07.01.2010 · Der Arbeitsmarkt zeigt sich noch stabil. Aber an Einstellungen denken im Augenblick nur wenige Unternehmen. Kommt im neuen Jahr die Arbeitsmarktkrise? Die Pläne der großen Unternehmen im Überblick.
Von Georg GiersbergEs gibt sie auch jetzt noch. Es gibt Unternehmen, die neue Stellen schaffen und Mitarbeiter suchen. Die letzte Meldung über den Aufbau von Arbeitsplätzen kam vom TÜV Rheinland in Köln. Der Dienstleister hat im abgelaufenen Jahr 800 neue Stellen geschaffen, davon 400 im Inland. Während beim TÜV die neuen Stellen durch die Geschäftsausweitung getragen werden, war es bei der Heggenstaller Holzindustrie die Tücke der Planung. Das zur österreichischen Pfeifer Holzindustrie gehörende bayerische Großsägewerk hatte in den Boomjahren ein drittes Werk (neben Unterbernbach und Uelzen) im hessischen Lauterbach (Vogelsberg) geplant. In diesem neuen Werk wurde 2009 die Produktion aufgenommen - inzwischen eher zwangsläufig, denn Heggenstaller ist unter anderem ein großer Lieferant von Paletten, die angesichts der Wirtschaftsflaute derzeit aber nur gering nachgefragt werden.
Die Geschäftsführung glaubt aber an den Aufschwung und vollendet den Aufbau des dritten Werkes. Vom TÜV Rheinland und Heggenstaller kamen die letzten Meldungen über neue Stellen in nennenswertem Umfang. Mehr als 1000 Arbeitsplätze schuf im zweiten Halbjahr 2009 kein Unternehmen mehr hierzulande.
Dagegen haben aber seit Juli 25 Unternehmen öffentlich die Streichung von 1000 und mehr Stellen angekündigt. Darunter mit jeweils mehr als 2000 Stellenstreichungen die Deutsche Bahn (wegen Rückgangs des Transportvolumens im Güterverkehr), Schaeffler (schwache Nachfrage aus der Autoindustrie), Opel (Konsolidierung auf dem Fahrzeugmarkt), Heidelberger Druckmaschinen (Schwierigkeiten der Zeitungen und Zeitschriften sowie des Werbemarktes), Primondo/Quelle und Hertie (nach Insolvenz abgewickelt), Continental (Autozulieferer), Landesbank Baden-Württemberg und Postbank (Bankenkrise).
Unter den großen Stellenstreichern wie auch bei den Stellenschaffern sind Unternehmen des Einzelhandels. Das zeigt den Strukturwandel innerhalb einer Branche, der mit der Verschiebung von Tausenden Arbeitsplätzen einhergeht - bei insgesamt stagnierendem bis leicht rückläufigem Umsatz. Alle großen Stellenstreicher sind vor allem Unternehmen, bei denen zur allgemeinen Konjunkturkrise noch eine spezielle Branchenkrise dazukommt wie im Automobilbereich oder in der Druckmaschinenindustrie oder eben im Einzelhandel.
Diese Doppelbelastung aus Konjunktur- und Strukturkrise drückt so stark, dass man allein über den stillen Arbeitsplatzabbau der Schwierigkeiten nicht Herr wird. Das ist jener Abbau über die Fluktuation durch Ruhestand und freiwilligen Stellenwechsel, bei dem freiwerdende Stellen nicht wieder besetzt werden. Ein Einstellungsstopp gilt in weiten Teilen der Wirtschaft. Allein die im Dax 30 notierten größten deutschen Aktiengesellschaften haben außerhalb angekündigter Großaktionen netto fast 20.000 Arbeitsplätze abgebaut. Dieser Abbau kommt noch zu dem öffentlich bekanntgegebenen Abbau hinzu, der seit vielen Jahren vom Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erfasst und vierteljährlich veröffentlicht wird.
Seit April 2009 überwiegt der Stellenabbau
Diese Statistik der veröffentlichten Ankündigungen von Stellenstreichungen und Stellenschaffungen ist in den letzten sechs Monaten ganz eindeutig auf die Seite der Stellenstreichung gekippt (siehe Grafik). 2007 wurde fast doppelt so viel Stellenaufbau angekündigt wie Stellenstreichungen. 2008 war die Stellenbilanz nahezu ausgeglichen. Auch im ersten Quartal 2009 lagen beide Zahlen für Stellenstreichungen einerseits und Stellenaufbau andererseits noch etwa auf gleicher Höhe. Einstellungen wurden noch vom Einzelhandel vorhergesagt; die Liste der Stellenschaffer wurde angeführt von den beiden großen Einzelhandelsunternehmen Rewe und Edeka sowie Kaufland und Lidl (beide gehören zur Schwartz-Gruppe).
Dann aber kippte die Statistik. Seit dem zweiten Quartal 2009, also seit April vergangenen Jahres, überwiegen die Stellenstreichungen - mit zunehmender Geschwindigkeit. Während die Stellenzuwächse zurückgehen, schnellten die Stellenstreichungen bis Ende Juni auf das Doppelte hoch, und zum Jahresende kommen auf eine angekündigte neue Stelle fast drei angekündigte gestrichene Stellen in der deutschen Wirtschaft. Ein Ende dieser negativen Entwicklung ist nicht abzusehen.
Nach einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) rechnen derzeit 27 von 44 befragten Branchen mit einem weiteren Arbeitsplatzabbau. Zwar erwarten viele Unternehmen in diesem Jahr bereits steigende Umsätze. Dieser Umsatzzuwachs reicht aber häufig nicht aus, um die noch aus den Boomjahren 2006 bis 2008 vorhandenen Kapazitäten auszulasten. Diese müssen daher angepasst werden, zumal die Rufe lauter werden, die deutsche Industrie drohe angesichts steigender Lohnstückkosten und sinkender Produktivität die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.
Arbeitslose flüchten in die Selbständigkeit
Anpassungen an die neue Wirtschaftslage gibt es aber nicht nur seitens der Unternehmen, wo es in diesen Zeiten meist um Stellenabbau geht. Anpassungswille und Anpassungsfähigkeit zeigen auch die betroffenen Arbeitnehmer. Viele von ihnen nehmen Arbeitslosigkeit nicht nur passiv als unabwendbaren Schicksalsschlag hin. "Der Schritt in die Selbständigkeit ist wieder eine Alternative zu Arbeitslosigkeit und den verschlechterten Perspektiven eines abhängigen Beschäftigungsverhältnisses", schreibt der Verband der Vereine Creditreform, Neuss, in seiner jüngsten Analyse über die Insolvenzen, die Neugründungen und die Firmenlöschungen.
Nach vier Jahren sinkender Neugründungszahlen (Anmeldungen im Gewerbe- und Handelsregister) sind im abgelaufenen Jahr mit 848 000 erstmals wieder mehr Zugänge als ein Jahr zuvor zu verzeichnen. "Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hat als ein wichtiger Push-Faktor das Gründungsgeschehen positiv beeinflusst", sagt Helmut Rödl, Mitglied des Gesamtvorstands des Verbands der Vereine Creditreform e.V. in Neuss. Und selbst wenn man von den Neueintragungen all jene abzieht, die nur wegen Gründung
eines Nebenerwerbs, wegen Erbfolge, Rechtsformwechsel oder Ortswechsel vorgenommen werden, so verbleibt mit 191.200 doch eine erkleckliche Zahl von sogenannten Neueintragungen mit wirtschaftlicher Bedeutung, die im abgelaufenen Jahr um gut 3 Prozent über dem vergleichbaren Wert des Vorjahres lag. Regional lagen alle Bundesländer gegenüber dem Vorjahr bei Firmenneugründungen im Plus mit Ausnahme von Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das dynamischste Gründungsgeschehen weist mit 12 340 Neugründungen je 10.000 Bestandsunternehmen Berlin auf, gefolgt von Brandenburg.
Zwar starten die meisten neuen Unternehmen mit einer eher geringen Gründungsgröße, in der Regel sogar nur mit dem Inhaber ohne abhängig Beschäftigte. Das dürfte im größten Gründungsbereich - den unternehmensnahen Dienstleistungen wie Werbeagenturen, Unternehmensberatern oder Sicherheitsdienstleistern - häufig der Fall sein. Aber vor allem im Verarbeitenden Gewerbe - mit fast 15.000 Neugründungen am Gründergeschehen beteiligt - sind bereits zum Gründungszeitpunkt Arbeitsplätze für abhängig Beschäftigte geschaffen.
Die meisten Neugründungen im Dienstleistungsbereich
Insgesamt sind durch Neugründungen im abgelaufenen Jahr 435.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden, hat Creditreform ermittelt. Obwohl in Dienstleistungsunternehmen im Durchschnitt weniger neue Arbeitsplätze entstehen, bildet der Dienstleistungsbereich insgesamt wegen der hohen Zahl der Neugründungen mit 250.000 neugeschaffenen Stellen auch den größten Block neuer Arbeitsplätze. Das Verarbeitende Gewerbe trägt mit 74.000 Stellen zum Beschäftigungsaufbau durch Gründungen bei, der Handel mit 69.000 und der Bausektor mit 42.000 Arbeitsplätzen. Aber selbst wenn die Zahl der Gründungen steigt und man davon ausgehen kann, dass sie angesichts zunehmender Arbeitslosigkeit auch im laufenden Jahr noch zunehmen wird, bleiben auch Gründer von der Krise nicht verschont. Es geht bei den neugegründeten Firmen angesichts der konjunkturellen Schwierigkeiten und der erschwerten Geldaufnahmemöglichkeiten langsamer voran als in früheren Jahren. Obwohl die Zahl der Neugründungen gestiegen ist, blieben die Beschäftigungseffekte mit 435.000 neuen Arbeitsplätzen daher hinter denen des Vorjahres (451.000) leicht zurück.
Auch wenn die Zahl der Arbeitslosen in den kommenden Monaten steigen dürfte, das Risiko des Arbeitsplatzverlustes bleibt und der Sprung in die Selbständigkeit nur für einen Teil von ihnen in Frage kommt, sind die Arbeitnehmer in ihrer großen Mehrheit mit der Situation am Arbeitsplatz zufrieden. Eine einmal im Quartal durchgeführte Umfrage der Fuldaer Job AG hat auch für das letzte Quartal 2009 eine weiterhin sehr hohe Zufriedenheit der Arbeitnehmer mit ihrem Arbeitsplatz festgestellt. Als Hauptgrund gaben die meisten Befragten das gute Arbeitsklima an, gefolgt von Gehalt und Aufgabenstellung. Die Sicherheit des Arbeitsplatzes folgte erst an vierter Stelle. Das zeigt, dass trotz angespannter wirtschaftlicher Lage die Unternehmen bemüht sind, ein gutes Arbeitsklima aufrechtzuerhalten.
Und ein Hoffnungsschimmer sind die immer noch offenen Stellen - zum Beispiel für Ingenieure. Zwar hat der jüngste Ingenieurmonitor des Vereins deutscher Ingenieure in Kooperation mit dem IW einen Rückgang der offenen Ingenieurstellen gegenüber Dezember 2008 um fast 40 Prozent registriert. Aber noch im November gab es 50.542 offene Ingenieurstellen hierzulande; mit 18.400 gab es die meisten im Fahrzeug- und Maschinenbau, also in Branchen, die von der Konjunktur besonders gebeutelt werden. Entsprechend niedrig liegt die Arbeitslosigkeit in dieser Berufsgruppe. Im November wurden lediglich 27.288 arbeitslose Ingenieure gemeldet. Die Fachleute werden immer gesucht. Denn es gibt sie noch - die Unternehmen, die auch einstellen.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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