:08 Uhr
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